Jederzeit

Während meine beiden bevorzugten Tageszeitungen unterschiedliche digitale Strategien verfolgen, versucht sich Die Zeit an einer Synthese der beiden Modelle: Neben einer PDF- und einer ePub-Version der Druckfassung (beide für Abonnenten kostenlos) gibt es eine (auch für Abonnenten kostenpflichtige) iOS-App.

Die dahinter stehende Strategie ist mir trotz der Vorteile der App etwas unklar. Warum bekommen die Abonnenten mehrere digitale Formate geschenkt, während sie für ein weiteres digitales Format zahlen müssen? Hinzu kommt das komplexe Abonnement-Modell auf dem iPad bzw. iPhone: Man bezahlt für einen bestimmten Nutzungszeitraum, innerhalb dessen man außerdem nur eine bestimmte Zahl von Volltextausgaben herunterladen kann.

Davon abgesehen bietet Die Zeit ein erheblich durchdachteres Konzept als die Süddeutsche Zeitung: Sämtliche Inhalte des Webauftritts (einschließlich der Bildstrecken und Videos) lassen sich manuell oder automatisch herunterladen, um sie später zu lesen. Die Navigation – mit Ausnahme des Hauptmenüs – übersichtlich. Im Hauptmenü mischen sich inhaltliche Links (Ressorts, Fotostrecken) mit vielen administrativen Optionen (Freischaltung, Geräte, Über diese App, Feedback), die sämtlich unter dem globalen Punkt Einstellungen zusammengefasst werden sollten.

Ein zweites Grundproblem ist die Trennung zwischen Zeit Online und Die Zeit. Der erste Bereich bietet Zugriff auf die Inhalte der Website, der zweite ermöglicht den Download der vollständigen Druckausgaben. Diese technisch und redaktionell verständliche Trennung macht die App unnötig unübersichtlich: Viele Artikel findet man in beiden Bereichen, einige nur in Die Zeit

Wirklich gelungen ist die Kombination einer Textansicht sowie einer Ansicht im Originallayout für die Inhalte von Die Zeit. Dieser guten Idee gegenüber stehen die fehlenden Möglichkeit, einzelne Artikel als Favoriten zu markieren oder Links zu versenden (sofern die Artikel auch auf der Website verfügbar sein). Beides ist in Zeit Online möglich.

Auch die Navigation innerhalb von Die Zeit ist verbesserungsfähig: In der ersten Version der App fehlten zudem die Bildlaufleisten, die die Leseposition innerhalb eines Artikels markierten. Dieses Problem wurde in Version 1.1 behoben, dafür wird das Ende eines Artikels manchmal abgeschnitten. Außerdem verliert man die Leseposition sowohl innerhalb eines Artikels als auch innerhalb der Navigationsleiste, sobald man den Bereich (oder die App) verlässt.

Fazit: Trotz einiger Mängel im Bereich Die Zeit und der nicht optimal gelösten Verschränkung von Druckausgabe und Website ist die Zeit-App eine der besten deutschsprachigen Zeitungsapps für iOS.

Im Vergleich dazu ist die Handhabung der großformatigen PDF-Ausgabe auf dem iPad nur für begeisterte Multitoucher empfehlenswert – für jede einzelne Seite muss ausgiebig gewischt und gezoomt werden. Besser funktioniert die ePub-Ausgabe, wobei hier – wie bei der eTaz – das an Büchern orientierte ePub-Format einer Zeitung nicht wirklich gerecht wird. Man kann sich zwar über Links von Artikel zu Artikel hangeln, und es gibt auch Übersichten für die einzelnen Ressorts, aber letztlich lässt sich eine Zeitung auf diese Weise nur linear durcharbeiten.