4 Die deutsche Nation

Die Nationsbildung der Deutschen war in besonderem Maße geprägt durch das Verhältnis zu Frankreich und die Herausforderung der französischen Revolution. Die Franzosen hatten in ihrer Nationsbildung stets einen Vorsprung, schon im 14. Jahrhundert hatte sich das französische Königtum als Nationalkönigtum verstanden und mit Hilfe einer „nationalen“ Politik seine eigene Durchsetzung betrieben. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte sich in vielen europäischen Staaten die Modernisierung beschleunigt: an die Stelle von Kultur und Staatsbildung traten wirtschaftliche und politische Revolution. Träger der soziopolitischen Umgestaltung war die bürgerliche Gesellschaft, die ihre neugewonnene Identität mit dem Begriff der Nation faßte. Bisher hatten sich die privilegierten Stände als Nation verstanden. Die Zuspitzung des modernen Naturrechts durch Jean-Jacques Rosseau verband die Nation mit den Ideen der Volkssouveränität und der Menschenrechte. Das sich daraus ergebende Modell einer Staatsbürgernation bedeutete einen Bruch mit den damals vorherrschenden ständischen Verhältnissen.

In Frankreich entwickelte sich nach 1750 geradezu ein Kampf um das Recht, die Nation zu repräsentieren; Emmanuel Sieyès reklamierte dieses Recht für den Dritten Stand. In der Revolution wurde Nation zum zentralen politischen Integrationsbegriff der französischen Gesellschaft, nicht nur der Staat, auch die Institutionen des gesellschaftlichen Lebens (Kirche) wurden in das Konzept der Staatsbürgernation einbezogen und einheitlich neu gegliedert. Trotz der großen Wirkung der französischen Revolution in Europa kann sie keineswegs als typisch für die Entstehung eines modernen Nationalstaats gelten: zum einen mußte der Nationalstaat nicht neu geschaffen, sondern nur umgestaltet werden, zum anderen läßt sich das Modell eines unitarischen Zentralstaats nicht ohne weiteres übertragen. Die europäischen Völker lebten um 1800 in ihrer Mehrheit unter fremdnationaler Herrschaft oder waren zerteilt in mehrere Fürstenstaaten. Für sie war der Weg zur Nation bedeutend schwieriger. Hier kam es zunächst darauf an, daß sich ein nationales Selbstbewußtsein entwickelte und eine Nation sich formierte, erst dann konnte die Durchsetzung von nationaler Autonomie zum politischen Programm werden.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, die tragende Dachorganisation in Deutschland, war kein Nationalstaat im modernen Sinn, sondern ein mittelalterlich strukturierter Herrschaftsverband. Die Reichsnation, die den Kaiser wählte und sich auf dem Reichstag versammelte, wurde von den Fürsten dominiert und repräsentiert. Diese jedoch betrieben seit dem Spätmittelalter eine eigene territoriale Staatsbildung gegen die Interessen des Reiches. Die Entwicklung einer bürgerlichen Nation vollzog sich parallel zu diesem Prozeß und stand ihm gegenüber: während sich hier ein überstaatliches, nationales Bewußtsein bildete, lief die adelige Staatsbildung auf einen Zerfall des Reiches hinaus. Grundlage der neuen Nationsbildung war die deutsche Kulturgesellschaft der gebildeten Schichten. Diese übergreifende Identitätsbildung war zunächst nur kulturell und gesellschaftlich, während die politische Identität ganz auf die Territorialstaaten hin orientiert war. Einzelstaatliches Reformengagement und kulturnationale Orientierung standen nebeneinander, (politischer) Landespatriotismus und (kultureller) Reichspatriotismus ergänzten sich. Mitten in diese Phase der noch vielfach offenen nationalen Selbstfindung wurden die Deutschen in Mitteleuropa 1789 durch den Nachbarn Frankreich mit dem Modell des modernen Nationalstaats konfrontiert. Trotz späterer Enttäuschungen und innerer Abwehr angesichts der französischen Kriegserklärung 1792 und des innenpolitischen Terrors in Frankreich hatte die französische Revolution starke Wirkungen auf die Prägung des politischen Bewußtseins der deutschen bürgerlichen Bildungsschichten.

