Der Begriff „Mittelalter“

Eine Unterteilung der Menschheitsgeschichte kann aus rein pragmatischen und didaktischen Gründen erfolgen, sie kann aber auch Ausdruck eines historischen Urteils sein und eine tatsächliche geschichtliche Abfolge wiedergeben. Einige Historiker gehen davon aus, daß „Geschichtsbücher beginnen und enden, nicht aber die Ereignisse selbst“ (R.G. Collingwood), andere verweisen darauf, daß einen unendlichen, kontinuierlichen Prozeß niemand denken, geschweige denn darstellen kann. Zu allen Zeiten haben Menschen ihre Vergangenheit als gegliedert betrachtet.

Die populäre Dreiteilung Altertum - Mittelalter - Neuzeit entstammt europäisch-humanistischem Geschichtsdenken und ist vor allem durch die Historia tripartita des Hallenser Professors Christoph Cellarius (1638 - 1707) verbreitet worden, eine globale Einteilung der Geschichte, die über den Schul- und Universitätsbetrieb hinaus bis heute weithin maßgeblich geblieben ist. Das Schema ist theoretisch wie praktisch vielfach ergänzt worden, wobei die Forderung des Mediävisten H. Aubin (1885 - 1969), daß „ein breiter Streifen allmählicher Veränderungen“ notwendig sei, um Großepochen voneinander abzuheben, allgemeine Anerkennung gefunden hat. Nicht einzelne herausragende Ereignisse der Religionsgeschichte (konstantinische Wende 313 n. Chr., Luthers Thesenanschlag 1517), der politischen Geschichte (das Ende des weströmischen Reiches 476 n. Chr.) oder der Technik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte markieren Grenzen, sondern eine Umstrukturierung in vielen Bereichen.

Aus diesem Grund bewegen sich die Vorschläge zum Beginn des Mittelalters über ein halbes Jahrtausend: von der Krise des römischen Reiches im 3. Jahrhundert bis zur Kaiserkrönung Karls des Großen 800. Die meisten Einschnitte orientieren sich an der politischen Geschichte: 324 Sieg Konstantins über Licinius, 375 Hunneneinbruch, 476 Absetzung des Romulus Augustulus, 568 Langobardeneinfall in Italien. Die von Stalin der marxistischen Forschung aufgezwungene These eines Übergangs von der spätantiken Sklavenhaltergesellschaft zum Mittelalter durch eine Revolution der Sklaven läßt sich nicht halten. Auch die Bezeichnung „Feudalzeitalter“ für das Mittelalter ist ideologisch befrachtet, das Mittelalter wird üblicherweise als Synthese von Antike, Christentum und Germanentum.Die Problematik eines festgelegten Beginns liegt auf der Hand, sie läßt sich mit der Annahme einer mehr oder weniger langen Übergangszeit umgehen.

In der deutschen Historiographie gelten die Völkerwanderungen des 4. bis 6. Jahrhunderts als eine solche Zeit, wobei auch dieser Abschnitt geographisch und chronologisch nicht einheitlich ist. Im allgemeinen Geschichtsbewußtsein bestimmt die Vorstellung von Auflösung und Niedergang das Bild dieser Jahrhunderte, die in der angelsächsischen Historiographie als „dark ages“ bezeichnet werden. Die alte Katastrophentheorie macht die Germaneneinfälle verantwortlich für den Untergang der römisch-antiken Kulturwelt. Ebenso wie die dagegen gerichtete Kontinuitätstheorie von A. Dopsch kann diese Anschauung bei genauerer Betrachtung nicht bestehen: zwar brachen der römische Staat und viele antike Organisationsformen zusammen, aber die Germanen kamen nicht als Zerstörer; außerdem nahm gleichzeitig die christliche Kirche einen gewaltigen Aufschwung: sie konnte einen großen Teil des antiken Kulturgutes tradieren und sich in den keltischen und germanischen Raum ausbreiten. Eine Synthese dieser beiden Theorien versuchte H. Pirenne, indem er eine Kontinuität der Antike bis in das 8. Jahrhundert annimmt und die Zäsur mit dem zerstörenden Einbruch des Islam in die Mittelmeerwelt ansetzt. Dadurch erst habe sich das Schwergewicht des merowingischen Frankenreiches in den Nordosten verlagert und so den Aufstieg der Karolinger ermöglicht. Auf jeden Fall sprengte der Arabersturm die antike Einheit der Mittelmeerwelt und ein Mächtesystem aus Byzanz, dem Reich der Kalifen und dem Frankenreich bildete sich heraus.

Innerhalb des Mittelalters unterscheidet die deutsche Geschichtswissenschaft Früh-, Hoch- und Spätmittelalter, wobei der erste Einschnitt entweder mit dem Ende der Karolinger (911 im Osten, 970 im Westen) oder mit der Auseinandersetzung zwischen Heinrich IV. (1056 - 1106) und Gregor VII. (Investiturstreit) gesetzt wird. Die Negierung des Sakralcharakters des Königtums und der Wiederaufstieg des Papsttums zu universalter Geltung im ausgehenden 11. Jahrhundert veränderten die frühmittelalterliche Ordnung tiefgreifend. Mit dem Untergang der Staufer (1250) und dem Interregnum (1250 - 1273) vollendete sich dann in der Mitte des 13. Jahrhunderts der Niedergang des universalen Kaisertums, die Idee des souveränen Nationalstaats setzte sich durch. Fortschreitender Niedergang der Zentralgewalt und zunehmende politische und kulturelle Zersplitterung kennzeichneten die deutsche Geschichte des Spätmittelalters. Gleichzeitig kam es zum Aufbau des modernen Staates und zum Aufstieg des Bürgertums, wobei die Reformation (neben den großen Entdeckungen um 1500) nicht nur unter religionshistorischen Aspekten einen sinnvollen Einschnitt zum Beginn der Neuzeit bietet.

Vorschläge zur Periodisierung des Mittelalters

Beginn des Mittelalters Ende des Mittelalters
313 Toleranzedikt von Mailand 1348/9 Große Pest in Europa
308-337 Konstantin der Große 1378 Beginn des Großen Schismas
324 Sieg Konstantins über Licinius (CAH) 1453 Eroberung Konstantinopels durch die Türken
375 Hunneneinfall in Europa (deutsch) 1450 Erfindung des Buchdrucks (Gutenbergbibel)
378 Schlacht bei Adrianopel 1492 Entdeckung Amerikas
395 Tod des Theodosius (französisch) 1517 Luthers Thesenanschlag
410 Eroberung Roms durch die Westgoten
476 Absetzung des Romulus Augustulus (deutsch)