Schrot

Es ist erfreulich, dass die Presseindustrie nicht nur die Fehler der Musik- und Filmindustrie wiederholt, sondern auch ganz eigene, originelle Fehler macht. Statt digitale Vertriebskanäle jahrelang zu blockieren, feuern die Qualitätszeitungen – wenn man mir das etwas schiefe Bild verzeihen möchte – aus allen digitalen Rohren.

Die New York Times zum Beispiel bietet ihre Inhalte auf der regulären Website an, über eine iPhone-App, über die Times Skimmer-Weboberfläche, über den mit Adobe Air entwickelten Times Reader sowie über die kostenpflichtige, Flash-basierte Electronic Edition an. Der Reader und die Electronic Edition sind die einzige Möglichkeit, die Times-Artikel offline zu speichern und zu lesen, und nur die Electronic Edition enthält den kompletten Inhalt einer Times-Ausgabe im gewohnten Layout.

Die Zeiten, in denen Amerika das Maß aller Dinge war, sind allerdings vorbei, und selbst das Oberflächen-Wirrwarr der Times kann nicht mit dem der Süddeutschen Zeitung mithalten. Neben der regulären Website pflegt man in München eine mobile Variante, eine kostenlose iPhone-App, eine kostenpflichtige iPhone-App (mit Abo-Modell), eine reguläre ePaper-Edition (als HTML- und als PDF-Version) sowie eine mobile ePaper-Edition (nur HTML). Die vollständige SZ liefern nur die abonnierbaren ePaper-Versionen, Offline-Zugriff hat man aber nur über die reguläre ePaper-Variante (als PDF) sowie über die kostenpflichtige iPhone-App.

Auch für das iPad wird es natürlich angepasste Versionen geben – die Times hat bereits eine modifizierte iPhone-App präsentiert, und die SZ wird sicherlich bald mit einer Platin-Version ihrer App nachziehen.

Ganz offensichtlich wollen die Zeitungsverlage sich nicht nachsagen lassen, sie hätten es nicht mit allen denkbaren Vertriebskanälen und Formaten gleichzeitig versucht. Dahinter steht vermutlich die vage Hoffnung, dass die Nutzerinnen irgendwann von der Dauerberieselung genervt sind und ein Abo abschließen. Diese Strategie funktioniert allerdings nur, wenn die Zeitungsvertriebler jedes einzelne Abonnement voll Dankbarkeit und Demut begrüßen und sehr viel Zeit für die Etablierung eines nennenswerten Abonnentenstammes einplanen.