In den langwierigen Kriegen mit der französischen Republik, in den Friedensverhandlungen von Basel (1795) bis Lunéville (1801) wurde deutlich, daß das alte Deutsche Reich weder zur Verteidigung seiner Grenzen noch zu einer Modernisierung seiner Verfassung in der Lage war. Die Fürsten hatten allein ihre eigene Zukunft im Auge und konzedierten dem Annektionismus des direktorialen Frankreich das gesamte linksrheinische Reichsgebiet, Deutschlands nationalpolitische Zukunft lag im Dunkeln. Während dieser Zeit befand sich die deutsche Kulturgesellschaft, d.h. die junge bürgerliche Nation, auf dem Höhepunkt ihrer wissenschaftlichen und kulturellen Produktivität, wodurch sie die widersprüchliche Situation ihrer geistigen und ihrer politischen Existenz um so stärker empfand. Die fortschreitende Politisierung der bürgerlichen Nationalbewegung führte auch zum Ende ihrer gemeinsamen reformpolitischen Orientierung im Geist der Aufklärung: es entstand ein konservativer Reichspatriotismus mit nationalistischen Tendenzen neben den deutschen Jakobinern, die die französische Sache vertraten, und der liberalen Mehrheit.

Schließlich wurde Napoleon Bonaparte, der vom republikanischen Heerführer zum Kaiser der Franzosen aufstieg, die dominierende Gestalt für das nationale Schicksal Deutschlands. Er verstand es als erster, die Ideologie der modernen Nation lediglich funktional und propagandistisch zu gebrauchen, um eigene Herrschaftsinteressen durchzusetzen. Durch den Anschluß Nordwestdeutschlands an Frankreich und die Gründung des Rheinbundes mittlerer deutscher Staaten unter französischem Protektorat 1806 wurden die beiden deutschen Führungsstaaten an den östlichen Rand abgedrängt, 1806 legte Franz II. die Kaiserkrone nieder. Deutschland hatte aufgehört, ein Begriff der politischen Landkarte Europas zu sein. Allerdings brachte die napoleonische Reformpolitik einer Modernisierung von Recht und Verwaltung auch eine erneute innovative Herausforderung, auf die die von der Aufklärung geprägte Intelligenz in Deutschland positiv einging. Im Mittelpunkt der neuen Modernisierungsbewegung standen allerdings die vergrößerten deutschen Fürstenstaaten, nach dem Ende des Reiches schien allein im Landespatriotismus und einer Nationsbildung im deutschen Einzelstaat die Zukunft zu liegen.

Für eine erneute gesamtdeutsche Nationsbildung wurde es jedoch bedeutsam, daß die Bildungsschichten - vor allem in Preußen und Österreich - ihr patriotisches Engagement schon bald in den Dienst einer antinapoleonischen Bewegung stellten. Napoleons Kaiserkrönung 1804 (Verlassen der republikanischen Grundsätze) und seine Herrschaft über ganz Deutschland führte zu einem Umschlag der politischen Meinung in den Jahren um 1806. Vor allem der Rheinbund wurde zum Symbol des dem Fremdherrscher gefügigen Fürstentums, das Freiherr vom Stein „Sultanismus“ nannte. In der Enttäuschung über die Fürsten, die vielfach versuchten, sich mit den französischen Machthabern zu arrangieren, übernahmen die bürgerlichen Patrioten die politische Initiative, wandten sich den Volksschichten zu und schufen eine breite politische Bewegung, indem sie ihre nationalen Ziele mit dem landespatriotischen Widerstand gegen Napoleon verbanden. Vor allem in den beiden deutschen Großstaaten gelangten national orientierte Patrioten in die politische und militärische Führung: die Regierungen der Minister Stadion in Österreich (1805 - 1809), Stein und Hardenberg in Preußen (1807 - 1820) stellten ihre Reformprojekte konsequent in einen nationalen Zusammenhang.

