5 Die Entwicklung in Preußen seit 1867

Am 12. Juli 1867 delegierte der preußische König die Kompetenz zur Namensänderung an die Regierungspräsidenten und begründete dies mit der steigenden Zahl von Anträgen. Tatsächlich war die Zahl aller Anträge (von denen jüdische Namensänderungen nur einen kleinen Teil ausmachten) stark gestiegen, aber es ging wohl eher um eine Modernisierung des Verfahrens und um Abkopplung von der Person des Herrschers. In den Ausführungsbestimmungen vom 9. August 1867 wurde festgelegt, dass Namensänderungen nur aus „hinreichenden Gründen“ zu genehmigen seien. Für die Vornamen wurde die Auffassung des Obertribunals von 1855 bestätigt, nach der jeder Bürger seinen Vornamen selbst ändern könne. Das Recht zur Bestätigung der Taufnamen von konvertierten Juden wurde vom Innenminister auf die Regierungspräsidenten übertragen.

Mit dem Sieg über Frankreich und der Reichsgründung 1871 brach für den preußischen Staat eine neue Epoche an. Mit der großen wirtschaftlichen Umstrukturierung des noch weitgehend agrar-feudalistischen Reiches in einen Industriestaat kehrte aber auch ein fast schon tot geglaubtes Phänomen im neuen Gewand zurück: An die Stelle der alten Judenfeindschaft trat der moderne Antisemitismus, denn für die extremen Spannungen in dieser Umwälzungsperiode wurden Sündenböcke gebraucht. Die „Judenfrage“ wurde nun nicht mehr emanzipatorisch, sondern antisemitisch gestellt: Es ging nicht mehr um die Zusammenführung einer Minderheit mit einer Mehrheit, sondern um die Lösung der gesamtgesellschaftlichen Probleme im Kampf gegen die Juden. Mit der Genese des Antisemitismus Anfang der 70er Jahre stieg auch der Anteil der Änderungen „sogenannter jüdischer Namen“ an allen Namensänderungen stark an (von 2,2% 1862-1871 auf 5,3% 1872-1881). In den folgenden Dekaden sank dieser Anteil auf etwa 4%. Die Statistik des Innenministeriums von 1923, der diese Zahlen entstammen, gibt allerdings keine Auskunft darüber, wie viele der Antragsteller Juden waren. Die Steigerung spricht jedenfalls für erhöhten Druck auf alle Träger jüdischer Namen. Obwohl führende Antisemiten immer wieder vor der massenhaften Usurpation deutscher Namen durch Juden warnten, betrachteten sie andererseits die Erkennbarkeit der Juden an ihren Namen als Selbstverständlichkeit. Was für ein unsicheres Merkmal man damit aber an der Hand hatte, musste auch der bekannte Antisemit Theodor Fritsch zugeben: In späteren Auflagen seines „Antisemiten-Katechismus“ ließ er das „Verzeichniß jüdischer Familien-Namen“ fort und räumte ein, dass die Familiennamen „keinen sicheren Anhalt für die Beurtheilung der Abstammung“ mehr bieten könnten, was er natürlich auf dauernde Abfälschungen und Manipulationen zurückführte.

