1 Die Emanzipation der Juden

Die Differenzierung innerhalb der ständischen Gesellschaft des ancien régime wurde durch manifeste Unterschiede in zahlreichen symbolischen Bereichen gesichert: Titeln, Anreden, Kleiderordnungen usw. Die basale Sruktur der Namen war jedoch für alle Stände seit dem Ausgang des Mittelalters gleich (abgesehen vom adeligen „von“): Ein individueller Vorname bildete zusammen mit einem Geschlechtsnamen den Familiennamen. Am Ende des 18. Jahrhunderts wich nur noch die Gruppe der Juden von diesem Muster ab. Sie führten ihr Leben im Mittelalter und der Neuzeit außerhalb der Ständegesellschaft und waren rechtlich massiv benachteiligt. Da ihre Zahl verhältnismäßig klein war, genügten innerhalb der jüdischen Gemeinden bloße Rufnamen, während die Außenwelt die Gemeinde kollektiv als Bezugspunkt (z.B. schuldnerisch oder strafrechtlich) fungierte.

Neben den von der Aufklärung propagierten allgemeinen Menschenrechte führte vor allem die Hegemonie Frankreichs unter Napoleon zu einem grundsätzlichen Umdenken: Den absolutistischen Herrschern wurde klar, dass ein geeintes Staatsvolk eine ungeheure politische Kraft darstellte. Zur Kräftigung der eigenen Staaten wurde auch die Emanzipation der Juden ins Auge gefasst. Während Joseph II. von Österreich sich schon 1782 durch die Aufklärung zu diesem Schritt bewegen ließ, wurde in Preußen erst am 11. März 1812 ein Emanzipationsgesetz erlassen. Die Modalitäten der Emanzipation waren in den verschiedenen Staaten durchaus unterschiedlich – schlagartige, restlose Gleichstellung oder Abstufung nach faktischer Assimilation – aber im Zentrum stand stets das offizielle Ritual einer Namensannahme. Schon die ersten preußischen Pläne von 1792 erhoben die Forderung nach unveränderlichen Geschlechtsnamen.

Der aufklärerische Staatskanzler von Hardenberg verfolgte mit dem schließlich verabschiedeten „Assimilationspakt“ das Ziel, die verachtete Minderheit in der geachteten Mehrheit aufgehen zu lassen – nicht aber, sie als Minderheit zu achten. Die „Besserung“ der Juden sollte dadurch erreicht werden, dass alles Trennende zwischen Juden und Christen aufgehoben wurde. Diesem Ziel entsprechend wurde auch gefordert, „jüdische“ Kennzeichen wie Kleidung oder Barttracht zu verbieten und damit alle Distinktiva zu löschen. Gegen einen solchen Assimilationszwang sprachen sich zum einen antijüdisch Eingestellte aus, die weiterhin eine Erkennbarkeit der Juden wünschten, zum anderen Aufklärer wie Wilhelm von Humboldt, die staatlichen Zwang in solchen Fragen ablehnten. Am Ende machte das Emanzipationsedikt von 1812 deshalb die preußischen Juden zu Staatsbürgern nur unter der Voraussetzung, dass sie Familiennamen annähmen und im schriftlichen Verkehr ausschließlich die deutsche Sprache benutzten. Die Staatsbürgerbriefe unterstrichen den Konnex zwischen Namen und Staatsbürgerschaft, indem sie den neuen Namen zum Ankerpunkt des staatsbürgerlichen Qualitätssprungs erklärten. Bis auf die Zulassung zu Staatsämtern – ein Punkt, der später noch bedeutsam werden sollte – war die rechtliche Gleichstellung der Juden vollkommen. Die Debatten über Sprache, Kleidung, Barttracht und Namen hatten aber auch gezeigt, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts jedermann Juden auf Anhieb erkennen konnte. Erst der beginnende Assimilationsprozess verwischte diese äußerliche Erkennbarkeit. Humboldt hatte als gewünschten Zielpunkt dieser Entwicklung formuliert „daß jeder, der nicht in religiöser Hinsicht danach zu fragen hat, ungewiß bleibe, ob jemand Jude sey oder nicht“. Eben dieser Zustand wurde von den judenfeindlichen Kräften gefürchtet.