Der Krieg Österreichs gegen Napoleon 1809 wurde bereits im Geist eines nationalen Befreiungskrieges geführt und war der öffentlich sichtbare Beginn einer deutschen Nationalbewegung. Nationaler Patriotismus äußerte sich nun in Unternehmungen, die als politisch-militärischer Faktor ernstzunehmen waren, im Mittelpunkt standen patriotische Gruppen wie der 1808 gegründete „Tugendbund“ oder die Turnbewegung Friedrich Ludwig Jahns von 1811. Der Befreiungskrieg Preußens mit Rußland gegen Frankreich von 1813 ist im wesentlichen von den Patrioten vorbereitet und getragen worden: starker Zustrom von Studenten, Bürgersöhnen und Handwerkern zur Armee, sprunghaft ansteigende patriotische Schriftstellerei, Spendenbereitschaft der Bevölkerung und Gründung patriotischer Vereine. Durch das Eingreifen Österreichs und die Überschreitung des Rheins nahm der Krieg eine Wendung, die zu einer Dämpfung der nationalen Bewegung führte.

In ihrem Kern war die beginnende Nationalbewegung in Deutschland eine politische Emanzipationsbewegung, auch wenn der Kampf gegen Napoleon als einigendes Band wirkte. Die bürgerlichen Gruppen formulierten erstmals deutlicher ihre eigenen Interessen und brachten sie gegenüber den Fürsten als Forderungen zum Ausdruck: die dominierende Zielvorstellung der Patrioten war in diesen Jahren noch nicht ein deutscher Nationalstaat, sondern die Einführung verfassungsrechlicher Verhältnisse in den Einzelstaaten, die Garantie von bürgerlichen Freiheits- und Gleichheitsrechten, die Einrichtung von Parlamenten mit legislatorischer Kompetenz, die Durchsetzung der Staatsbürgernation. Allerdings war die nationalpatriotische Bewegung durchaus nicht einheitlich. Vor allem für die Volksschichten blieb der Landesfürst meist noch die wichtigste Bezugsperson, und das Engangement bezog sich auf den Einzelstaat („Für König und Vaterland“). Die an dem Befreiungskrieg beteiligten deutschen Truppen bildeten keine nationale Armee, sondern waren eingebunden in ein internationales Heer.

Trotz dieser Einschränkungen war der vereinte Kampf gegen einen gemeinsamen Feind zur Befreiung des Vaterlandes ein großes nationsbildendes Ereignis. Vor allem die nationalbewußten Bildungsschichten trugen mit ihrer patriotischen Aktivität zur Weckung eines deutschen Gemeinschaftsgefühls bei. Ernst Moritz Arndt formulierte 1813 in seinem Lied „Was ist des Deutschen Vaterland?“ eine offene Frage, die noch lange wachbleiben sollte: die Frage nach dem regionalen und sozialen Umfang der Nation. Ideologisch standen liberalemanzipatorische und konservative Richtung nebeneinander, beide hatten sich mit Frankreich als Okkupationsmacht und als wichtigster Impulsgeber der Modernisierung auseinanderzusetzen. Der nationalpatriotische Kampf war auch von nationalistischen Tendenzen begleitet, allerdings waren die franzosenfeindlichen Äußerungen 1813 nicht mit einem politischen Programm nationaler Unterdrückung und Expansion verbunden.

