6 Erneute Liberalisierung seit 1914

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges änderten sich die Verhältnisse, da das Reich innenpolitisch auf Zusammenhalt angewiesen war. Besonders bei den Juden, die sich freiwillig für den Dienst am Vaterland meldeten, wurden immer mehr Ausnahmen vom alten System gemacht. Auch Fälle von Patronage führten zu einer Aufweichung, da sich die Verwaltung nicht dem Vorwurf der Willkür aussetzen wollte. Nach dem Beginn des Stellungskrieges flammte dagegen der Antisemitismus wieder auf, der die Juden für das fehlende Kriegsglück verantwortlich machte. An der Front gerieten jüdische Namen stark unter Druck, die schon in Friedenszeiten beim Militär zu Demütigungen führten. Obwohl aber der Antisemitismus an Kraft gewann, setzte sich 1917 im Innenministerium die Liberalisierung unter dem neuen Minister Dr. Bill Drews durch. Er berief schon vor Kriegsende mit Dr. Bernhard Weiß den ersten ungetauften Juden ins Ministerium. Nach dem Ende des Krieges stand der neue Chef des Innenressorts, Wolfgang Heine (SPD), vor der Aufgabe, die Politik des „obrikeitsstaatlichen Antisemitismus“ zu liquidieren – auch in Bezug auf Namensänderungen. Am 25. April 1919 hob er – nach einem entsprechenden Antrag des „Verbandes Deutscher Juden“ den diskrimierenden Erlass vom 18. Mai 1900 auf, wodurch die Kompetenz für alle Namensänderungen wieder an die Regierungspräsidenten ging. Einige von ihnen stemmten sich gegen jede Veränderung und lehnten weiterhin Anträge ab, die eine „Verdunkelung“ jüdischer Herkunft zur Folge gehabt hätten. Am 15. Oktober 1919 wurde der Antrag der Justizministeriums gebilligt, die Namenssachen seinem Ressort zuzuschlagen, da die Namen nach der neuen Reichsverfassung ein rein privates Gut seien. Nur die Amtsgerichte (und nicht mehr die Exekutive) kämen als untersuchende, nur die oberste Justizbehörde als letzte Instanz in Frage. Mit der Ratifizierung dieses Antrags endete die Geltung der – für Juden oftmals verschlechterten – Regelung von 1867.

In der neuen „Verordnung, betreffend die Änderung von Familiennamen“ kamen „jüdische Namen“ konsequenterweise nicht mehr vor. Der wachsende Antisemitismus zwang die preußische Regierung allerdings, zum Druck auf jüdische Namen Stellung zu beziehen, was Justizminister am Zehnhoff in den „Grundsätzen“ für die Behandlung von Änderungsgesuchen tat. Er wiederholte wörtlich die Position der königlichen Verwaltung, ein jüdischer Name sei nicht unehrenhaft. Während dies im Kaiserreich angesichts der staatlich tolerierten Ungleichheit ein leerer Grundsatz war, stand diese Aussage nun für den Willen zur Durchsetzung echter Gleichheit. Allerdings wurde die Realität nicht ausgeblendet: „anstößige jüdische Namen, die erfahrungsgemäß zu Spötteleien Anlaß geben (wie Itzig, Schmuhl, Moses oder Abneigung gegen den Träger erwecken können (Nachtschweiß, Totenkopf) [sind] gleich den anstößigen Namen deutschen Ursprungs abzuändern“, wobei die Gewährung vorkommender deutscher Namen ausgeschlossen wurde. Wichtig an dieser Bestimmung war, dass nicht nur Schimpfnamen im engeren Sinne wie „Itzig“ und „Schmuhl“, sondern auch ein markierter Name wie „Moses“erwähnt wurde. Der Ausschluss der Gewährung bereits existierender deutscher Namen hätte nun die Antisemiten beruhigen müssen, wenn es ihnen tatsächlich um den „Schutz“ deutscher Namen gegangen wäre. Dennoch verbreitete die judenfeindliche Presse sofort Alarmmeldungen über das nunmehr freigegebene Rennen der „Isidore“ und der „Schmuhls“ in Richtung deutscher Namen. Tatsächlich nahm die Zahl der jüdischen Namensänderungsanträge nach der Gründung der Weimarer Republik – trotz fortgesetzter antisemitischer Hetze – stark ab, was vom Vertrauen der Juden in den neuen Staat zeugte. Der Anteil an allen Anträgen sank von 5,7% (1912-1919) auf 2,9% (1920-1922) und weiter auf 1,9% (1926-1928).

Gleich zu Beginn machte die Republik Kompromisse: Ein ausgewiesener Antisemit wie Dr. Bernhard Koerner konnte nach der Auflösung des Heroldsamtes ins Namensreferat des Justizministeriums wechseln ließ, wo er 1923 die Anforderung einer Statistik aller Namensänderungen seit 1812 initiierte. Auch in der Presse lebten die alten Vorstellungen über Namen weiter: 1923 wurde in der „Schlesischen Landwacht“ begeistert von der Einrichtung eines „Büros für Namensänderungen“ berichtet, durch dessen Wirken Deutsche mit polnischem Namen „für immer den Netzen polnischer Agitation entzogen werden“. Der Artikel schloss: „Ein deutscher Mann muß deutschen Namen tragen.“ Demgegenüber gab die antisemitische „Deutsche Tageszeitung“ einer Firma, die Unterstützung bei Änderungen jüdischer Namen versprach, „sich mit einer Gesellschaft zu koalieren, die gut wirkende Mittel gegen Plattfüße, krumme Nasen und ähnliche Rassemerkmale hat, denn mit der Namensänderung allein wird doch nur halbe Arbeit geleistet“.

1928 delegierte der Justizminister die große Masse der Namensänderungsanträge – wie 1867 der König – diesmal allerdings an die Landgerichtspräsidenten. Allein die besonders sensiblen Bereiche (jüdische oder jüdisch klingende und ehemals adlige Namen) beanspruchte er für sich. Das gerade bei den Namen keine Ruhe eingekehrt war, zeigte der Fall „Isidor“. Seit seiner Ankunft als Gauleiter in Berlin inszenierte der NSDAP-Agitator Joseph Goebbels einen Namenfeldzug gegen den jüdischen Polizeivizepräsidenten Bernhard Weiß, einen engagierten und kämpferischen Demokraten, indem er ihm den Spottnamen „Isidor“ beilegte. Von 1927 bis 1932 klagte Weiß 16mal wegen dieser gezielten Namensvertauschung, und die Gerichte attestierten durchweg, dass das eine strafwürdige antisemitische Beleidigung sei. Dennoch wurde Weiß gerade durch diese Auseinandersetzungen immer mehr zum „Isidor“ umfunktioniert. Den Höhepunkt des Feldzugs bildete eine Auseinandersetzung im Reichstag. Einige Abgeordnete der NSDAP hatten einen ehemaligen Nationalsozialisten in der Reichstagskantine zusammengeschlagen. Als Bernhard Weiß auf Wunsch des Reichstagspräsidenten Maßnahmen zur Sicherung von Beweisen ergriff, brachen die Nationalsozialisten in „Isidor! Isidor!“-Rufe aus. Zu diesem Zeitpunkt hatte Goebbels den Kampf bereits gewonnen, denn Weiß verzichtete seit längerem auf Klagen gegen die Verunglimpfung.