Unter dem Druck des Antisemitismus erließen die preußischen Behörden im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts jedenfalls mehrere Vorschriften über Namensänderungen, die die Juden im Netz verfänglicher Namen festhalten sollten. Einer der Auslöser war der Fall „Schmul – Goetze“. Am 16. September 1892 stellte der Kaufmann Emil Schmul beim Regierungspräsidenten in Bromberg den Antrag auf Namensänderung in „Goetze“, da sein Großvater „Schmul-Goetze“ geheißen habe und dieser Name auch einem Bruder seines Vaters vom Regierungspräsidenten in Stettin zugesprochen worden sei. Nachdem der Antrag zunächst abgelehnt wurde, schickte er ein Immediatgesuch an den König und erreichte die Annahme des Namens „Goetze“ für sich und seinen Bruder Samuel. Dagegen protestierte ein Dr. Rudolf Goetze in einer Eingabe an den Innenminister, die von 26 Trägern dieses Namens unterzeichnet war: der Name Götze sei als „gutdeutscher christlicher Name“ das „Ehrenschild der Familie“ und dürfe nicht „zu dem ausgesprochenen Zwecke, die jüdische Abkunft zu verdecken und dem Geschäfte damit aufzuhelfen“ jemandem zuerkannt werden. Bezeichnend ist, dass hier nicht mehr von „christlich“ die Rede ist; stattdessen soll das Adjektiv „gutdeutsch“ völkische Reinheit ausdrücken. Dem Dr. Goetze kamen antisemitische Vereine zur Hilfe, so dass der Innenminister von Eulenburg von den Regierungspräsidenten in Bromberg und Stettin Bericht forderte. Der in Stettin berichtete, er habe anerkennen müssen, „daß der Name Schmul gegen jüdische Personen nicht selten zu spöttischen Neckereien Anlaß biete“. Der Bromberger wiederum brachte in Anschlag, ein „Bedenken gegen die Führung des weitverbreiteten Namens Goetze konnte um so weniger obwalten, als dieser Name im hiesigen Regierungsbezirk auch unter Juden vielfach vorkommt“. So belehrt, lehnte der Innenminister den Antrag auf Abänderung der Bromberger Entscheidung am 12. März 1894 ab, erließ jedoch am selben Tag einen folgenschweren Zirkularerlass, der einen entscheidenden Sieg der Antisemiten darstellte: Der Wunsch, „zum Zwecke des leichteren Fortkommens oder mit Rücksicht auf die antisemitische Bewegung einen die jüdische Abstammung kennzeichnenden Namen mit einem anderen zu vertauschen“, sollte künftig nicht mehr als hinreichender Grund bei Anträgen auf Namensänderung gelten. Damit setzte er sich in Widersprich zu einer anderen Anordnung des Innenministeriums von 1889, die als Zweck der Namensänderung angegeben hatte, „Familiennamen zu beseitigen, welche anstößig klingen oder zu frivolen Wortspielen Anlaß geben“. Nach dem neuen Erlass waren antisemitische Scherze mit jüdischen Namen praktisch für zumutbar erklärt worden.

Wie flächendeckend die antisemitischen Organisationen bereits verbreitet waren, zeigt die Reaktion der Goetzes auf die Ablehnung durch den Innenminister. 116 Träger dieses Namens aus dem ganzen Reich druckten ihre Namen unter eine Immediateingabe an den König. In ihr diktierten sie den Juden die Unfähigkeit zu, „jemals Deutsche zu werden“ und verlangten, dass diese sich „zu ihrer als unveräußerlich erwiesenen Stammesart auch namentlich“ bekennen sollten. Insgesamt stellte die Argumentation der Goetzes eine bloße Rochade dar: Juden waren entweder assimilationsunwillig, oder, wenn sie sich um Assimilation bemühten, assimilationsunfähig. Hatten sie dagegen Assimilation erreicht, wurde diese als bloße Tücke „entlarvt“. Dennoch waren vermutlich nicht alle Unterzeichner erklärte Antisemiten. Ihre starke Ablehnung lässt sich eher auf die primäre Irritation zurückführen, einen „Fremden“ den eigenen Namen „usurpieren“ zu sehen. Die Furcht vor einem Zugriff auf das eigene Identitätssymbol musste die zu scharfen Reaktionen bringen, die weder ein Bewusstsein von einem gemeinschaftlichen Namensschatz hatten, noch die Neigung besaßen, die alteingesessenen Fremden wirklich als „Einländer“ zu akzeptieren. Und wenn man die Einzelfälle zusammennahm, resultierte aus der Gefährdung der Persönlichkeitssymbole der Individuen letztlich die Zerstörung der deutschen Identität überhaupt. Dieser Argumentationsgang zeigt, warum die immer wieder akzentuierte Bedrohung der „deutschen“ Namen zur Suggestion einer allgemeinen Bedrohung durch die Juden taugte. Statt des entstehenden Drucks nicht weiter zu achten, versuchte die preußische Regierung, die Antisemiten durch weitere Änderungsbeschränkungen zu beschwichtigen.