Nach dem Sieg über Napoleon begann die ständische Nation auf dem Wiener Kongreß, die Initiative zurückzuerobern. Es galt, zwei Gefahren für die Fürstenmacht künftig auszuschließen: die Hegemonie eines Staates und eine Volksrevolution. Beide waren eng verbunden mit dem Begriff der Nation, deshalb galt es, die politischen Potenzen der modernen Nation systematisch niederzuhalten. Mit dem Deutschen Bund von 1815 schufen die Fürsten unter sich eine Verbindung, die an das System des Heiligen Römischen Reiches erinnerte. Er basierte auf dem traditionellen Nationsmodell und kam dem neuen nationalen Geist entgegen, vor allem aber ermöglichte er es dem Adel, seine politische Herrschaft fortzusetzen. Die nationale Interessensgemeinschaft des Adels war nicht nur Gegner der bürgerlichen Nationalbewegung, sondern auch ihr wichtigster nationaler Konkurrent.

Durch das Engagement im antinapoleonischen Befreiungskrieg gestärkt, kam die bürgerliche Bewegung 1814 auf ihr ursprüngliches Programm zurück: Grund- und Freiheitsrechte für das Volk (Projekt der Staatsbürgernation) und Beteiligung des Volkes am Staat (Prinzip der Volkssouveränität). Die Enttäuschung über die Deutsche Bundesakte, die nur von Untertanen sprach und der Verfassungsbewegung im Artikel 13 nur vage Rechnung trug, war daher groß. Nach der Gemeinsamkeit des Befreiungskrieges geriet das Bürgertum in Gegensatz zu den Fürsten und mußte die Ziele der Nationsbildung, der Demokratisierung und der Nationalstaatsbildung aus eigenen Kräften durchsetzen. Allerdings war das Verhältnis zu den Fürsten nicht grundsätzlich auf Opposition festgelegt und die politischen Rahmenbedingungen hatte der Deutsche Bund geschaffen. So zeichnete sich ab, daß sich in Deutschland im Verhältnis zu Frankreich eigene Formen der Nationswerdung durchsetzen würden: statt der Revolution der Weg der Reform und Vereinbarung; statt des unitarisch-zentralistischen der föderale Nationalstaat.

Die partikularen Staaten, wie sie nach dem Wiener Kongreß bestanden, waren in sich widersprüchlich: sie waren Ergebnisse von Revolution und Restauration, Erben vorrevolutionärer Tradition und Träger administrativer (napoleonischer) Prinzipien, die diese Tradition von Grund auf zerstört hatten. Der Begriff „Partikularismus“, geprägt von den Anhängern der nationalstaatlichen Idee, bezeichnete im abwertenden Sinne die Formen des teilstaatlichen Bewußtseins. In dieser Zeit entwickelte die deutsche Nationalidee, die sich vorher an dem gemeinsamen Feind orientiert hatte, auch ihren Akzent gegen den Teilstaat und den an ihm orientierten Patriotismus.

Der Freiherr vom Stein kritisierte die „Auflösung Deutschlands in viele kleine, ohnmächtige Staaten“ als Ursache des sittlichen Zerfalls und verabscheute die Unterdrückung des deutschen Volkes durch „einige dreißig Despoten“ fast noch mehr als die Fremdherrschaft vor 1813: beide bedeuteten für ihn die Zerstörung geschichtlich verwurzelter Freiheit. Bei Ernst Moritz Arndt entstand das nationale Einheitsgefühl als Reaktion auf das Ende der Reichsheinheit 1806. Paul Pfizer sah in dem „die Kräfte der Länder übersteigenden Aufwande“ der fürstlichen Hofhaltungen das Hauptübel, das den Pauperismus verursacht habe, Friedrich List belegte mit zahlreichen Schriften den Zusammenhang zwischen politischer Zerstückelung und wirtschaftlicher Verelendung. Die nationaldemokratische, gegen die Fürsten gerichtete Tendenz der Kritik war nie so stark wie in Frankreich, sie verstärkte sich aber in dem Maße, in dem der Deutsche Bund seit den Karlsbader Beschlüssen von 1819 einen Kampf gegen die nationale und liberale Bewegung führte, und die Fürsten damit zum Träger der Reaktion wurden. Bis zur unmittelbaren Vormärzzeit wurde die Kritik am Partikularismus durch die Zensur und die Machtstellung des Adels und der Bürokratie als Träger des Partikularstaats im Deutschen Bund gehemmt.

