Ausweislich

Vor sechs Jahren hat Marcus Schwarze im Techniktagebuch bereits die Nutzung der Online-Ausweisfunktion deutscher Personalausweise dokumentiert. Seitdem sollte sich einiges getan haben, und ich komme mit meinem neuen Personalausweis meiner Chronistenpflicht nach. Anders als 2015 kann statt eines Kartenlesegerätes ein NFC-fähiges Smartphone für die Kommunikation eines Notebooks mit dem Personalausweis verwendet werden, und es wird keine Java-Umgebung mehr benötigt. Es muss lediglich

Die gesamte Konfiguration wird in einem hilfreichen Videotutorial mit einer Laufzeit von knapp sechs Minuten erläutert, und die Kommunikation zwischen Ausweis, Smartphone und Notebook ist in drei von fünf Fällen erfolgreich.

Neben der selbstgewählten PIN (die im Personalausweisportal auch als Geheimnummer bezeichnet wird) gibt es noch eine PUK zur Aufhebung der PIN-Blockade (die laut PIN-Brief nur bei Bedarf freigerubbelt werden sollte) und ein Sperrkennwort – den vor sechs Jahren noch erforderlichen Berechtigungscode und die Kartenzugangsnummer gibt es nicht mehr.

Dafür ist das Diensteangebot erstaunlich konstant geblieben: Bundesweit kann man Informationen der Rentenversicherung und des Kraftfahrtbundesamtes als PDF-Dokumente herunterladen. Als Schwerbehinderte in Bayern, als De-Mail-Nutzerin, Kundin der Investitionsbank Berlin und der LVM-Versicherung oder als Z-EU-S-Projektträgerin könnte ich noch weitere Angebote nutzen, aber die meisten Dienste stellen Kommunen bereit. In meiner Kommune gibt es nur ein Antragsverfahren für (papierne) Urkunden, die ich persönlich abholen müsste.

Die Behörden haben aus dieser Stagnation den Schluss gezogen, die Nutzung der Online-Ausweisfunktion sei zu kompliziert, und bieten für ihre Dienste Servicekonten zur Authentifizierung mit Benutzername und Passwort an. Wenn man Dienste mit einem hohen Vertrauensniveau über ein Servicekonto nutzen möchte, muss man das Konto allerdings mit der Online-Ausweisfunktion eröffnen – und selbst dann können einzelne Dienste laut FAQs zusätzlich die Online-Ausweisfunktion bei Anträgen vorsehen. Ein Servicekonto übersteht eine Änderung von Daten im Personalausweis (Umzug, Namensänderung) nicht – in diesem Fall ist das Servicekonto (vor der Neuausstellung des neuen Personalausweises) zu löschen und mit dem neuen Personalausweis ein neues anzulegen.

Servicekonten sind also eher fragil und eignen sich nicht als Element einer dauerhaften digitalen Identität. Hintergrund der Servicekonten ist keine Benutzbarkeitsanalyse, sondern die rechtliche Verpflichtung zu einem Portalverbund mit einheitlichen Zugangsmodalitäten durch das Online-Zugangsgesetz (die theoretisch natürlich ebenfalls der Benutzbarkeit dienen soll). In der Realität des Jahres 2021 werden Servicekonten noch längst nicht von allen Kommunen des jeweiligen Landes unterstützt und es ist eher unwahrscheinlich, dass die vorgesehene Umsetzung bis Ende 2022 gelingt.

Einen anderen Weg zum Ökosystem Digitale Identitäten hat vor einigen Wochen die Bundesregierung mit der ID Wallet eingeschlagen: In einer Smartphone-App sollen Daten aus dem Personalausweis (und anderen Ausweisdokumenten) gespeichert werden, aktuell gibt es eine Basis-ID und einen digitalen Führerscheinnachweis. Das Verfahren enthält allerdings konzeptionell so gravierende (und vorab bekannte) Schwachstellen, dass die Anwendung aus den App Stores zurückgezogen werden musste. Bayerische Amtsträgerinnen in Berlin können Digitalisierung eben mit einer gewissen Grandezza vergeigen.

Selbst die De-Mail als Vorzeigeprojekt der digitalen Bundesrepublik lahmt mittlerweile etwas, und nun fällt auch noch das Modernisierungsjahrzehnt aus. Aber die Blockchain wird's schon richten.

(Dieser Beitrag erschien leicht gekürzt und disambiguiert auch im Techniktagebuch. Kathrin Passig hat mich ermahnt, ironische Äußerungen zu unterlassen, um die langfristige Interpretierbarkeit zu erhöhen, und sogar die Gastbeitragsrichtlinien um einen entsprechenden Hinweis ergänzt.)