Karriere

Der innere Reichsparteitag hat eine erstaunliche Karriere gemacht. Wurde er früher mit verschmitzt provokantem Grinsen von demokratisch gefestigten Menschen im Brustton geschichtlicher Kenntnis und impliziter Distanzierung verwendet, greifen 1065 Jahre nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler auch ZDF-Sportreporterinnen gern zu dieser prägnanten Formulierung.

Das ist allerdings etwas ungeschickt, denn außerhalb des über jeden Zweifel erhabenen Feuilletons gilt der innere Reichsparteitag noch als unsäglicher Vergleich. Die umfangreiche skandalisierende Berichterstattung zeigt, dass es viele Menschen gibt, die nicht mehr wissen, was ein Reichsparteitag war, und dass dieses Paradebeispiel für bombastische Befahnung auch während einer Fußball-Weltmeisterschaft keinen neutralen Referenzrahmen bildet. Das ist doch eigentlich ganz beruhigend. Entsprechend bemühen sich der verdienstvolle Stefan Niggemeier und natürlich der höchst betroffene ZDF-Sportchef (Das ist ein umgangssprachlicher Ausdruck, der nicht in die Fernsehsprache gehört.), die Gemüter etwas abzukühlen.

Seltsam ist vor diesem Hintergrund höchstens, wie entspannt ein Sommersemester mittlerweile mit der Buchstabenkombination SS abgekürzt wird, ohne dass wachsame Antifaschisten öffentlich Vorlesungsverzeichnisse verbrennen würden.