Zukunftsleser

Das Thema Presse und iPad hat einen gewissen Bart, bleibt aber mindestens so spannend wie das Wetter. Innerhalb weniger Wochen hat Apples Tablet die kühnsten Hoffnungen von Charlie Sorret übertroffen – es regnet Reader für Zeitungen und Magazine. Allein auf meinem iPad haben sich versammelt:

Die Kombination von NetNewsWire und Instapaper eignet sich wie erwartet perfekt, um einzelne Artikel aus verschiedenen Feeds zu klauben und sie (offline) zu lesen. Anders als erwartet vermisse ich zunehmend den Gesamteindruck einer Tageszeitung. Von den großen deutschen Zeitungsverlagen hat sich ausgerechnet Springer zuerst ins Appland gewagt, und so sehr ich mir eine Zeitung auf meinem iPad wünsche: Die Springer-Presse kommt mir nicht ins Haus. Für meine Lieblingszeitung gibt es ebenfalls eine iPhone-App, deren Offline-Funktion sehr begrenzt, fehlerhaft und nicht für das iPad optimiert ist. Immerhin lässt sich die PDF-Version der SZ mit Goodreader einigermaßen komfortabel lesen, und es besteht Hoffnung, dass der Süddeutsche Verlag demnächst ein revolutionäres digitales Zeitungsformat vorstellt. Die taz hat keine eigene App, bietet aber neben PDF auch DRM-freies ePub, HTML und ASCII an. ePub-Inhalte lassen sich besser navigieren als PDF-Zeitungsseiten, wobei die inhärente Orientierung an Kapiteln und die fortlaufende Textdarstellung innerhalb eines Kapitels für die Lektüre von Zeitungen etwas gewöhnungsbedürftig ist. Die Offline-Nutzung der HTML-Version scheitert am eingeschränkten Datenaustausch zwischen iPad und Mac.

US-amerikanische Zeitungen sind noch deutlich stärker unter Druck als europäische, und sowohl die New York Times als auch das Wall Street Journal sind mit iPad-Apps vertreten. Die kostenlose NYT Editor's Choice enthält eine kleine Auswahl von Artikeln, die sich nur online lesen lassen. Das WSJ dagegen verschenkt eine Applikation, die für zahlende Abonnenten den Download jedes einzelnen Artikels ermöglicht. Beide Apps übernehmen das Layout der gedruckten Artikel nahezu unverändert.

Das gilt auch für die iPad-Ausgabe des Wired-Magazins, das mit Unterstützung von Adobe realisiert wurde. Die dafür verwendete Plattform auf der Basis von InDesign generiert allen Ernstes zwei Bilder (Hoch-/Querformat) für jede einzelne Magazinseite und garniert das Ganze mit ein wenig XML-basierter Navigation (was auch den Umfang der App von mehr als 500 MB erklärt). Oder, wie Jon Gilkison es ausdrückt: 1990’s Here We Come … Again. Dabei ist die unveränderte Übernahme eines Drucklayouts für den relativ kleinen iPad-Bildschirm selbst unter rein optischen Aspekten keine gute Idee.

Die auch von Mr. Gilkison vorgeschlagene Lösung – die Verwendung von HTML5 – ist eigentlich naheliegend: Die App wäre nicht nur deutlich schlanker und flexibler, sie ließe sich auch parallel zur eigenen Website pflegen und weiterentwickeln. Im einfachsten Fall könnte eine Zeitung wie die taz ihre bereits angebotene HTML-Version in eine App-Hülle stecken, deren Inhalt von Abonnenten regelmäßig aktualisiert werden kann. Aber offenbar verfügen die Key Account Manager von Adobe über hypnotische Fähigkeiten, die selbst ein Technologie-Magazin davon überzeugen können, dass HTML5 nicht das Wahre ist.

Bis Zeitungen und Magazine wirklich überzeugende iPad-Apps vorstellen, werde ich mich also auf NetNewsWire, Instapaper und Goodreader verlassen müssen. Das hat wenigstens den Vorteil, dass die fürsorgliche Kontrolle von Inhalten durch Apple mich nicht betrifft. Wegen dieses Themas haben die deutschen Verleger sich übrigens bereits im März per Brief an Steve Jobs gewandt. Erfolglos. Vielleicht hätten sie es mit einer E-Mail versuchen sollen.