4 Der Wiederbeginn in Köln (1945–1948)

Seit dem 6. März war das linksrheinische Köln in US-amerikanischer Hand, ab Anfang April auch die rechte Seite des Rheins. Die überlebenden Sozialdemokraten waren auf sich selbst gestellt, da die Strukturen auf Reichsebene während des Dritten Reiches völlig zerstört worden waren. Allein Werner Hansen war aus London schon vor der Ankunft der US-Armee in Köln eingeschleust worden. Die Stadt lag in Trümmern, der Militärkommandeur suchte deutsche Verbindungsleute eher bei den kirchlichen Stellen und politische Arbeit war untersagt. Man konzentrierte sich also zunächst auf praktische Aktivitäten wie die Versorgung, den Aufbau, Verhinderung von Plünderungen, die Verteilung von Wohnraum und den Umgang mit den Nazis. Antifaschistische Bürgerausschüsse wurden von Sozialdemokraten und Kommunisten initiiert. Dann begann die gewerkschaftliche Neuorganisation unter Hansen und Hans Böckler mit der Gründung von Betriebsräten. Eine linke und christliche Einheitsgwerkschaft wurde allerdings von den (seit Juni 1945) britischen Besatzern verhindert (erst 1950 wurde der DGB als Dachverband der Gewerkschaften gegründet). In der amerikanisch berufenen Stadtverwaltung unter dem Überbürgermeister Konrad Adenauer gab es keine Sozialdemokraten. Eine Kommission mit Werner Hansen, Viktor Agartz und Lies Hoffmann entwarf ein Programm, das eine übernationale staatliche Organisation forderte und marxistisch orientiert war. Als neues Parteiprogramm konnte sich der Entwurf nicht durchsetzen, Kurt Schumacher entschied, der Aufbau einer Parteiorganisation habe Vorrang. In Köln kümmerte sich Robert Görlinger um diese Aufgabe.

In den westlichen Zonen waren in den ersten Monaten keine politischen Parteien erlaubt, im September 1945 wurde aber einem Antrag der SPD auf Legalisierung stattgegeben. Auch die bürgerliche Seite konstituierte sich rasch: Im November 1945 wurde in Bad Godesberg unter Führung des Berliners Andreas Ermes die CDU gegründet. Kurt Schumacher hielt am 11. November eine programmatische Rede in der Aula der Kölner Uni, ab März 1946 erschienen mit der Rheinischen Zeitung und der (kommunistischen) Volksstimme auch die ersten Zeitungen wieder. Am 20. Juni 1946 wurde ein Parteitag für den Bezirk Köln auf einem Rheindampfer abgehalten, auf dem die junge Generation noch fehlte. Aber bald setzte ein Zustrom aus den Mittelschichten ein, so daß die SPD in Köln Ende 1946 5500 Mitglieder zählte. Eine Restiution der sozialdemokratischen Kulturvereine scheiterte allerdings, aus der SPD wurde eine politische Aktionspartei.

Zwar war die Partei wegen ihrer Aufbauarbeit sehr auf sich bezogen, aber Robert Görlinger prangerte unmittelbar nach seiner Rückkehr aus dem KZ die Benachteiligung der SPD auf kommunaler Ebene an. Seit dem Mai 1946 traten die Sozialdemokraten verstärkt mit Versammlungen in den einzelnen Stadtteilen hervor. Mit der KPD trat auch ihr alter Konkurrent wieder in Erscheinung. Sie konnte bei ihrer Reorganisation auf die Unterstützung durch das Berliner Komittee Freies Deutschland bauen und war in Ortsausschüssen stark vertreten. Die rheinischen Kommunisten betrachteten die Fusion von KPD und SPD in der SBZ im Frühjahr 1947 als Vorbild. Mit Reden von Pieck und Grotewohl im Rheinland warben sie um Unterstützung für diese Idee. Die SPD verhielt sich ablehnend, war aber gleichzeitig unsicher über das Stimmenpotential der KPD. Auch ihr neuer Gegner auf der Rechten, die CDU, irritierte die Sozialdemokraten: Konrad Adenauer, der in der Weimarer Republik mit der SPD zusammengearbeitet hatte, gab sich nun konservativ und antisozialistisch, das neugegründete Zentrum war zwar linker, aber auch erheblich schwächer als die Christdemokraten. Im März 1946 errang die CDU bei einer Volksabstimmung in Nordrhein-Westfalen über das künftige Schulsystem einen Erfolg über die Sozialdemokraren. Diese waren für eine Beibehaltung der im Dritten Reich eingeführten Einheitsvolksschule, während die CDU für konfessionelle Schulen plädierte und sich durchsetzte. Dieser Schock wurde durch den Ausgang der Kommunalwahlen am 13. Oktober 1946 verstärkt. Die CDU erhielt 53% der Stimmen, die SPD nur 34% und die KPD 9%. Das Wahlergebnis wurde durch das damals geltende (britische) Mehrheitswahlrecht noch zugunsten des Wahlsiegers verschoben. Bei der Landtagswahl im April 1947 fielen die Sozialdemokraten weiter ab (30%), während sich die KPD auf 17,5% steigern konnte; Sieger blieb die CDU mit 46%. Erst die Kommunalwahlen im Oktober 1948 brachten eine Veränderung zugunsten der SPD: mit 38% schob sie sich an die CDU heran (42%). Allerdings fehlte ihr weiterhin das Stimmenpotential der KPD (11%). Erst nach dem KPD-Verbot 1956 war sie auf linker Seite konkurrenzlos und konnte z.B. in Köln mit dem Kandidaten Theo Burauen (46%) einen klaren Sieg über die CDU (42%) erringen.