Trotz der regen publizistischen Tätigkeit der Nationalbewegung waren die Aufstandsbewegungen der dreißiger Jahre keine nationalen Aufstände, die einzige Aktion mit nationalem Charakter war das Hambacher Fest 1832, auf dem die schwarz-rot-goldene Flagge neben der Trikolore und der polnischen Fahne gehißt wurde. Ein Jahr später erschien ein Buch mit dem Titel „Das Nationalfest der Deutschen zu Hambach“. In den folgenden Jahren entwickelte sich eine nationale Solidarität, z.B. für die „Göttinger Sieben“, die von ihrem Landesfürsten wegen kritischer Äußerungen entlassen worden waren, oder nach dem Feuer in Hamburg. Forderungen nach Volksbewaffnung, Armenfürsorge und Bildung von Parlamenten waren Anzeichen für ein allgemeines Bewußtsein von Nation.

Schließlich brach im März 1848 die liberale Revolution des Bürgertums aus. Sie versuchte, ein nationales Programm zu verwirklichen und stand vor der doppelten Aufgabe, einen nationalen Staat zu schaffen und ihm eine liberale Verfassung mit der Sicherung liberaler Grundrechte zu geben. Die erste Schwierigkeit ergab sich aus der Unmöglichkeit, den Umfang der deutschen Nation und mithin des Nationalstaats festzulegen. Nachdem die Eingangsstimmung der Frankfurter Nationalversammlung noch „gesamtdeutsch“ gewesen war, begannen sich allmählich verschiedene Richtungen auszubilden. Die Vorstellung eines alle Deutschen umfassenden Nationalstaats wich dem Willen, eine Staatsnation zu schaffen: „das Wort Deutschland wird fortan ein politischer Begriff“ (Rede in der Paulskirche). Vor allem die preußischen Abgeordneten wollten einen starken, geschlossenen Nationalstaat auf der Grundlage Preußens. Es ergaben sich zwei Richtungen: die „kleindeutsche“ Lösung verzichtete auf die staatliche Verbindung mit Nichtdeutschen (Ausschluß Österreichs) und sah einen Nationalstaat unter preußischer Führung vor, die „großdeutsche“ orientierte sich an einem übernational-mitteleuropäischen Großreich.

Das einheitliche nationale Bewußtsein - die bürgerliche Nation arbeitete mit den Fürsten zusammen - führte wegen des Widerstands der starken Teilstaaten nicht zum Erfolg: die in der Paulskirche ausgearbeitete Verfassung wurde nicht umgesetzt. Die Wiederherstellung der Teilstaaten und erneute Zusammenfassung im restaurierten Deutschen Bund war eine Niederlage des nationalen Gedankens, aber auch der bürgerlichen Freiheits-ideen. Dieser Mißerfolg der politischen Revolution - sie wurde als logische Konsequenz der geistigen (Säkularisation) und industriellen Revolution gesehen - führte zu einer Resignation des Bürgertums und zu dessen Rückzug auf rein ökonomische Betätigung. Trotzdem kann das verfassungsrechtliche Ergebnis des deutschen Revhputionsjahres, die Reichsverfassung von 1849, kann als die wichtigste Antwort bezeichnet werden, die in Deutschland auf die Herausforderung von 1789 gegeben wurde.

