Der Zerfall des Mächtesystems 1851 – 1856

Trotz der scheinbar wiederhergestellten Ordnung in Europa waren Risse im System entstanden, die zum Ausgangspunkt der Konflikte der nächsten Jahrzehnte werden sollten. Der Legitimismus als tragendes Element der konservativen europäischen Ordnung zwischen 1815 und 1848 hatte seinen Existenzsinn verloren, seit die Fürsten des Deutschen Bundes im März 1848 vor der Revolution zurückgewichen waren und liberale Ministerien zugelassen hatten. Die Schwächung des Legitimitätsprinzips zeigte sich am deutlichsten in Frankreich. Louis Napoleon, der im Dezember 1848 zum Prinz-Präsidenten gewählt worden war, ließ sich nach einem Staatsstreich im Dezember 1851 im Dezember 1852 mit Zustimmung des Volkes (97%) als Napoleon III. zum „Kaiser der Franzosen durch die Gnade Gottes und den Willen der Nation“ krönen. Obwohl schon die Wahl Napoleons III. zum Prinzpräsidenten gegen die Klausel der Quadrupelallianz von 1815 verstieß, die die Angehörigen des Hauses Bonaparte auf alle Zeiten von der Herrschaft in Frankreich ausschloss, ließen die Großmächte die Errichtung des „Second Empire“ in Frankreich zu. Ausgerechnet die östlichen Mächte begrüßten den Staatsstreich 1851 als Sieg über die Revolution und Louis Napoleon als Garanten der Ordnung, während die öffentliche Meinung in England gegen die Zerschlagung der Republik war. Angesichts der folgenden Usurpation monarchischer Gewalt stellte sich allein Zar Nikolaus auf einen formal legitimistischen Standpunkt und lehnte es kategorisch ab, einen Bonaparte als Monarchen zu behandeln. Ende 1852 konnten sich alle vier Mächte auf ein gemeinsames Memorandum einigen, in dem von Napoleon III. als Gegenleistung für die Anerkennung als Kaiser die Achtung des territorialen Status quo verlangt wurde. Napoleon III. unterlief diesen Versuch der Verständigung, indem er jede dynastische Bedeutung seines Titels bestritt und seine Achtung vor den Verträgen von 1814/15 erklärte, die er jedoch aus Rücksicht auf nationale Gefühle nicht öffentlich erklären wolle. Entgegen seiner Erklärung war es gerade die Befreiung aus den Fesseln der Verträge von 1815, die die dynamische Außenpolitik Napoleons III. auszeichnete. Dennoch akzeptierten die Mächte diese Erklärung und erkannten Napoleon III. als Kaiser an. Die Wiener Ordnung reduzierte sich auf die territorialen Regelungen der Kongressakte. Das Prinzip des Gleichgewichts blieb erhalten, während der Legitimitätsgedanke keine Rolle mehr spielte.

Der erlahmende Friedenswille der Mächte ließ 1853 einen orientalischen Konflikt zum Krimkrieg (1853 – 1856) eskalieren, der die Wiener Ordnung endgültig zerstörte. Russlands Forderung nach einem Protektorat für orthodoxe Christen in Jerusalem wurde vom Sultan abgelehnt, worauf russische Truppen im Juli 1853 in die Donaufürstentümer Moldau und Walachei einrückten. Daraufhin erklärte der Sultan Russland im Oktober den Krieg. in den sich 1854 England und Frankreich (1855 auch Sardinien) auf türkischer Seite einschalteten. Der Nachfolger Schwarzenbergs († 1852), Karl Ferdinand Graf von Buol-Schauenstein, sah in dieser Situation die Chance, Russland vom Balkan zu verdrängen und eine österreichische Vorherrschaft durchzusetzen. Dazu war Wien aber auf die Unterstützung Preussens und des Deutschen Bundes angewiesen. Bismarck riet dem preussischen Ministerpräsidenten Manteuffel, von Österreich die Aufteilung Deutschlands in separate Einflusssphären zu fordern, sobald die Donaumonarchie im Osten engagiert und im Westen wehrlos sei. Der König entschied sich dagegen, wenn auch widerstrebend, im April 1854 für eine Erneuerung des Verteidigungsbündnisses mit Österreich. Daraufhin stellte Buol – in endgültiger Abkehrung vom Prinzip der konservativen Solidarität – Russland ein Ultimatum, das den Zaren zwang, die Donaufürstentümer an Österreich auszuliefern. Als nun Buol am 2. Dezember 1854 zusätzlich ein Bündnis mit Frankreich und England abschloss, brachte der drohende Krieg Österreichs mit Russland die Mittelstaaten an die Seite Preussens, das während des ganzen Jahres 1855 über eine stabile Mehrheit im Bundestag verfügen konnte. Die Forderung Österreichs nach einer Mobilisierung der Bundestruppen gegen Russland wurde abgelehnt, was den österreichischen Kriegseintritt verhinderte. Damit war Wien völlig isoliert: In Petersburg betrachtete man die österreichische „Realpolitik“ als Verrat, und die neuen Verbündeten im Westen verübelten Österreich, dass es nicht auf ihrer Seite in den Krieg eingetreten war. Nach der Einnahme der Schwarzmeerfestung Sewastopols (Krim) durch die Westmächte im September 1855 endete der Krimkrieg mit der Pariser Friedenskonferenz (25. Februar – 17. April 1856). Über die türkischen Christen wurde ein „europäisches Protektorat“ errichtet, so dass weder Russland noch Österreich die Donaufürstentümer erhielten. Besonders demütigend für Russland war die Neutralisierung des Schwarzen Meeres (bisher der Hauptstützpunkt der russischen Marine), die England zur Sicherung seiner eigenen Handelswege durchsetzte. Nicht nur durch die Ausschaltung als Seemacht, sondern auch durch innenpolitische Reformen war Russland als europäischer Machtfaktor stark geschwächt.

