Die seelische Hosennaht

Ralf Sotschek wundert sich in der taz, warum die irische Schuldenkrise so viel milder beurteilt wird als die griechische. Ob es daran liegt, dass die Griechen sich nicht in ihr Schicksal fügen wollten und Straßenschlachten anzettelten, während sich die Iren für ihre Bettelei schämen? Natürlich liegt es daran, und in dieser Haltung ist sich die Bild-Zeitung einig mit der Berliner Richterschaft um 1931:

Wie es also mein Schüler machen soll? Ich ließe ihn den Soldaten markieren, das nützt immer: den strammen Soldaten. Nicht übertrieben, aber doch mit den Händen an der seelischen Hosennaht –, die gibts eigentlich nicht, in Moabit gibt es sie. Immer: Jawohl, Herr Vorsitzender!Nein, Herr Vorsitzender! Und immer antworten: kurz, damit die Herren nicht so lange sitzen müssen, einfach, damit das Gesagte nachher als Belastung dienen kann, und simpel, damit die Akademiker ihre Überlegung fühlen. Und keine langen Verteidigungen. Und eine Spur unterwürfig, aber nicht zu sehr. Und immer dem vorgesetzten Richter ins Auge sehn. Und nicht um Mitleid flennen, sondern etwa wie der Sohn jenes bebarteten Oberlehrers bei Curt Goetz: »Ich habe eine Strafe verdient und bitte um eine gehörige solche.« Dann wird mein Schüler so etwas Ähnliches wie Gnade finden.

Das gilt natürlich auch für private Empfänger von Unterstützungsleistungen – immer schön die seelische Hosennaht im Blick behalten und das Unwort Solidarität vermeiden.