Auch wenn die deutsche Nation seit dem italienischen Nationalkrieg 1859 erneut politisch aktiv wurde und entweder für die kleindeutsch-preußische oder großdeutsch-österreichische Lösung eintrat, lag die Initiative der deutschen Politik bei den alten Gewalten Preußen und Österreich. Seit Bismarcks Regierungsantritt 1862 ging sie ganz auf Preußen über, obwohl dieses durch einen Konflikt mit dem liberalen Bürgertum gelähmt schien. Der nationale Liberalismus und die ihn tragenden bürgerlichen Schichten waren in einer verzweifelten Lage: sie konnten sich an keinem Staat orientieren. Preußen schien unter Bismarck weit davon entfernt, an die Spitze einer liberalen Nationalpolitik zu treten, Österreich mußte sich dem nationalstaatlichen Prinzip mit Rücksicht auf seine multinationale Struktur verschließen, die Mittelstaaten standen als Repräsentanten eines partikularen Staatsprinzips in unmittelbarem Gegensatz zur Nationalstaatsidee. Diese Lage nützte Bismarck zu einer rücksichtslosen Machtpolitik aus, die mit der Befreiung Schleswig und Holsteins von dänischer Herrschaft (1864), Verdrängung Österreichs aus einer nationalen Reformpolitik (1866) und die Aufrichtung eines halbfertigen nationalen Staats, des Norddeutschen Bundes, die äußeren Ziele des kleindeutschen Liberalismus erfüllte.

Seit dieser Gründung 1866/7 gab es eine Interessensgemeinschaft des altpreußischen Militärstaats mit der bürgerlichen Nationalbewegung. Beide Partner trafen sich in der Machtstaatsidee, die für die Altpreußen die Fortsetzung friderizianischer Politik, für die Liberalen die Entsprechung des nationalen Machtstaatsgedankens nach Hegel war. 1870/1 verwirklichte Bismarck schließlich mit der Errichtung des Deutschen Reiches einen Nationalstaat auf Grundlage Preußens. Zwar ist der Begriff der „verspäteten Nation“ (Plessner) insofern unzutreffend, als die deutsche Nation zum Zeitpunkt der Reichsgründung schon relativ lange bestand und der pejorative Begriff „verspätet“, auf die Entwicklung einer Nation angewendet, sehr zweifelhaft sein muß, weil es kein allgemein anwendbares zeitliches Schema geben kann. Allerdings kann man sagen, daß der deutsche Nationalstaat erst relativ spät und unvollendet entstand. Territorial gab es keine Übereinstimmung mit den Nationsgrenzen wegen der Ausgrenzung der Deutsch-Österreicher und der zwangsweisen Einbeziehung polnischer, dänischer und elsaß-lothringischer Minderheiten auch Preußens Übergewicht (zwei Drittel des Staatsgebietes) war eine schwere Hypothek.

Trotz seiner Abneigung gegen das Vereinbarungsmodell zur Errichtung eines Nationalstaats übernahm Bismarck es für das Deutsche Reich, um eine Mischform aus absoluter Monarchie und parlamentarischer Demokratie durchzusetzen. Unter dem starken Staat wurde aber neben dem mächtigen Staat auch der liberale Verfassungsstaat verstanden, der den führenden bürgerlichen Schichten ein Mitbestimmungsrecht gab. Der Kompromiß zwischen Monarchie und Militärmacht, Bürokratie und dem deutschen nationalen Liberalismus hielt allerdings nur ein Jahrzehnt, und der erstarkte friderizianisch-preußische Machtstaat setzte sich durch. Der konstitutionellen Monarchie mit unabhängiger Exekutive (Kaiser bzw. Kanzler) gegenüber blieb der Liberalismus gespalten: zwar waren die nationalen Wünsche erfüllt, der neue Staat verleugnete aber die liberalen Werte und Prinzipien.

