3 Die Situation nach Caesars Tod und der Aufstieg Octavians

Gaius Octavius, der spätere Augustus, wurde am 23. September 63 v. Chr. geboren. In diesem Jahr hatte Pompeius das außerordentliche Kommando im Osten und die Verschwörung des Catilina wurde durch den Konsul Cicero aufgedeckt. Nach deren Niederschlagung erhöhte Cicero seine eigene Person in der 3. Catilinarischen Rede und stellte sich auf eine Stufe mit dem Staatsgründer Romulus.

Der Vater des Gaius Octavius, Gaius Octavius der Ältere, war in diesem Jahr Ädil und ein treuer Gefolgsmann des Gaius Julius Caesar, dessen Verbindung zu Catilina ihn ebenfalls in Verdacht brachte. Gaius Octavius wuchs als Mitglied der lokalen Oberschicht in der Provinz auf. Sein Vater war ein tüchtiger Mann, der es aber als homo novus nur durch die Familie seiner Frau zum Senator brachte. Im Jahr 61 war er Prätor, 59 starb er vor seiner Kandidatur für das Konsulat.

Obwohl Gaius Octvius bei seinem Stiefvater Marcus Filippus aufwuchs, entwickelte er eine starke Bindung zu seinem Großonkel Gaius Julius Caesar. Schon früh erhielt er hohe Ehrungen und wurde mit 16 Jahren zum Pontifex und magister equitum ernannt. Im Umkreis Caesars konnte er kaum ein Gefühl für die alten republikanischen Ideale entwickeln, vielmehr wurden ihm früh die Methoden der Machtpolitik nahegebracht.

In Apollonia (Albanien) erhielt er seine militärische, philosophische und politische Ausbildung, als die Nachricht vom Tod Caesars eintraf. Die Offiziere der für den Partherfeldzug bereitgestellten sechs Legionen forderten ihn auf, nach Rom zu marschieren.

Die politische Situation war zu diesem Zeitpunkt äußerst unklar. Caesar hatte weder einen eindeutigen Nachfolger, noch ein politisches System hinterlassen. Sicher war nur, daß die Republik in ihrer alten Form versagt hatte und große Persönlichkeiten den Staat führen würden.

Die Caesarmörder wünschten den alternden Cicero als Führer und zogen nach der Ermordung mit Freiheitskappen zum Forum. Doch die Stimmung des Volkes war gegen sie, und sie mußten sich zum Kapitol zurückziehen. Dolabella, der designierte Nachfolger Caesars als Konsul, erschien mit den Insignien eines Konsuls auf dem Forum. Lepidus, der magister equitum Caesars, ließ mit seinen Truppen das Forum besetzen. Antonius, der zweite Konsul, floh auf seine Landgüter. Die Attentäter hatten die die Atmosphäre falsch eingeschätzt: ihre Freiheitsparolen griffen nicht, und sie mußten ebenfalls aus Rom fliehen, als die plebs urbana begann, aufzubegehren.

Nach seiner Rückkehr begann Antonius, Verhandlungen mit den Caesarmördern zu führen. Er schloß einen Kompromiß, nach dem zwar Caesar nicht als Tyrann verurteilt wurde und seine Anordnungen weiter Gültigkeit haben sollten, seine Mörder aber ebenfalls straffrei blieben. Doch der Zerfall von Caesars System und die unklare Situation zerstörten diese Lösung.

Sueton berichtet vom Begräbnis Caesars, daß Tragödien aufgeführt wurden, die zum Haß gegen die Mörder aufriefen und Antonius eine provozierende Rede hielt. Das aufgebrachte Volk geleitete Caesars Leichnam zum Forum und verbrannte ihn dort unter zahlreichen Huldigungen. Eine Säule und ein Altar wurden als Kultstätte errichtet, und die Caesarmörder flohen endgültig aus Rom.

Antonius Position war trotzdem noch nicht gefestigt, die anderen Caesarianer (Dolabella, Lepidus, Hirtius und Pansa) waren seine Konkurrenten. Seine gute Ausgangsposition als Konsul verschlechterte sich, als er sich gegen die Divinisierung Caesars wandte und die Diktatur für alle Zeiten abschaffte. Auch der Abbau der Säule auf dem Forum durch Dolabella wurde ihm zur Last gelegt. Antonius’ Popularität bei der plebs urbana und den Veteranen sank, und auch die anderen Caesarianer begannen, seiner unverblümten Machtpolitik zu mißtrauen. Als Konsul und selbsternannter „Testamentsvollstrecker“ Caesars war er nahezu unangreifbar, weil er auch Caesars Geldmittel beschlagnahmt hatte und viele Gesetze als noch von Caesar beschlossen herausgab (z.B. Bürgerrecht für Sizilien) und dafür riesige Bestechngssummen erhielt.

