3 Leopold Zunz: Die Namen der Juden

Die Gemeinde wurde dabei von Leopold Zunz unterstützt, der in seiner Abhandlung „Namen der Juden. Eine geschichtliche Untersuchung“ nachwies, dass Juden schon zu allen Zeiten Namen fremder Völker angenommen hätten. Im 1. Jahrhundert der persischen Epoche (536 – 432 v. Chr.) seien schon viele neuere Namen angenommen worden, wobei sich besonders eine Abhängigkeit von der (umgebenden) aramäischen Sprache entwickelte: aramäische Endungen und ganze Namen, sowie Umformungen hebräischer Namen in aramäische Formen (Jehoschua – Jeschua). Daneben gab es auch arabische Einflüsse, so wurden hebräische Namen ins Arabische übersetzt (Namen trugen damals noch Bedeutung). Namen wie „Mordechai“ (pers. Gott Marduk) und „Balthasar“ wurden von Babyloniern und Persern entlehnt, auch Namen wie Cherub (Greif) und Thammusa (Adonis) wurden von Babyloniern und Juden getragen. Es gab kein „Auflesen“ von Namen aus dem Gesetz oder den Schriften des Propheten, sondern jeder folgte dem Fortgang der lebenden Spache, d.h. die Empfindung durchte frei mit dem Wortschatz walten. Auch im folgenden Jahrhundert (432 – 330 v. Chr.) gab es keine Rückkehr zu alten Namen, stattdessen tauchten Namen mit dem Artikel [Ha-] auf (Hakaton, Hakoz u.a.). Noch bunter wurde das Bild in der griechischen Periode (330 – 40 v. Chr.). Viele neue hebräische und aramäische Namen kamen auf, in den höheren Ständen auch schon griechische Namen (Alexander, Antiochos, Antipater, Bcchius, Ptolemäus, Theodorus). Mit der zunehmenden Abhängigkeit von Rom traten auch römische Namen auf wie Agrippa, Antoninus, Julianus, Justus, Romanus, Tiberius. In den ost- und westasiatischen Gebiten wurden wieder verstärkt persische und aramäische Namen gegeben (Asche, Busna, Mabug, Hannibal, Chabiba, Suti). Daneben gab es weiter die Namensbildung durch den Hebraismus, der allerdings aramäisch geprägt war. Verhältnismäßig unbedeutend war die Zahl der biblischen Namen (Binjamin, Jacob, Jeremia, Jeschua, Joseph, Josua, Isaac, Juda, Levi, Nathan, Pinchas). Bei den Frauennamen gab es ein ähnliches Verhältnis: Von den 50 häufigsten Namen zwischen dem Untergang des babylonischen und dem des weströmischen Reiches war nur ein Sechstel altbiblisch. Die Namensgebung stellt sich also wie folgt dar:

  1. biblische Namen
    1. altbiblische (wenige oft, einige minder häufig, einige selten)
    2. jüngere (einige oft, einige nicht häufig)
  2. neue Namen
    1. hebräische
    2. aramaisierende
    3. aramäische
  3. fremde Namen
    1. persische (häufig)
    2. syrische (häufig)
    3. griechische (allgemein üblich)
    4. römische (allgemein üblich)

Teilweise gab es Doppelnamen aus einem fremden und einem nationalen Bestandteil (Beltschazar-Daniel), dies gab es später auch bei den Deutschen und Syrern als Zeichen der (römischen) Fremdherrschaft und des Zudrangs der ausländischen Kultur. Die Erscheinung wurde unter den Seleukiden deutlicher, sie war ein Zeichen für Unterwürfigkeit, Flucht und Not. Zunächst wurden die fremden Namen nur bei Gebrauch der fremden Sprache, im Umgang mit Heiden oder mit der fremden Staatsgewalt benutzt, erst im 1. Jahrhundert n. Chr. verbreiteten sie sich als alleinige Namen, den Anfang machten sehr gebräuchliche Namen und Übertragungen aus dem Hebräischen. Obwohl einige Heidennamen selten gebraucht wurden, haben die Juden außerhalb Judäas und Galiläas überall fremde Namen übernommen. Hochgestellte Persönlichkeiten trugen solche Namen und gaben auch ihren Söhnen ausländische Namen. Namensänderungen beim Übertritt zum Christentum wurden erst nach Jahrhunderten die Regel, gewöhnlich behielt man seinen Namen.