Stärker noch waren die Vorbehalte der katholisch-konservativen und partikularistischen Kräfte im Westen und Süden Deutschlands. Sogar die späteren Stützen des Reiches, die altpreußischen Konservativen, standen Bismarcks nationaler Politik zunächst abwartend gegenüber. Nachdem sie den ungeheuren Machtzuwachs Preußens erkannt hatten, entwickelten sie einen nach außen gerichteten, das monarchische Prinzip mit dem staatlichen Macht- und Expansionsgedanken verbindenden Nationalgedanken, der geeignet war, die innen- und außen-politische Sicherung und Expansion des Deutschen Reiches zu tragen. So wurde die noch 1871 undenkbare Gleichsetzung von „national“ und „konservativ“ möglich, das Bündnis von nationalem Bürgertum und preußischer Staatsmacht der Reichsgründerzeit setzte sich fort in einem Bündnis von wirtschaftlich-großbürgerlichen und militärisch-feudalen Kräften. Ihnen gegenüber standen die „Reichsfeinde“: einerseits die o.g. Partikularisten mit ihren übernationalen Reichsideen und andererseits die Sozialisten mit ihrem Programm der Internationalität. Auch sozial und konfessionell stand den nicht repräsentativen Trägerschichten, dem protestantischen Bürgertum und dem Adel (nur Männer), eine starke Opposition aus arbeitender Bevölkerung und Katholiken gegenüber. Die Nation im Kaiserreich war also mit gesellschaftlichen, politischen und ideologischen Gegensätzen aufgeladen.

Trotzdem hatte der deutsche Staat von 1871 für die Zukunft prägende Kraft, auch wenn seine Bezeichnung „Deutschland“ oft als politische Verengung eines ursprünglich nicht genau fixierten Sprach- und Kulturraumes beklagt wurde. Die sich entwickelnde Reichsnation stellte einen Teil der deutschen Sprachgemeinschaft (die im älteren Sprachgebrauch als „Nation“ bezeichnet worden war) dar. Diese Beschränkung lag auch auf der Linie der Bismarckschen Politik eines „neudeutschen Reichsnationalismus“, der sich klar von den deutschen Volksteilen Österreich-Ungarns oder im Baltikum abgrenzte, auch um den Verdacht zu entkräften, das Nationalitätsprinzip solle als Motor der weiteren Ausdehnung des Reiches dienen. Auch Bismarcks Nachfolger sahen in einer möglichen Erweiterung des Reiches um Teile Österreichs eher eine Gefahr als eine Stärkung. Neben dem staats- oder reichsnationalen Gedanken als Ausdruck der wachsenden Verdichtung im Reich machten sich in den achtziger und neunziger Jahren auch neuartige expansive und qggressive Nationalbewegungen bemerkbar, denen es weniger um Nationalirredentismus und mehr um einen prestigeträchtigen Nationalimperialismus ging. Die Vertreter dieser Richtung hatten die Vorstellung, daß die Einigung Deutschlands nicht der Abschluß sondern „der Ausgangspunkt deutscher Weltmachtpolitik sein sollte“ (Max Weber, 1895).

Das Verhältnis von Nation und Staat hat sich in der Weimarer Republik in vieler Hinsicht gewandelt. Die konservativen Träger des kaiserlichen Nationalstaats hatten den Rückhalt verloren, und die „Reichsfeinde“ von 1871 übernahmen die Führung. Durch den Versailler Vertrag verlor das Reich fast alle fremden Nationalitäten, aber auch einige Millionen deutscher Reichsbürger. Aus den konservativ-bürgerlichen Schichten und den zurückkehrenden Soldaten bildete sich eine innere Opposition, die die Weimarer Verfassungsordnung vollkommen ablehnte: es kam zu einer erneuten Polarisierung in der Nation, gegenüber dem Kaiserreich im umgekehrten Sinne, mit einer immer schwächer werdenden Mitte. Der Versailler Vertrag, der nach einhelliger Meinung fast aller Parteien die Lebensgrundlage des Reiches zerstörte, zwang die deutsche Politik auf eine Bahn des Revisionismus unter anderem mit dem Ziel der Wiederherstellung nationaler Souveränität. Die Revisionspolitik der Weimarer Parteien unterschied sich allerdings stark von der der „nationalen Opposition“: während jene bereit war, auf weitere Machtziele zu verzichten, war für diese die Revision nur eine Vorstufe von Weltpolitik im Geiste der Vorkriegszeit. Trotz seines Scheiterns hatte die Politik des Weimarer Staats zwei positive Ergebnisse: es war ihr gelungen, die Reichseinheit zu bewahren und damit den Staat von 1871 sozusagen ein zweites Mal zu gründen, und die unitarischen Elemente wurden gegenüber dem Kaiserreich gestärkt (wenn auch die föderalen Elemente erhalten blieben). In Verwaltung und Verfassungspolitik war die Weimarer Epoche eine Ära verstärkter nationalstaatlicher Politik, während in Parteien- und Gesellschaftspolitik Tendezen zur Polarisierung bis an die Grenze der Auflösung des Staats hervortraten.