Zu diesem Zeitpunkt gab es drei Parteien: Antonius, die gemäßigten Caesarianer und die Caesarmörder. Trotz des starken Übergewichts der Caesarianer im Senat erstarkte die Nobilität wegen der fehlenden politischen Alternative. Die einzige militärische Stütze der Republikaner war Sextus Pompeius, der eine starke Flotte im Mittelmeer hatte.

Dolabella ließ sich für das Jahr 43 Syrien, Antonius Makedonien als Provinz zuweisen. Nachdem er seine Position in Rom gesichert hatte (trotz der fehlenden Popularität), reiste Antonius Ende April nach Kampanien, um die Veteranen Caesars zu versorgen. Währenddessen hatte sich Gaius Octavius in Apollonia entschieden, den Marsch auf Rom abzulehnen. Zum einen hätte eine rasche militärische Lösung keine politische Stabilität gebracht, zum anderen war er sich seiner fehlenden militärischen Erfahrung durchaus bewußt. Also zog er mit kleinem Gefolge zunächst nach Lucida, wo er die Nachricht von seiner Adoption durch Caesar und dessen Kriegskasse erhielt. Von nun an nannte er sich Gaius Julius Caesar, um das Gewicht seines neuen Namens auszunutzen, ließ er den üblichen Zusatz Octavianus weg (heute wird er allgemein Octavian genannt).

Er erbte mit dem Namen Klientel, aber auch Gegner Caesars und dessen hohe finanzielle Verpflichtungen. Außerdem wurde es ihm mit der Annahme des Erbes zur Pflicht (im Sinne der pietas), seinen Adoptivvater zu rächen. Das versetzte ihn in eine extreme, riskante Position. Außer seinem Status als Erbe Caesars hatte er zu diesem Zeitpunkt nichts vorzuweisen, ihm fehlten Macht und Geld. Es gab vier Gruppen, die ihm helfen konnten:

Es gelang ihm, die Kriegskasse Caesars zu bekommen und Kontate zu Hirtius und Pansa, den Konsuln des folgenden Jahres, zu knüpfen. Obwohl seine Heer aus Unzufriedenen wuchs, hatte er immer noch keine wirkliche Machtbasis: kein Amt, kein Gefolge, kein echtes Heer und keine Senatsmitgliedschaft. Seine Gegner, die Caesarmörder waren dagegen Senatsmitglieder und mächtige Adelige.

Bei seiner Ankunft in Rom im Mai 44 wurde er von den Brüdern des Antonius freundlich empfangen. Sie versuchten, ihn als Gegengewicht zu Dolabella zu benutzen. Octavian trat allerdings sehr konsequent als Erbe auf und ließ sich nicht vereinnahmen. Antonius, der mit einem Heer von Veteranen als Leibwache und Schlägertrupp zurückkehrte, nahm ihn zu diesem Zeitpunkt noch nicht ernst. Trotzdem verlief eine erste Unterredung in gespannter Atmosphäre: Octavian verlangte Caesars Vermögen, um seinen Verpflichtungen nachzukommen, Antonius lehnte dies ab und setzte eine Kommission ein. Die Eigentumsprozesse gegen sich konnte Octavian daraufhin propagandistisch ausbeuten und die Vorwürfe an Antonius weitergeben. Er verkaufte sein Erbe und den eigenen Besitz, gab dies als Opfer der pietas aus und gelangte so in den Ruf moralischer Integrität.

Die Spiele des Apollo, die der Stadtprätor und Caesarmörder Marcus Brutus ausrichten sollte (er wurde von Gaius Antonius vertreten), ließ er durch Schläger stören, so daß die von ihm veranstalteten Spiele zu Ehren der Siege Caesars um so leuchtender erschienen. Ein Komet als Zeichen der Vergöttlichung Caesars trug zum Erfolg bei.

Octavians Position war nun deutlich besser: er galt als moralisch hochstehend, der pietas verpflichtet und unkompliziert. Dies brachte ihm die Sympathie der plebs urbana und der Veteranen. Antonius erkannte die Gefahr und begann, seine Kompromißpolitik aufzugeben und gegen die Caesarmörder zu agieren. Nach einem Eklat (der Verhaftung Octavians) und anschließender Versöhnung waren beide auf eine Linie gebracht.