Der Namensschatz der hebräischen Sprache verjüngte sich durch syrische, persische und griechisch-römische Namen, genauso wie die heutigen deutschen Vornamen aus dem germanischen, dem klassischen und dem biblischen Altertum stammen. Dieses natürliche Ereignis, Sprache und Namen des Volkes, unter welchem man lebte, sich anzueignen, hat den Juden niemand verpönt. Man kümmerte sich nicht darum, ob der jüdische Bürger Daniel hieß oder Peter. Denn Sprache und Namen sind, wie die Sonne, ein Allgemeingut. Kritik gab es lediglich von traditionellen Juden, die neue Namen als Verleugnung und Abtrünnigkeit betrachteten. Die Sitte, Söhne nach den Vorfahren zu benennen, setzte erst ein, als die biblischen Namen schon in der Minderzahl waren und stärkte so die Dominanz der ursprünglich „fremden“ Namen. Im Mittelalter verursachte der wachsende Druck durch die Christen eine Abschottung der Juden, aber eine Namenbeschränkung gab es nicht; die Namen waren hebräisch, aramäisch, arabisch, persisch und europäisch. Teilweise wurden hebräische Wörter zu Namen erhoben und selten gebrauchte biblische Namen kamen wieder in Gebrauch: Aaron, Abraham, Baruch, David, Mose, Nia, Salomo. Meist wurden dagegen in der moslemischen Welt arabische , in den christlichen Staaten europäische Namen gegeben: Abdalla, Baschar, Hassan, Kalifa und Basilius, Julius, Justus, Leon, Theodosius.Die angeführten Namen stiegen wie schon früher von Beinamen zu alleinigen Namen auf. Die gehäufte Wiederkehr von Namen in einer Familie gab es erst im 9./10. Jahrhundert, denn in der zweiten Hälfte des Mittelalters (1000 – 1492) wurde die Übertragung der Namen Verstorbener auf Kinder ein frommer Brauch. Als „Erbnamen“ wurden hebräische Namen (Moses, Salomo, Israel), aber auch Namen der Landessprachen getragen. Lediglich als synagogale Namen waren nur die biblischen Namen, die der Talmudisten und die altüblichen aramäischen und hebräischen Namen zugelassen. Der bürgerliche Name musste sich bei Abweichung am synagogalen orientieren. Einem bestehenden bürgerlichen Namen wurde der kirchliche Name durch Übersetzung oder Klang- und Bedeutungsähnlichkeit angepasst. Häufig herrschte aber auch Willkür, d.h. es gab keine Verbindung von bürgerlichem und synagogalem Namen. Bei Frauen, die nicht durch synagogale Namen gebunden waren, gab es kaum Doppelnamen. Der bürgerliche Name blieb der wichtige im Umgang mit Nicht-Juden. Durch den uneingeschränkten Gebrauch des facettenreichen Namensschatzes verwischte sich im Bewusstsein der Unterschied des Ursprungs. An europäischen Namen gab es Albert, Alexander, Benedict, Bernart, Leo / Leon, Marcello und Peter, an deutschen Anselm, Arnold, Eberhart, Falk, Friedrich, Gotthart, Gottlieb, Gottschalk, Löwe, Liebkind, Trautlieb, Weiss, Wolf u.a. Eine Reihe dieser mittelalterlichen Namen sind später ungebräuchlich geworden.

Nach den Judenverfolgungen zwischen 1300 und 1500 entstand bei der Neuansiedlung der Gemeinden ein großes Namen-Mischmasch. Englische und französische Namen bei den deutschen Juden, schweizerische bei den polnischen, italienische wurden germanisiert usw. Zwischen 1492 und 1781 waren bei den Juden neben den genannten mittelalterlichen noch viele andere Namen gebräuchlich: Antonius, Gört, Hartwig, Heine, Heinrich, Markus, Paul, Pfeiffer. Über die Nationen und Epochen hinweg haben die Juden die verschiedensten Namen, sogar Umgestaltungen hebräischer Namen (Dawud, Ismail, Kobel (Jakob), Joachim, Manuel (Menachem) Salman (Schelomo)) übernommen.

1781 plädierte Dohm für die Emanzipation, und es wehte ein frischer Wind durch die abgeschlossenen Gemeinden: Der jüdische Jargon wurde durch die Landessprache ersetzt, und altertümliche Namen wurden abgeschafft, denn je stärker die Einordnung in die Gemeinschaft, desto entschiedener die Übernahme von Sitten und Ausdruck (Assimilation). Mit veralteten Sitten und Mundarten starben auch die alten Namen ab; durch die neue Akzeptanz ermutigt, fanden die Juden nun schnell zu den modernen europäischen Namen. Aber diese Übernahme ist, wie man gesehen hat, nicht neu: Uralt ist es, dass Juden europäische Namen führen, dass sie altübliche im Stich lassen, jüngere rund umher auswählend. Das also Juden wie heiden und Christen heißen, ist ein uraltes, verjährtes Recht und so unschuldig und naturgemäß, dass seit Cyrus es niemand angetastet hat. Nur in Böhmen hatte sich fälschlicherweise die Exklusion bestimmter Namen eingeschlichen, aber das ist jüngst korrigiert worden.

