Ehrenrettung

In den vergangenen Tagen konnte den Mitgliedern der Bundeswehr wieder nach Herzenslust ein archaisches Männlichkeitsideal und eine bedenkliche Neigung zu Rauschmitteln unterstellt werden. Aber ist die Bundeswehr wirklich ein Hort tumber Trunkenbolde mit reaktionären Vorstellungen? Einen Hinweis auf die eigentliche Problematik liefert der ehemalige Berufssoldat Dirk Niebel, der während seiner Dienstzeit nach eigener Aussage seine psychischen und physischen Grenzen kennengelernt hat – offensichtlich ist das Eingeständnis nervlicher und körperlicher Überlastung auch bei Fallschirmjägern keine Schande. Hingegen vermeidet Herr Niebel die naheliegende Erwähnung seiner intellektuellen Grenzen. Hier scheint das eigentliche Tabu zu liegen.

Es ist aber doch ein offenes Geheimnis, dass die Wehrdienstzeit für viele Soldaten eine geistige Überforderung darstellt. Die intensive Beschäftigung mit dem Konzept der inneren Führung verschafft ihnen häufig nicht das Gefühl von Legitimität, sondern von Unzulänglichkeit. Gerade in den Eliteeinheiten der verschiedenen Waffengattungen erinnert die Dienstzeit häufig an ein fortgeschrittenes staatsrechtliches Seminar, und auch die Beurteilungspraxis ist den Gepflogenheiten Rechtswissenschaftlicher Fakultäten sehr ähnlich. Bildungsferne Rekruten setzt selbst die scherzhafte Aufforderung, das Grundgesetz innerhalb der ersten Woche auswendig zu lernen, da man es bekanntlich nicht immer unter dem Arm tragen kann, unter erheblichen Druck.

Wen wundert es da, dass sie sich in einer Art Übersprungshandlung in Drogenkonsum und pubertäre Mutproben flüchten? Vielleicht könnte Herr Niebel seinen verbleibenden politischen Einfluss nutzen, um zusätzliche Kriterien (Latinum, juristisches Prädikatsexamen etc.) in die musterungsärztliche Begutachtung einfließen zu lassen. Der ehemalige Gebirgsjäger Dr. jur. Karl-Theodor zu Guttenberg wird ihm dabei sicher keine Steine in den Weg legen.