Unabhängigkeitsmail

Die Begeisterung über die yum-gestützte Verwaltung meines neuen Servers wurde etwas getrübt durch das unprofessionelle Management meines Hosting-Anbieters: Nicht nur sollte ich eine Einrichtungsgebühr für das neue System zahlen, auch die Umstellung der DNS-Einträge für die extern verwalteten Domains sollte 10 Euro (je Domain!) kosten. Nach kurzen Verhandlungen konnten wir gemeinsam über diese Vorstellung lachen.

Weniger lustig war die angekündigte Downtime von mehreren Werktagen für die Änderung der IP-Adresse auf dem firmeneigenen DNS-Server. Aus Sicherheitsgründen ließe sich dieser Prozess nicht beschleunigen.

Beim nächsten Gespräch reduzierte sich die in Aussicht gestellte Downtime auf einige Stunden, im dritten Anlauf wurde mir eine Umstellung exakt um Mitternacht versprochen. Großartig! Ich hätte also nur um Mitternacht aufstehen müssen... wenn die DNS-Einträge nicht wie durch Zauberhand schon eine Stunde nach dem Telefonat umgestellt worden wären. Während ich in einer längeren Besprechung saß und Vigil mein Mobiltelefon hysterisch vibrieren ließ. Die versprochene Bestätigung des Umstellungszeitpunktes bekam ich natürlich auch nicht.

Zwar hatte ich die Inhalte aller Postfächer vorab lokal gesichert und die Webapplikationen auf dem neuen Server eingerichtet, aber auch die erneute Einrichtung der 50 E-Mail-Weiterleitungen über das unhandliche Web-Portal des Anbieters – eine Umstellung auf den neuen Server ist aus technischen Gründen leider nicht möglich – kostete eine gewisse Zeit.

So eine Erfahrung lässt ein lokales Mailarchiv und den Betrieb eines eigenen MTA plötzlich sehr attraktiv erscheinen.

Die Verwaltung lokaler Ordner in mutt erweist sich als erstaunlich einfach: Eine Maildir-Ordnerstruktur ist rasch erstellt und dank großzügig eingesetzter set/unset-Kombinationen in .muttrc kommt das Archiv auch nicht mit den Standardordner auf dem Mailserver durcheinander.

Beim Transfer sämtlicher Mails gibt es endlich mal eine Ausschüttung auf meine Optimierungsinvestitionen (T.<Enter>;s~/Maildir/2011).

Für die Einrichtung von Weiterleitungen installiere ich Postfix auf dem Server (von einem eigenen IMAP-Server sehe ich wegen der aufwendigen Handhabung von SSL-Zertifikaten ab). Wenn man das Zusammenspiel von MTA, MDA und MUA einigermaßen verstanden hat, wartet Postfix mit neuen Herausforderungen auf. Benötige ich eine virtual_mailbox_domain? Eine virtual_alias_domain? Oder nicht doch eher eine relay_domain? Die richtige Antwort lautet virtual_alias_domain, womit sich der Konfigurationsaufwand auf ein Minimum reduziert:

# /etc/postfix/main.cf virtual_alias_domains = myfirstdomain.com, myseconddomain.com virtual_alias_maps = hash:/etc/postfix/virtual # /etc/postfix/virtual messages@myfirstdomain.com my@actualmailbox.com group@myseconddomain.com my@actualmailbox.com, someotherperson@gmail.com

Nach postmap /etc/postfix/virtual, service postfix start und der Umstellung der MX-Einträge für die virtuellen Domains warte ich auf die ersten Regungen in /var/log/maillog. Es dauert eine Weile, bis alle DNS-Server die neuen Verhältnisse verinnerlicht haben (Loop detected) und sämtliche Mails wieder in den richtigen Postfächern landen. Dann aber zeigt sich sogar der Spamfilter großzügiger als bisher – wahrscheinlich vertraut er seinem Nachbarn etwas zu sehr. Ich hoffe, dass mein unschuldiger Server nicht in einigen Wochen als notorische Spamschleuder gilt – immerhin spamme ich ja im Wesentlichen ein einziges Postfach.

Auf das erhebende Gefühl der technischen Unabhängigkeit warte ich allerdings immer noch. Wie teuer ist eigentlich der Betrieb eines eigenen kleinen Rechenzentrums?