Die Behauptung, Juden trügen nur biblische Namen, ist damit fast lächerlich. Die Anklage bedauert offenbar, dass Juden auch Rudolf und Otto heißen; das ist der alte Judenhass in neuer Kappe. Unter den Namen der Juden kommen – entgegen den Behauptungen – auch nicht ungewöhnlich viele Tiernamen vor; sie haben sich nur in den jüdischen Ghettos länger bewahrt, während de Deutschen diese Namen aufgaben. Die angeblich durch Juden korrumpierten Namen wie Leiser, Herz und Mendel stehen auf einer Ebene mit umgeformten hebräischen Namen wie Heinrich, Joseph, Elisabeth, Mathias. Wenn das Korruption ist, dann ist sie allgemein. Tatsächlich sind Namensumformungen nicht Entstellungen, sondern entsprechen dem Geschmack der Zeit.Die Zuneigung zum eigenen Namen offenbart sich in solchen Umformungen, denn im Namen haftet die Erinnerung, während die Sprache stets gegenwärtig ist. Hinzu kommen Wanderungen, die dialektale Veränderungen bewirken, und das gilt gerade für den deutschen Sprachraum.

Nur dadurch, dass sie veraltet sind, werden viele Namen als „jüdisch“ angesehen, obwohl sie einst in vielen christlich-deutschen Familien getragen wurden: Benjamin, Friedeman, Gutkind, Hänel, Jud, Knoblauch, Lieberman, Mendel, Seligman. Die Verfolgung und Absperrung ist die Ursache dafür, dass Juden diese Namen konservierten. Für diese Anhänglichkeit kann man die Juden kaum bestrafen, indem man ihnen neuere Namen verwehrt.

Aber selbst wenn man das wollte: Eine christliche Sprache gibt es gar nicht, so wenig wie eine mohamedanische, monotheistische, lutherische. So gehören denn die Namen immer zunächst einem Volke und einer Sprache an; folglich gibt es keine christlichen Namen. Betrachtet man als christliche Namen die gebräuchlichen Tauf- und Vornamen, so zeigt sich, dass diese Namen entweder heidnischen (germanischen) oder ausländischen Ursprungs sind. Und unter den ausländischen sind auch hebräische; diese verfallen doch nicht den Christen, nur weil die Juden nicht gegen den Gebrauch protestieren. Will man aber zwangsweise in jüdische und christliche Namen teilen, so sind fast alle gebräuchlichen Namen jüdisch, wenn sie aus der Bibel stammen. Auch die übrigen ausländischen Namen haben die Juden schon ein Jahrtausend länger im Besitz als die Christen. Wenn man sich aber auf die sprachliche Herkunft bezöge – warum sollten nicht, wie überall in Deutschland, auch bei den Juden Namen verschiedener Herkunft vorkommen? Überhaupt ist der Namenbesitz wie die Namenwahl ein geheiligtes Recht der Eltern. Das Christentum ist für Liebe und Erkenntnis aufgetreten, nicht für Privilegien seiner Bekenner.

Die Königsberger jüdische Gemeinde brachte es auf den Punkt: „Christliche Namen“ seien „eine eben so unbekannte Verbindung als christliche Sprache oder christliche Wörter“. Ein weiteres Argument der beiden Gemeinden war, dass das Emanzipationsedikt die jüdischen Untertanen auf den Gebrauch der deutschen Sprache verpflichtet habe – und ein Verbot der gebräuchlichen Vornamen würde dieser Verpflichtung widersprechen.

Dieser schlüssigen Argumentation konnte das Innenministerium natürlich nichts, vor allem keine Liste christlicher Vornamen entgegensetzen. Auch die Regierungspräsidenten schickten keineswegs Widerlegungen solcher Argumentationsketten, sondern eher ähnliche Bitten und Vorstellungen. Der Regierungspräsident in Frankfurt/O. schrieb, das probeweise angesetzte Kriterium „jüdisch“ würde dazu führen, dass Juden gerade besonders „christliche“ Namen wie „Johannes, Jesus, Maria, Elisabeth“ ohne weiteres annehmen dürften. Auch ein Verbot der Namen aus dem Gregorianischen Kalender führe nicht zum Erfolg, denn der enthielte auch spezifisch „jüdische“ Namen („Noah“, „Habakuk“), modernere Namen („Oscar“, „Alma“) aber nicht. Eine grenzschaffende Richtschnur schlug der Minister für geistliche Angelegenheiten vor, der ja schon im Fall „Julius“ sehr klar den eigentlichen Zweck des Erlasses erkannt hatte: Ausgeschlossen werden müssten Namen, die „nach dem [...] sich zu gegenwärtiger Zeit und in diesseitigen Landen findenden Gebrauche, die gewöhnliche Meinung einer Angehörigkeit [...] zur christlichen Glaubenspartei begründen“. Welche das aber im einzelnen seien, könne nur die Einzelbeurteilung sagen.