Die nächste Einschränkung betraf die Vornamen, deren Wechsel seit 1855 völlig freigegeben war. Sie wurde allerdings nicht durch die dauernden Mahnungen der Judengegner ausgelöst, sondern durch die Präzisierungstendenz des modernen Verwaltungsstaates. Das Urteil des obersten Gerichts vom 17. September 1897 bezeichnete die Sicherstellung der Identifizierung als den Hauptzweck des Namens und bestätigte die Verurteilung eines Kaufmanns, der bei der Polizei einen falschen Vornamen angegeben hatte. Daraufhin befragte der Justizminister auf Anfrage des Innenministers sämtliche Oberstaatsanwälte, ob eine Ausweitung der Vorschriften zur Änderung von Familiennamen auf die Vornamen von allen Gerichten akzeptiert würde. Als Reaktion auf die durchweg bejahenden Antworten teilte der Innenminister sämtlichen Regierungspräsidenten in einem Zirkularerlass vom 15. August 1898 mit, die Bestimmungen des Erlasses vom 9. August 1867 seien künftig auch für Vornamen gültig. Diese Änderung konnte für Juden, die ihre Firmen seit langem unter einem frei gewählten Vornamen führten, existenzbedrohende Wirkung haben. Und die Antisemiten warteten ja nur auf die Gelegenheit, anhand erzwungener „Rückbenennungen“ jüdischer Geschäfte die lange verdeckte „Unredlichkeit“ als Basis jedweden jüdischen „Geschäftemachens“ an die Öffentlichkeit zu ziehen. Die Maschendichte des Namennetzes, aus dem die Juden nach dem Willen der Antisemiten nicht entkommen sollten, hatte sich durch den Erlass des Jahres 1898 deutlich erhöht.

Das Jahr 1900 brachte weitere Verschärfungen der Namensbestimmungen. Das Kammergericht hatte 1898 geurteilt, die deutsche Schreibung „Schuda“ des polnischen Namens „Szuda“ sei keine Namensänderung, da es lediglich auf den gesprochenen Namen ankomme. Ebenso urteilte es drei Monate später im umgekehrten Fall „Gutsch – Gucz“. Der Innenminister war mit dieser Rechtsprechung nicht zufrieden, denn er fürchtete die Polonisierung deutscher Namen. Deshalb erwirkte er, dass Veränderungen der Schreibweise weiter gerichtlich verfolgt würden, um die Sache erneut vors Kammergericht zu bringen. Am 12. April 1900 fällte das Gericht in neuer Besetzung das gewünschte Urteil: Es schrieb die Identifizierbarkeit als Endzweck und die richtige Schreibung als taugliches Mittel fest. Damit war den Juden auch der Ausweg versperrt, die Markierung ihrer Namen wenigstens minimal zu verringern („Levinson“ statt „Levinsohn“, „Jacobi“ statt „Jacoby“). Dass solche Veränderungen der Schreibung Wirkung hatten, beweisen die zahlreichen Anträge, die allein darauf zielten. Wichtiger als die Frage der Schreibweise war aber der folgende Erlass des Innenministers. Die widersprüchlichen Urteile des Kammergerichts innerhalb weniger Monate hatten Namensfragen in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, für Aufregung bei den national Gesinnten und für Spott in der liberalen Presse gesorgt.

Der Innenminister Freiherr von Rheinbaben wollte in dieser Situation wenigstens auf einem Problemsektor „Ordnung“ schaffen. Am 18. Mai 1900 unterzeichnete er einen Erlass, der „die Genehmigung der Namensänderung von Personen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft“ (auch die anlässlich der Taufe) von der Ermächtigung des Innenministeriums abhängig machte. Dieser Erlass führte die verwaltungsrelevante Kategorie „jüdische Herkunft“ ein und kann damit als erster Fall eines Rassengesetzes gezählt werden. Wie 1894 war auch hier der Minister von einem konkreten Fall ausgegangen, dem Fall „Schmuhl – Steinhardt“: Zwei Kaufleute Carl und Joseph Schmuhl hatten 1889 eine Namensänderung beantragt und nach der Ablehnung einen zweiten und einen dritten Antrag gestellt. Schließlich erhielten sie 1891 die Erlaubnis, den Namen „Steinhardt“ zu tragen. Dafür gab eine detaillierte Schilderung der Bezeichnung „Schmuhl“ den Ausschlag, letztere werde „als Spott- und Schimpfwort gegen Angehörige der mosaischen Religion mit unsauberem Äußeren gebraucht“. Acht Jahre (1899) später traf im Ministerium des Inneren ein Protest des G. Steinhardt (Kaiserlicher Hofrath, Oberlieutenant der Landwehr etc.) gegen die „Herabwürdigung“ seines Namens ein. Der zuständige Beamte im Innenministerium antwortete, Änderungsverfahren hätten den Zweck, „Namen, die anstößig klingen oder, wie der Name Schmuhl, zu unangemessenen Spöttereien Anlaß geben, zu beseitigen“. Er bezog sich also auf den wichtigen Erlass von 1889, nicht auf die neue Linie von 1894. Wie im Fall „Goetze“ kamen der Protest und die ministerielle Antwort in die antisemitische Presse. Dort wurde gefordert, „diesem groben Unfug des Staates“ endlich einen Riegel vorzuschieben.