Der Nationalsozialismus deklarierte sich als ein System einer Politik, durch das die nationale Vollendung der deutschen Geschichte erst hergestellt werden sollte. Dies sollte mit der Überwindung der inneren Gegensätze eines liberalen Pareteienstaates, der Schaffung der inneren Einheit einer nationalen Volksgemeinschaft beginnen und der Aufrichtung eines nationalen Führerstaats enden. Allerdigs stand der verheißenen Einheitlichkeit schon der Dualismus von staatlichen Verwaltungs- und Parteiorganen entgegen, der an die Stelle überwundener Rivalitäten wie der zwischen Reich und Preußen trat. Auch die Aufhebung der anderen Widersprüche der deutschen Geschichte kam nie zustande, der NS-Staat versank am Ende in einer anarchischen Polykratie. Vor allem aber haben die Pläne eines „germanischen Reiches deutscher Nation“ zur Auflösung des nationalen Staats beigetragen: der weiter gespannte Begriff der Rasse ermöglichte es, über die Nation hinauszugehen und eine Begründung für eine politische Elite innerhalb und außerhalb der Nation zu geben. Letztlich hat nicht die deutsche Kapitulation, sondern die nationalsozialistische Ideologie den Untergang des deutschen Nationalstaats herbeigeführt.

Trotz dieser Tatsache und trotz der allgemeinen Abwendung von der Politik war der Fortbestand eines politischen Zusammenhangs einer der wenigen nicht in Frage gestellten Grundtatbestände. Der Aufbau von lokalen und regionalen politischen Einheiten wurde als nicht endgültig angesehen, erst mit der Gründung der Bundesrepublik entstanden Probleme, auch wenn sich der neue Staat als provisorisch verstand. Denn das Staatswesen beanspruchte, für alle Deutschen zu handeln und richtete die Aufforderung an das „gesamte Deutsche Volk, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden“. Auch die Verfassung der DDR sprach von Deutschland als einer „unteilbaren demokratischen Republik“. Auf beiden Seiten war also der Wille vorhanden, eine gesamtdeutsche Ordnung aufzubauen, auch wenn die Politik beider Staaten letztlich zur Stabilisierung der bestehenden Verhältnisse führte. Die Siegermächte, die bis 1945 mit dem Gedanken einer Teilung Deutschlands zur endgültigen Verhinderung einer erneuten deutschen Aggression gespielt hatten, distanzierten sich ebenfalls aus politischen und wirtschaftlichen Gründen von diesem Plan. Die ideologische Konkurrenz führte schließlich doch zur deutschen Zweistaatlichkeit.

Der Begriff der deutschen Nation, die im Verlauf der deutschen Geschichte immer an irgendeine Form der nationalen Gesamtordnung geknüpft war, hatte sich von dieser Verbindung gelöst: es existierte eine Nation, die aus dem Nationalstaat herkam, aber ohne Nationalstaat war. Man könnte davon sprechen, daß sich innerhalb der deutschen Nation zwei politische „Nationalitäten“ gebildet hatten, die allerdings noch in verschiedener Weise von der Gemeinsamkeit ihres Ursprungs ausgingen. Erst mit der deutschen Wiedervereinigung von 1990 wurde erneut ein einheitlicher deutscher Nationalstaat geschaffen.