Der Innenminister von Rochow, eingeklemmt zwischen dem mehrfach erklärten Willen des Monarchen und der Untauglichkeit des eingesetzten Mittels, verharrte in Untätigkeit und wies in seinen Berichten an den König nur auf das drohende Chaos angesichts des unklaren Begriffs „christliche Namen“ hin. Schließlich kam es 1839 zum Eklat, als jüdische Petenten dem König glaubhaft versicherten, von Namensverboten noch nie etwas gehört zu haben. Der erzürnte Monarch forderte am 5. Februar 1839 einen sofortigen Bericht, der innerhalb eines Monats folgte. Darin bezog der Innenminister sich auf die Eingaben der Juden und stellte fest, dass es doch eigentlich nicht um die nicht zu definierende „Christlichkeit“ eines Namens gehe, sondern um die Verhinderung falschen Scheins. Praktikabel sei dazu die Beschränkung auf synagogale Namen oder die Ausweitung der Posener Vorschrift von 1833 auf das gesamte Staatsgebiet, also die Beschränkung der Juden auf ihre eigenen Traditionen.

Dann aber machte er grundsätzliche Bedenken geltend: Eine solche Regelung „würde den nationalen Unterschied auf das erkennbarste erfrischen“ und damit der Intention des Emanzipationsediktes zuwider laufen. Letzteres zielte ja nicht auf wirkliche Emanzipation, sondern auf die unmerkliche Auslöschung des Judentums durch Anpassung. Bei der Wahl zwischen einer Revitalisierung und Absorption plädierte von Rochow für letzteres und schlug vor, 1. willkürliche Namensänderung unter Strafe zu stellen, 2. religionsbezogene Namen („Christoph“, „Christian“) für unstatthaft zu erklären und 3. die einengende Sonderregelung für Posen aufzuheben. Diese Vorschläge lehnte der König am 20. April 1839 ab und bestand darauf, dass die Namenswahl künftig in ganz Preußen „auf das Herkommen zurückgeführt“ werden sollte. Nun erstellte der Innenminister eine Statistik, die 560 Berliner Juden mit „christlichen“ Namen vor 1812 auswies, wobei auch germanische Namen wie „Siegfried“ in die Liste aufgenommen wurden. Damit war die Haltlosigkeit der konservativ-reaktionären Argumentation nachgewiesen. Was der Innenminister allerdings nicht berücksichtigte, waren die biblisch-alttestamentarischen Namen wie „Jacob“ und „David“, die auf der Liste „christlicher“ Namen auftauchten. Dies verwies auf eine Tatsache, die Rudolph M. Loewenstein 1952 auf den Begriff des „cultural pair“ brachte: Das nahezu unauflösbare Ineinander von christlicher und jüdischer Kultur. Die Vorbehalte der Mehrheit gegen die Aneignung „ihrer“ Namen durch eine Minderheit verdunkelten die Erkenntnis, dass man selber den Identitätssymbolen der scheinabr Fremden einen wichtigen Platz in der eigenen Kultur zugewiesen hatte. Solange diese Dependenzen nicht offen einbekannt wurden, konnte auch die permissivste Lösung die Probleme nicht von ihrem Grunde her fassen.

Jedenfalls konnte sich der Innenminister, gerüstet mit der Statistik und einem weiteren Gutachten, letztlich durchsetzen: Alle Staatsminister unterzeichneten den endgültigen Immediatbericht vom 12. März 1840, in dem „unübersteigliche Schwierigkeiten“ bei der Ausführung der Kabinettsordre vom 19. Juni 1836 geltend gemacht wurden, da die Namensvermischung nicht mehr rückgängig zu machen sei. Auch hier wurde der eigenen Nutzung von alttestamentarisch-jüdischen Namen nicht dasselbe Gewicht beigemessen. Es wurde vorgeschlagen, nur diejenigen Namen zu verbieten, die mit der christlichen Religion in unmittelbarem Zusammenhang stünden, und die bei den Juden bisher nicht verwendet worden seien. Am 9. März 1841 unterzeichnete schließlich der Sohn und Nachfolger des Königs, Friedrich Wilhelm IV., die endgültige permissive Regelung. Ein eindeutiges Unterscheidungskriterium „Jude – Nichtjude“ hatte sich nicht etablieren lassen. Gleichwohl bestanden die antijüdischen Ressentiments und damit der Wunsch nach Erkennbarkeit weiter, auch auf allerhöchster Ebene: Im April 1845 lehnte der König wie sein Vater das Gesuch eines Juden ab, seinen Sohn Friedrich Wilhelm nennen zu dürfen.