Einige Monate später, am 14. Februar 1900, hielt der antisemitische Abgeordnete Werner im preußischen Landtag eine Rede, die die „Anstößigkeit“ jüdischer Namen leugnete und ihre Markiertheit gleichzeitig nutzte, um Heiterkeit im ganzen Saal zu erzeugen. Das Hohngelächter der Abgeordneten bei der Erwähnung der Namen „Schmuhl“ und „Levy“ widerlegte die zynische Behauptung Werners, dies seien „wunderbar schöne Namen“. Seine Ausführungen gipfelten in dem Satz: „Ich meine, daß der Götze, der früher Schmuhl hieß, in seinem innern Wesen immer ein Schmuhl bleibt.“ Das Protokoll verzeichnete an dieser Stelle „große Heiterkeit und Zustimmung“ im ganzen Parlament. Der Name „Schmuhl“ fungierte offensichtlich als Begriffswort, weil von vornherein klar war, in welchen (negativen) Begriffen ein jüdisches (Schein-)Individuum aufging. In einer solchen Atmosphäre zog der Innenminister alle Namensänderungsanträge von Juden an sich und schrieb zugleich den Rassegesichtspunkt als Verwaltungsprinzip fest. Auch er stellte sich also auf den Standpunkt, dass ein getaufter Jude weiterhin „ein Schmuhl“ sei.

Da die Exekutivbehörden noch nicht mit jener Terminologie ausgestattet waren, die es später einfach machten, die Menschen jüdischer Abkunft nach Halb-, Viertel-, Voll- und weiteren Prozentsätzen zu sortieren, ging es völlig unkoordiniert zu. Die meisten Regierungspräsidenten begannen auf eigene Faust mit der Fahndung nach „Rasse-Juden“, nur der Vertreter in Hannover fügte einem eingesandten Antrag die Bemerkung bei, dass es sich bei dem Petenten „streng genommen“ nicht um die Namensänderung eines Juden handele, da der Supplikant doch zum evangelischen Glauben übergetreten sei. Auf die Proteste der liberalen Presse gegen die Sonderbehandlung der jüdischen Staatsbürger nahmen die Antisemiten als Beweis dafür, „wie vielen Juden an der möglichst weitgehenden Befugnis des Namenswechsels gelegen ist“.

Von der permissiven Regelung der 50er Jahre war nun nur noch das Recht auf Namenswechsel anlässlich der Taufe geblieben. Schon 1822 hatte der König befohlen, Namensänderungen von Konvertierten seien „ohne Weiteres“ zu bestätigen, was 1867 bestätigt worden war; und der Innenminister hatte stets auf die Einhaltung dieser Bestimmung auch durch die nachgeordneten Behörden geachtet. Einige Monate nach Einführung der Berichts- und Genehmigungspflicht für alle jüdischen Anträge trat jedoch in der Behörde ein Wandel ein: Ein Namensänderungsgesuch des konvertierten Otto Richard Cohn wurde als unbegründet abgelehnt, und der Innenminister verlangte bei künftigen Anträgen Berichterstattung, ob „eine ausreichende Veranlassung zur Namensänderung vorliegt“. Erst am 25. September 1903 wurde diese Auffassung als Erlass veröffentlicht: Die verbreitete Auffassung, dass die Juden im allgemeinen bei der Taufe einen neuen Familiennamen wählen könnten, sei schon durch den Erlass von 1900 für Unrecht erklärt worden. Der Innenminister sei nicht verpflichtet, sondern ermächtigt, Namen im Fall der Taufe ohne weiteres zu genehmigen. Tatsächlich hatte der König damals den Innenminister dazu ermächtigt „die von den Juden bey der Taufe anzunehmenden Namen“ zu bestätigen. Für die Zukunft eröffnete diese Manipulation der Gesetzestexte ein weites Feld für Recherchen über die „wahren“, „eigentlichen“, „verdeckten“, „innersten“ Motive im christlichen Bekenntnis von Bürgern jüdischer Abkunft. Am 11. April 1904 wurden diese Bestimmungen auch auf die Vornamen ausgeweitet.

