5.1. Die byzantinische Schrift

Im 4. Jahrhundert wurde eine einheitliche Schreibweise für das byzantinische Griechisch festgelegt. Diese Majukselschrift bestand aus deutlichen scharf voneinander getrennten Buchstaben. Da sie vor allem durch Bibelhandschriften überliefert ist, wird sie auch Bibelmajuskel genannt. Die Majuskeltexte wurden fortlaufend, d.h. ohne Wortabstände oder Satzzeichen geschrieben (scriptio continua), lediglich Kapitel wurden durch Absätze getrennt. Obwohl diese Schreibweise für heutige Leser schwer zu entziffern ist, gab es offenbar lange Zeit keine Probleme - man hatte sich an einen ununterbrochenen Schreibfluß gewöhnt. Erst im 9. Jahrhundert, als sich gesprochene und geschrieben Sprache stärker auseinanderentwickelt hatten, war ein flüssiges Lesen kontinuierlicher Texte nicht mehr möglich. Gleichzeitig kam es zu einer Abkehr von der klaren Majuskel und zur Etablierung einer Schnellschrift (Kursive), die ebenfalls der Lesbarkeit abträglich war. Als Konsequenz wurde um 800 die Minuskel entwickelt (belegt ab 835) und die Wörter und Sätze graphisch getrennt und man begann, Akzente zu benutzen. Viele Codices wurden in die neue Schrift umgesetzt - wobei es häufig zu Fehlern kam - die Vorlagen wurden nach der Abschrift vernichtet. 150 Jahre später hatte sich auch die Minuskel verändert: Es wurden Abkürzungen verwendet, Buchstaben am Zeilenende wurden vergrößert, Akzente aufgebläht und der Zeilenzwischenraum genutzt. Nur im liturgischen Bereich blieb aus praktischen Gründen der klare Charakter der Minuskel erhalten. In der Urkundenschrift, einer Randerscheinung, gab es eine starke Verlängerung einzelner Buchstaben. Diese Ober- und Unterlängen deuten auf eine Orientierung der sehr traditionell abgefaßten Urkunden an der Kursive des 5. Jahrhunderts hin. Eine weitere Spezialschrift ist die Tachy- bzw. Stenographie, die vor Gericht und bei Konzilien (sehr selten in der Literatur) verwandt wurde und eigene Zeichenformen aufwies. Für Inschriften wurden weiterhin Kapitalen/Majuskeln benutzt, das Schreiben auf Stein spielte aber neben Papyrus, Pergament und Papier kaum eine Rolle. Auch die scriptio continua wurde in der Epigraphik bewahrt, die eher ästhetischen als informativen Charakter hatte. Von diesen Randerscheinungen abgesehen war bis etwa 800 (in Zier- und Überschriften auch später) die Majuskel üblich, danach die Minuskel.

Große Bedeutung für die Überlieferung von Texten hatten die Kopisten (kalligraphos, dt. Schönschreiber): Da der im 15. Jahrhundert erfundene Buchdruck im griechischen Bereich unter der türkischen Herrschaft untersagt war, wurden Bücher bis ins 18./19. Jahrhundert von Hand kopiert. Der Beruf des Kopisten, den es bereits im ägyptischen Neuen Reich (1522 - 1080 v. Chr.) gegeben hatte, wurde in Byzanz von Laien (privaten und kaiserlichen Kopisten) und Mönchen, im lateinischen Westen nur von Mönchen ausgeübt. Allerdings ist die Bezeichnung Mönch für den Osten etwas unscharf, weil sie auch Personen umfaßt, die erst nach einer weltlichen Karriere konvertierten. Die byzantinischen „Mönche“ kopierten jedenfalls kaum profane Texte, während in den klösterlichen Großskriptorien des Westens alle Arten von Texten kopiert wurden. Der relative umfangreiche Buchbetrieb in den großen Städten wie Rom erforderte einen Schreibbetrieb im großen Stil, in Byzanz konnte die geringe Nachfrage in kleinen Kopistenkreisen befriedigt werden. Aus diesem Grund setzte sich das zeitsparende Diktat auch hauptsächlich im Westen durch. Die sonstige Arbeitsweise war dagegen einheitlich: Man schrieb am Pult sitzend oder mit der Rolle bzw. dem Kodex auf den Knien. Durch die Signaturen auf Handschriften sind mehrere tausend Kopistennamen überliefert, darunter nur eine Frau, Theodora Raoulina (1240-1300), eine gebildete Oberschichtlerin. Allerdings wirkten Frauen in vielen weiblichen Heiligenlegenden als Kopistinnen, und nur 10% der Handschriften enthalten die Namen der Kopisten, so daß man von einem gewissen Anteil von Kopistinnen ausgehen kann.

Eines der wenigen Großskriptorien war das Kloster Studiou, das vom 5. bis zum 15. Jahrhundert exisitierte und in dem auch die erste überlieferte Minuskelhandschrift entstand. Die Regeln byzantinischer Klöster (Typikon) waren, anders als im Westen, nicht in mehreren Klöstern angewandt, basierten aber alle auf den Mönchsnormen des Basileos. Anfang des 9. Jahrhunderts wurde das Typikon von Studiou formuliert, das auch ein Kapitel über die Kopisten, bzw. die Strafen für deren Fehlverhalten enthält:

In Byzanz wirkten auch Gelehrte als Kopisten ihrer eigenen und fremder Werke, im Westen tauchten erst in den Dominikaner- und Franziskanerorden gelehrte Kopisten auf. Die „dilettierenden“ Wissenschaftler konnten dem Anspruch an professionelle Schönschreiber nicht gerecht werden, während die echten Kopisten teilweise erstaunliche Leistungen vollbrachten.