Dadurch ergaben sich neue Konstellationen: England war dadurch, dass es den Krieg zur Schwächung des weltpolitischen Rivalen Russland genutzt hatte, zum russischen Hauptgegner geworden. Die Frontstellung der Flügelmächte war für die kommenden Jahre ein stabiler Faktor der europäischen Politik, der die während der Revolution von 1848 ausgeübte russisch-englische Hegemonie über den Kontinent aufhob. England war als modernste und wirtschaftlich stärkste Macht Europas – vor allem seit dem Übergang zum Freihandel 1846/49 –immer weniger auf die europäische Pentarchie und Mächtegleichgewicht angewiesen fühlte und sah im Krieg ein legitimes Mittel der Politik. Weiterhin hatte das Bündnis Österreichs mit England und Frankreich die formell-informelle Allianz der drei Ostmächte gesprengt und damit die entscheidende machtpolitische Konstellation der Wiener Ordnung zerstört und sich von der östlichen Führungsmacht entfremdet. Die Spaltung der Westmächte in der orientalischen Krise 1840 und die österreichische Bindung an Russland durch die militärische Unterstützung 1848/49 waren damit revidiert. Frankreich war der eigentliche Sieger des Krieges: Es war über die Rolle der geringer wertigen Großmacht hinausgelangt und nahm nun eine politisch-ideelle Führungsposition in Westeuropa ein, auch wenn der Kongressplan Napoleons III. zur Neuordnung Europas abgelehnt worden war. Während des Krimkrieges hatte sich gezeigt, dass auch die konservativen Mächte immer offener Interessenpolitik betrieben. Mit der Pariser Friedenskonferenz, auf der das Mächtesystem zum letzten Mal aktiviert wurde, begann die Epoche der Realpolitik, in der die Mächte ihre Eigeninteressen konsequent und weitgehend ungehemmt verfolgten.

In dieser Situation wurde ein russisch-französisches Bündnis als Ersatz für die zerbrochene östliche Allianz in Paris und Petersburg für möglich gehalten, denn Frankreich hatte sich auf der Friedenskonferenz gegen die weitgehenden englischen Forderungen engagiert. Der neue Zar Alexander II. ersetzte zudem den konservativen Außenminister Karl Graf Nesselrode durch den pro-französischen Alexander Fürst Gortschakow. Auch Bismarck rechnete seit 1853 mit einem solchen Bündnis und wollte einen preussischen Beitritt dazu nicht ausschließen. Allerdings wäre Preussen dann der schwächste Partner in der mächtigsten europäischen Koalition gewesen und hätte seine außenpolitische Handlungsfreiheit eingebüßt. Deshalb kehrte er zur Befürwortung einer „Politik des Angelpunkts“ zurück, die er schon vor dem Krimkrieg verfochten hatte und die durch den Bruch der östlichen Allianz möglich wurde: Zwischen einem russisch-französischen und einem englisch-österreichischen Machtblock konnte sich Preussen flexibel bewegen, um den größtmöglichen Vorteil aus jedem Konflikt zu ziehen. Nur bei einem Krieg der anderen kontinentalen Mächte gegen Österreich drohte ihm die Rolle eines Juniorpartners.