Durch die fortgesetzten Versuche der preußischen Regierung, die Juden auf ihre signifikanten Namen festzunageln, wuchs natürlich die Signifikanz der Namen. Der wachsende Druck der Antisemiten wiederum ließ die Juden nach weiteren Fluchtmöglichkeiten suchen. Trotz aller Einschränkungen blieb ihnen noch das Rechtsinstitut der Adoption, bis der Innenminister am 15. Januar 1908 den Regierungspräsidenten ein Kammergerichtsurteil vom 11. Oktober 1907 zur gefälligen Beachtung schickte, in dem festgestellt wurde, dass „die Einkleidung der Vereinbarung [i.e. einer Namensübertragung] in die äußere Form eines Adoptivvertrages eine Simulation enthält und als simulierter Vertrag rechtsunwirksam ist“. Der Minister wies die Adressaten an, auf simulierte Adoptionsverträge ein wachsames Auge zu haben.

Während die Mauern, die das jüdische Namensareal immer mehr als Ghetto erscheinen ließen, fast unübersteigbar wurden, wurde die Frage der polnischen Namen völlig anders gehandhabt. Der Minister des Inneren schrieb 1901 an die Regierungspräsidenten, er nehme an, „dass Namensänderungen [...], welche die Verschmelzung des polnischen Elementes mit dem deutschen zu fördern geeignet sind, von Seiten der Behörden jede Unterstützung und Erleichterung erfahren werden, welche nach den bestehenden Vorschriften zulässig und angängig ist“. Eben diese Verbindung mit dem Deutschtum, die bei den Polen gewünscht wurde, betrachtete der Minister des Inneren in einem Schreiben an den Berliner Polizeipräsidenten 1909 (1907? S. 165, S. 171, S. 191)bei den Juden als „Verschleierung“, der schon im Interesse aller achtbaren und anständigen Juden nicht Vorschub geleistet werden“ dürfte. Es könne nicht „der Standpunkt eingenommen werden, daß es einer Persönlichkeit jüdischer Herkunft zur Unehre gereiche, einen jüdischen Namen zu führen“. Diese Ungleichbehandlung machte die Isolation der Juden im wilhelminischen Reich noch deutlicher.

