4 Die Liberalisierung der Namensregelungen (1849 und 1855)

Nachdem in mehreren Schüben den Juden eine Namensannahme zwingend vorgeschrieben worden war, gab es in Preußen nur noch wenige Landesteile, in denen eine solche Verpflichtung nicht bestand. Dazu zählten die rechtsrheinisch liegenden Gebiete im Westen, für die das französische Namensrecht von 1808 anders als in den linksrheinischen Gebieten nicht galt. Am 3. März 1845 wandten sich deshalb die Stände der Rheinprovinz an den preußischen König mit der Bitte um eine Regelung. Die meisten Minister gaben ihr Placet ohne Einschränkungen für die Namenswahl, und am 31. Oktober 1845 unterschrieb Friedrich Wilhelm IV. die dementsprechende Kabinettsordre. Damit waren die Tore geschlossen, obwohl zu diesem Zeitpunkt kaum ein Jude geahnt haben dürfte, in welche Fesseln er sich für künftige Zeiten mit der Wahl des Namens begeben hatte. Zunächst schien aber die Entwicklung in Namensfragen in Richtung größerer Liberalität zu gehen. Die 48er Revolution brachte 1849 die verfassungsrechtliche Gleichstellung der Juden und damit das Ende der Ausschließung von dem kleinen Kreis der „christlichen“ Namen. Im selben Jahr entschied der Innenminister anlässlich eines Änderungsgesuches für den Vornamen „Judas“, die königliche Ordre von 1822 beziehe sich nur auf Familiennamen, Vornamen könnten dagegen unabhängig von einer Genehmigung geändert werden. Eine Mitteilung des Änderungswillens an die kompetente Behörde genüge völlig. Diese permissive Haltung wurde einige Jahre später durch ein höchstrichterliches Urteil sanktioniert und sogar erweitert: Am 20. September 1855 entschied das Königliche Obertribunal, eine falsche Namenangabe gegenüber einem Beamten sei nur im Fall des Familiennamens strafbar. Der eigenmächtige Wechsel des Vornamens wurde somit für straffrei erklärt. Die Entscheidung führte bald zu Beschwerden: Die Königliche Bank beschwerte sich 1858, ihre jüdischen Kunden würden ihrem (hebräischen) Vornamen in Klammern oder Parenthese die deutsche Übersetzung beifügen, wodurch die sichere Identifizierbarkeit – die nach Ansicht der Bank gerade bei Juden „von Wichtigkeit“ sei – gefährdet sei. Im Januar 1860 wandte sich das Hauptdirektorium der Bank direkt an den Innenminister: Sogar in Geburtsurkunden seien solche „Übertragungen“ („Moschel – deutsch Michaelis“, „Abraham [Adolph]“, „Basche [Bertha]“) zu finden, während in den Geburtstregistern nur der hebräische Name stehe. Dennoch verwahrte sich der Innenminister gegen den Versuch, für den Wirtschaftssektor Sonderregelungen einzuführen. Für die Rechtssphäre galt seit 1855: Vornamen waren für Christen und Juden mobil.

Dennoch mündete die Epoche, in der die „Judenfrage“ emanzipatorisch gestellt worden war, nicht in einen Zustand, in dem Namensfragen für Juden keine Rolle mehr spielten. Da die Mehrheitsgesellschaft den Juden weiterhin abweisend gegenüber stand, veränderte sich nach dem Zurücktreten der anderen Erkennungsmerkmale die strukturelle Position des Namens. Spott und Aggression der Mehrheit begannen an diesem immer auffälliger „herausstehenden“ Element der Person einen Ansatzpunkt zu finden. Obwohl die Einführung eines eindeutigen Kriteriums „christlich/jüdisch“ gescheitert war, gab es ja durchaus judentypische und christentypische Vor- und Familiennamen, so dass sich eine Markierungsskala mehr oder weniger „jüdisch klingender“ Namen ausbildete (s.u. systematischer Teil). Für die um volle Akzeptanz kämpfenden Juden war eine Namensänderung sowohl ein Ausweichen vor dem Druck, der auf ihren markierten Namen lastete, als auch ein Zeichen ihrer Assimilationswilligkeit. In den ersten zwei Dritteln des 19. Jahrhunderts wurden Namensänderungen auch fast durchweg bewilligt.