Um seiner Entfernung aus Italien bei Antritt der Statthalterschaft zu entgehen, tauschte Antonius im Juni Makedonien gegen Gallia Cisalpina und Comata, behielt aber die makedonischen Legionen. Außerdem verlängerte er die Statthalterschaft auf fünf Jahre. Damit hatte er eine ähnliche Machtfülle wie Pompeius und Caesar in ihren außerordentlichen Kommandos. Diese Maßnahme alarmierte sowohl seine Gegner als auch seine Verbündeten.

Ein Attentat auf Antonius Anfang Oktober verschärfte die Spannungen weiter. Antonius zog nach Brundisium, um vier makedonische Legionen für den Krieg gegen den Caesarmörder Decimus Brutus in Empfang zu nehmen, der die Übergabe der Gallia Cisalpina verweigerte. Octavian sammelte 3000 Veteranen in Kampanien und zog nach Rom, wo er erstmals seine Absicht erklärte, die Macht zu ergreifen. Außerdem schickte er Werber nach Brundisium, die zwei Legionen durch gewaltige Geldangebote zum Überlaufen brachten.

Obwol Octavian erstmals öffentlich sein Ziel der Alleinherrschaft erklärte, kam es im Dezember zu einem Bündnis zwischen ihm und den Republikern im Senat (unter Führung Ciceros), weil Cicero glaubte, nach einem Sieg über Antonius mit Octavian leichtes Spiel zu haben. Damit gab es drei Machtzentren im Westen des Reiches: Decimus Brutus mit den Truppen der Provinz Gallia Cisalpina, Antonius mit zwei Legionen und Octavian mit mittlerweile vier Legionen. Im Osten herrschten die Caesarmörder Marcus Brutus und Cassius.

Durch eine Rede Ciceros vor dem Senat im Januar 43 wurde die Stellung Octavians legalisiert: er wurde in den Senat aufgenommen, die Besoldung seines Heeres wurde vom Staat übernommen, und er erhielt den Rang eines ehemaligen Konsuls, die Grenze für eine Kandidatur als Konsul wurde für ihn auf 30 Jahre gesenkt. Außerdem bekam er ein proprätorisches Imperium gegen Antonius. Damit war er plötzlich vom Rebell und Putschisten zum Vertreter des Staates geworden. Cicero verglich ihn in seiner Rede sogar mit Alexander dem Großen und nannte ihn pater patriae.

Der Wandel Octavians vom Adoptivsohn (und damit Anhänger Caesars) zum Heerführer der Republikaner scheint überraschend. Allerdings stellte er sich eher den Caesarianern zur Verfügung, um seinen Fürhungsanspruch zu bekräftigen. Antonius nutzte jedoch die scheinbare Kehrwende, um propagandistisch gegen Octavian vorzugehen und ihn der Verletzung der pietas zu bezichtigen. Die anderen Caesarianer kannten jedoch Octavians Beweggründe und warteten ab.

Zunächst kam es zu Verhandlungen, bis schließlich Ende April 43 Hirtius und Octavian gegen Antonius zogen. Pansa, der ihnen mit vier Legionen folgte, wurde von Antonius angegriffen und geschlagen, konnte aber vom herbeieilenden Hirtius gerettet werden. In der Entscheidungsschlacht unterlag Antonius, er floh nach Gallien. Durch den Tod von Hirtius und Pansa in den Schlachten waren die Caesarianer zerschlagen, Octavian verfügte über das gesamte Heer. Cicero plante, das militärische Kommando an sich zu nehmen und Octavian zu entlassen. Die Stellung des Sextus Pompeius wurde legalisiert, eine Rückkehr zur Republik schien wieder möglich.

