Entzündet

Die für das Kindle-Marketing zuständigen Amazon-Mitarbeiterinnen haben sich lange Zeit vergebens um mich bemüht, bis sie mit Tim Carmody (How to Do (Almost) Everything With a Kindle 3) und Marco Arment (it’s now my favorite way to read content from Instapaper) unerwartete Verbündete fanden. Mr. Arment war sogar so freundlich, die Botschaft des unschlagbaren Preises für den Kindle 3 für stolze iPad-Besitzer zusammenzufassen:

We’re not competing with the iPad. You can buy both if you want.

Ja, wenn das so ist! Zu Testzwecken bestelle ich einen Kindle 3 (WiFi) und unterziehe ihn einem Vergleichstest mit dem iPad.

Der erste Eindruck ist tatsächlich sehr überzeugend: klein, leicht, großartiger e-Ink-Bildschirm. Allerdings hatte ich nicht erwartet, dass mich ein fehlender Touchscreen schon drei Jahre nach der Einführung des iPhone so irritieren würde – und auch alle anderen interessierten Testerinnen wischen spontan über die stoische elektronische Tinte. Erschwerend kommen die kurzen, aber spürbaren Seitenaufbauzeiten hinzu, und auch das eigenwillige Tastaturkonzept (neben den Blättertasten gibt es eine 5-Wege-Navigationstaste, Menu-, Back- und Home-Buttons) machen die Navigation etwas hakelig. Hier ist das iPad klar im Vorteil.

Seine Stärke spielt der Kindle in seiner Kerndisziplin aus: Dem Lesen längerer, zusammenhängender Texte. Das erste Testmedium ist Die Zeit in ihrer Inkarnation als ePub-Datei. Für den Kindle muss die bereitgestellte Datei mit Hilfe von KindleGen in eine Mobipocket-Datei umgewandelt werden. KindleGen wird im Rahmen des Amazon Kindle Publishing Program angeboten und wandelt neben ePub auch HTML-, XHTML-, XML-Dateien um.

Abgesehen von meinen Vorbehalten gegen eine Zeitung im Gewand eines eBooks gestaltet sich das Lesen auf dem papierartigen Kindle-Bildschirm deutlich angenehmer (was sich selbst bei einem neuen iPad mit Retina-Display nicht grundsätzlich ändern würde). Der zweite Vorteil des Kindle sind die fehlenden Ablenkungen: Keine Apps, kein E-Mail-Client, ein Browser, der nur eingeschränkt nutzbar ist – da fällt die Konzentration auf den Text nicht schwer.

Derselbe Vorteil gilt natürlich für echte elektronische Bücher. Getestet habe ich verschiedene Veröffentlichungen des O'Reilly-Verlags, die im ePub- und im Mobipocket-Format verfügbar sind. Umfangreiche Werke wie Programming Python oder Python for Unix and Linux System Administration lassen sich auf dem Kindle entspannter durcharbeiten. Anders sieht die Sache bei der Cookbook-Reihe aus: Für das Suchen nach kurzen Coding-Rezepten ist die iOS-Oberfläche besser geeignet.

Auch für Instapaper ist der Kindle – anders als von MG Siegler beschworen – noch keine optimale Plattform. Trotz der hymnischen Rezension von Marco Arment macht sich hier die fehlende Synchronisation mit dem Instapaper-Server bemerkbar. Um die eigenen Instapaper-Artikel auf den Kindle zu bekommen, muss man über die Website eine Archiv-Version (im Mobipocket-Format) herunterladen und anschließend per USB-Kabel (oder über einen gebührenpflichtigen Amazon-Service) auf den Kindle übertragen. Das ist entweder sehr unflexibel oder teuer und unflexibel. Im Vergleich dazu ist Instapaper für iOS eine echte Killer-App. Wenn es allerdings demnächst eine Version für den Kindle geben sollte, werden die Karten neu gemischt.

Fazit: Der Kindle ist ein deutlich besseres Lesegerät als das iPad, aber insgesamt ein weniger interessantes Gerät. Bleibt nur die Hoffnung auf neue Bildschirmtechnologien, die die Vorteile von LCD und e-Ink vereinen.