7 Die Entwicklung seit 1933

Gegen Ende der Weimarer Republik verschlechterten sich die Verhältnisse wieder. Nach dem Papen-Streich 1932 gingen die Namenssachen unter dem Vorwande einer gebotenen Verwaltungsvereinfachung zurück ins Innenministerium. Damit neigte sich die Waage wieder zugunsten der polizeiorientierten Exekutive. Kurz nach der Machtübernahme erwog der Reichsinnenminister den Plan, die Namensänderungen der Juden rückgängig zu machen und forderte vom preußischen Justizminister eine komplette Aufstellung sämtlicher Fälle, in denen Juden seit 1919 ihre Namen geändert hätten. Die Aufstellung ergab, dass nur 807 Personen von einem jüdischen zu einem deutsch klingenden Namen gewechselt hätten, von denen der Referent etwa 20% als „arisch“ kalkulierte; worauf selbst der Reichsinnenminister zugestehen musste, dass „die Annahme eines auffallend großen Umfangs jüdischer Namensänderungen in den Nachkriegsjahren widerlegt“ sei. Deshalb lud er die preußischen Minister des Inneren und der Justiz zu einer Konferenz, auf der neben der Rückbenennung auch der Begriff „Judenname“ diskutiert werden sollte. Natürlich waren die Herren nicht geneigt, die jahrhundertealter Verschränkung jüdischer und deutsch-europäischer Geschichte anzuerkennen, die sich in der Namenwelt spiegelte. Bei dem Kampf um Vornamen hatte sich ja ergeben, dass eine Trennung gar nicht möglich sei, was der König 1841 anerkannt hatte. Dass aber auch im Areal der Familiennamen eine Durchmischung stattgefunden hatte, mochten die radikalnationalen und antisemitischen Kräfte seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nicht zugestehen. Sie bestärkten vielmehr bei sich und anderen den Glauben, dass es „jüdische“ Namen geben müsse. Diese Überzeugung, agitatorisch immer wieder unters Volk gebracht, malte alsbald im Kopf der meisten eine Kartographie – oft negativ besetzter – Namen, die als jüdisch galten, mochten sie sprachlich hebräischer oder deutscher Herkunft sein und auch noch so oft von alt-deutschen Familien getragen werden. Juden ohne einen jüdischen Namen und Deutsche ohne deutschen musste für derart fixierte Leute eine irritierende Erfahrung sein, da sie eben den verdrängten Zusammenhang belegte.

Zunächst wurde deshalb den „Personen arischer Abstammung“ mit „jüdischem Namen“ mit einem Runderlass vom 25. Juni 1934 die Namensänderung stark erleichtert, wobei die „Auffassung der Allgemeinheit“ – die eine lange Tradition in die Gehirne der Deutschen geschrieben hatte – zum Maßstab für jüdische Namen erklärt wurde. Am 5. Januar 1938 folgte das Gesetz über die „Änderung von Familiennamen und Vornamen“, das eine Zwangs(rück)änderung von unerwünschten jüdischen Namenswechseln vor dem 30. Januar 1933 erlaubte. Ab dem 1. Januar 1939 wurde jedem Juden ohne ausgeprägt jüdischen Vornamen zudem zwangsweise „Israel“ oder „Sara“ zudiktiert. Dazu veröffentlichte man eine Liste mit massiv fremdartig klingenden Namen, die künftig für Juden überhaupt noch zugelassen sein sollten. Mit Gewalt wurde also die eindeutige Kennzeichnung durchgesetzt, die die Antisemiten zuvor behauptet hatten. Am 15. September 1941 mussten alle Juden einen gelben Stern sichtbar an der Kleidung tragen, was ihre soziale Isolierung vervollständigte. Nach der räumlichen Isolierung in Konzentrationslagern erübrigte sich ein Name als menscheneigene Qualität ganz. Nummern, in die Haut gebrannt, ersetzten ihn.