Wie weit die Dinge gediehen waren, zeigte 1913 der große Skandal um den Fall „Kohn – Körner“ Dieses Jahr hatte für die Ausformung preußisch-deutscher Identität eine besondere Bedeutung, da sich die Völkerschlacht bei Leipzig zum hundertsten Male jährte. Der Dichter Theodor Körner eignete sich da besonders gut als nationale Leitfigur. Am 19. April 1913 teilte in einer Anzeige ein Paul „Kohn“ seine Namensänderung in „Körner“ mit, und in derselben Ausgabe der Zeitung wurde ein Volksunterhaltungsabend mit Vertonungen von Theodor Körners Gedichten angekündigt. Die antisemitische Presse schäumte: „Der Jude führt also fortab den Namen eines unserer edelsten Nationalhelden, einen Namen, der jedem Deutschen heilig ist“. Der Name Körner stehe für „Pflichttreue – Ordnung – freiwillige Unterordnung – Gottesfucht – Ehrfurcht vor dem Könige – Liebe zum Vaterlande [...] Der Name Kohn dagegen ruft die entgegengesetzten Empfindungen in uns wach.“ Auch Proteste einzelner Körners trafen im Ministerium des Inneren ein, darunter die des Dr. Bernhard Koerner, Regierungsrat im „Königlichen Heroldsamt“. Er bezog sich bei seinem Protest dementsprechend auf die Erlasse, die Friedrich Wilhelm IV. zum Schutz adeliger Namen ausgesprochen hatte und fügte hinzu, bei Namenswechseln sei das Einverständnis der „nächsten männlichen Angehörigen der Familie“ einzuholen. Beides wurde vom zuständigen Namensreferenten abgeschmettert, da sich letzerer Punkt nur auf den Fall beziehe, dass der Name einer bestimmten Familie angenommen werden sollte. Zudem sandte der Berliner Polizeipräsident von Jagow am 10. Juli 1913 einen Bericht an das Ministerium und den Dr. Koerner, wonach der Umbenannte kein Jude, sondern „durchaus christlicher Abkunft“ sei. Dieser „Umstand, daß eine durchaus christliche, ursprünglich auf bäuerlichen Kreisen entstammende Person den spezifisch jüdischen Namen ‚Kohn’ zu führen hatte, [wurde] als ausreichender Grund zur Namensänderung angesehen“. Der Referenz im Ministerium stimmte dieser Argumentation zu, obwohl sein Minister wenige Jahre zuvor betont hatte, ein jüdischer Name gereiche nicht zur „Unehre“. Bei einem „deutschblütigen“ Petenten ließ man offenbar die soziale Wirklichkeit als Bedrückung für den Namensträger gelten. Dr. Koerner gab nicht auf und platzierte einen Leitartikel in der „Kreuz-Zeitung“, dem Spitzenorgan der Deutsch-Konservativen. Darin enthüllte er die Fundamente der antisemitischen Namenskampagnen: Man könne bei der „Verschleuderung deutscher Familiennamen“ in einigen Jahren „kaum einem deutschen Namen noch [...] ansehen [...], ob seine Träger auch wirklich deutscher Abstammung und deutschen Blutes sind“. Da war es in aller Offenheit: Die Grundaussage der Rassisten von der erkennbaren Andersartigkeit jüdischer und deutscher Menschen war falsch, und eine eindeutige Distinktion hätten allein die Namen leisten können.

Auf die massiven Anschuldigungen reagierte der Innenminister mit einer Statistik, die die Vorstellung von der Massenhaftigkeit jüdischer Namenswechsel als Hirngespinst entlarvte: Von 1900 bis 1913 hatte es ganu 253 Fälle von Namensänderungen von Juden gegeben, bei denen zudem auch die normalen Egalisierungen von disparaten Familienverhältnissen eingerechnet waren. Dieser Zahl standen (nach der bereits erwähnten Statistik von 1923) 12 781 Namensänderungen in der „deutschen“ Bevölkerung gegenüber. Diese Statistik wies für etwa denselben Zeitraum 734 Änderungen jüdischer Namen aus, wobei hier nicht zwischen ändernden Juden und ändernden Bürgern deutscher Herkunft differenziert wurde. Der scheinbare Widerspruch ermöglicht eine Vorstellung von der Menge der „Deutschen“, die wie „Paul Kohn“ nichts von der behaupteten „Ehrenhaftigkeit“ eines jüdischen Namens hielten und denen die Flucht keineswegs verlegt wurde. Man behandelte faktisch Gleiches aus einem bloß formalen Grunde verschieden: falscher Schein, der ungerechterweise zu Widrigkeiten im Alltagsleben führte („Deutsche“ mit „jüdischem“ Namen), und richtiger Schein, der ungerechterweise zu Widrigkeiten im Alltagsleben führte („Juden“ mit „jüdischem“ Namen). Die Fluchtmöglichkeit für deutsche Bürger mit jüdischem Namen erhöhte natürlich wieder die Siginifikanz der jüdischen Namen der Juden, die faktisch immer mehr ein Zwangsmittel zu Religions- und Rassenkonfess wurden, der anderen Staatsbürgern nicht abverlangt war. Anders als von den Antisemiten behauptet waren die Juden von jeder Vergünstigung wie von einer Gleichbehandlung weit entfernt. Die Regelungen zur Namensänderung waren vielmehr eine staatliche Regulierung des Antisemitismus.

Dennoch waren die Antisemiten nicht zufrieden und behaupteten, dass „gerade an den entscheidenden Stellen jüdische Staatsbeamte mit der Entscheidung über die betreffenden Gesuche betraut sind oder waren“. Die Aufführung einer Reihe von Namen (Lindig, Friedheim, Friedberg, Lindenau, Ramslau, Joel, Jaffé) diente nicht nur als Benennung, sondern erhielt Beweischarakter. Die sprachliche Kompetenz, jüdische Namen zu erkennen, wurde einkalkuliert.