Auf die Nachricht von seiner drohenden Entlassung reagierte Octavian mit sofortiger Einstellung der Kämpfe gegen Antonius. Dieser konnte Gallia Narbonensis erreichen und mit Hilfe des Lepidus neue Kräfte sammeln. Der Statthalter der Provinz, Munatius Plancus, fiel von seinem Verbündeten Decimus Brutus ab und schloß sich Antonius an. Decimus Brutus wurde auf der Flucht von einem germanischen Fürsten ermordet. Bei der anstehenden Konsulwahl kandidierte Octavian, knapp 20jährig, für das Amt. Cicero verweigerte seine Unterstützung, so daß Octavians Soldaten aus der Gallia Cisalpina im Juli das Forum besetzten und das Konsulat für ihren Führer zu erzwingen versuchten. Schließlich zog Octavian mit seinem gesamten Heer nach Rom und ließ sich wählen (August), seine Soldaten bekamen je 5000 Sesterzen. Kraft seines Amtes ließ er nun die Caesarmörder verurteilen und seine Adoption gesetzlich verankern.

In Norditalien traf er im November 43 mit Antonius und Lepidus zu einer Unterredung zusammen, die mit der Gründung des zweiten Triumvirats endete. Dieses Bündnis war stark an Antonius ausgerichtet. Die zunächst führende Rolle des Lepidus, die auf dessen Verbindungen beruhte, wurde in den späteren Jahren immer unwichtiger, während sich die Beschaffung von Geld zum zentralen Machtfaktor entwickelte. Octavian und Antonius sollten gemeinsam den Krieg gegen die Caearmörder im Osten führen, während Lepidus als Statthalter in Rom fungierte. In Italien war die Position des Antonius sehr stark: er hatte viele Verbindungsleute an wichtigen Posten, außerdem war Lepidus sein erklärter Gefolgsmann.

Antonius erhielt für das folgende Jahr die Provinzen Gallia Cisalpina und Comata, Lepidus Gallia Narbonensis und Spanien und Octavian Africa, Sardinien und Sizilien (auf die er wegen Sextus Pompeius nicht zugreifen konnte). Durch die mächtige Stellung des Antonius war Octavian außerdem gezwungen, das Konsulat niederzulegen und an zwei Anhänger des Antonius zu übergeben. Vor der Volksversammlung wurde das Triumvirat bestätigt und auf fünf Jahre befristet.

Um das Besoldungsproblem zu lösen, wurden wie unter Sulla Proskriptionen ausgehängt: 300 Senatoren und 2000 Ritter fielen ihnen zum Opfer, darunter auch Cicero. Dieser Terror wurde später zum Schatten auf Octavians fleckenloser Biographie. Hauptopfer waren die Gegner des Antonius, den Nutzen von den Proskriptionen hatte allerdings auch Octavian, weil die Finanziers der Republikaner und die Wendehälse im Senat beseitigt wurden. Durch den Tod Ciceros war auch die letzte unabhängige Quelle verstummt, die Berichte der folgenden Jahre sind stark an den Triumvirn ausgerichtet.

Nach der Ausschaltung der inneren Gegner rüsteten die Triumvirn zum Krieg gegen die Caesarmörder. Nach zahlreichen Beschlüssen zur sakralen Verehrung Caesars Anfang 42 (mit dem Ziel, die Bevölkerung auf den Krieg einzustimmen), zogen Octavian und Antonius in den Osten. Von den 43 Legionen, die ihnen zur Verfügung standen, brachen etwa 21 auf, von denen 19 in der Schlacht bei Philippi kämpften. Brutus und Cassius, die Heerführer auf der anderen Seite führten ebenfalls 19 (von 21) Legionen an.

Sextus Pompeius blieb mit seiner mächtigen Flotte ein unberechenbarer Faktor. Octavian ließ ihn durch einen Stellvertreter in eine Schlacht verwickeln, um die Überfahrt von Brundisium an die dalmatische Küste zu ermöglichen. Bei Philippi trafen die Heere im Oktober 43 schließlich aufeinander, Antonius stand gegen Cassius, Octavian gegen Brutus. Nach dem Sieg des Antonius beging Cassius Selbstmord, während Brutus auf dem anderen Flügel siegreich blieb, Octavian versteckte sich in den Sümpfen. Gleichzeitig siegte die Flotte der Caearmörder und vernichtete zwei Legionen. In der zweiten Schlacht verlor Brutus gegen Antonius. Er und viele andere Adelige aus seinem Heer begingen Selbstmord oder wurden hingerichtet, seine Soldaten liefen über. Antonius war der Sieger von Philippi, Octavian hatte keinen Anteil daran, auch wenn er in seinen Res Gestae schreibt, er habe seine Gegner in einer doppelten Feldschlacht besiegt. Damit war die erste Phase des Aufstiegs Octavians - vom Tod Caesars (15. März 44) bis zur Schlacht von Philippi (Ende Oktober 42) - beendet.