Der entscheidende Punkt war der Erhalt von Signifikanzen bei der Wahl der unveränderlichen Familiennamen. Die Namengesetze Josephs II. (1787) und Napoleons (1808) hatten – ganz im Sinne einer vollständigen Assimilation – verfügt, dass die Juden keine Städtenamen, Namen aus dem Alten Testament oder Namen in jüdischer Sprache als Familiennamen annehmen dürften. In Österreich ging man sogar so weit, eine Liste von 156 gesetzlich zugelassenen Vornamen zu erstellen. Demgegenüber enthielten sich die preußischen Ausführungsbestimmungen vom 25. Juni 1812 jeder Einflussnahme beim Wahlakt: Abgesehen von dem Fall, dass einer Familie bereits ein fester Name eigen sei, stünden den Familienoberhäuptern die Wahl frei. Jeder selbständige Familienvater, verfügte der Innenminister, könne „nach Gutdünken“ verfahren. Gerade diese Liberalität gab aber den Juden die Freiheit, „signifikant“ zu wählen, indem sie ihren nach jüdischer Sitte nachgestellten Vaternamen als bleibenden Familiennamen festschrieben: In Berlin, das die größte und fortschrittlichste jüdische Gemeinde in Preußen aufwies, hatten bereits 458 Familien einen festen Namen. Von den übrigen 1175 Haushaltsvorständen wählten nur 325 (27,7%) einen neuen Namen, die übrigen 850 (70,3%) blieben bei ihren Vaternamen. Die große Mehrheit schien also keine Benachteiligung durch ihre Namen zu befürchten, zumal der spätere Wechsel von einem Familiennamen zu einem anderen nur „in der Regel“, nicht aber prinzipiell untersagt war. Bei den Abwahlen fällt auf, dass nicht nur typisch alttestamentarische Namen abgewählt wurden, sondern auch schon die entsprechenden Ersatznamen („Hirsch“, „Markus“ für „Naphtali“, „Mordechai“), dass aber andererseits auch eine gewisse (lautliche bzw. schriftliche) Anlehnung an die alten Namen gesucht wurde. Zahlreiche Wechselwünsche bei den Vornamen veranlassten den Innenminister von Schuckmann zu der Einlassung, trotz des Grundsatzes der Bleibepflicht in bestehenden Namen solle man eine Änderung gestatten, da er „nur die löbliche Tendenz verräth, sich überall der allgemeinen Landessitte anzuschließen, und Alles, was die bisherige Absonderung und den Judäismus sogleich äußerlich bezeichnet, moeglichst fortzuschaffen“. Aber auch hier bewahrten viele der assimilationswilligen Juden die Tradition, indem sie nur einen von zwei Rufnamen abwählten, einen anderen biblischen Vornamen oder einen Gleichklangsnamen („Moritz“ oder „Moser“ statt „Moses“) wählten. Trotz der Zielvorstellung der Reformer kam es also weder bei den Vornamen noch bei den Familiennamen zu einem wirklichen „clean sweep“. Vielmehr ragte die Vergangenheit – von den Juden gewollt, für die Nichtjuden aber auch erkennbar – in die damit nicht ganz neue Gegenwart hinein. Obwohl von einer Massenflucht aus jüdischen Namen keine Rede sein kann, fällt doch auf, dass bestimmte Namen sowohl als Familien- als auch als Vornamen besonders häufig abgewählt wurden („Moses“, „Hirsch“, „Salomon“, „Levy“ in verschiedenen Schreibweisen und „Isaa(c)k“. Bei diesen Namen lässt sich eine gewisse Fluchttendenz und eine gewisse Markierung bereits erkennen.

Insgesamt war aber die Furcht der Konservativen vor einer onomastischen Ununterscheidbarkeit zwischen Christen und Juden – bzw. die Hoffnung der Reformer darauf – unbegründet. Nachdem der preußische König Friedrich Wilhelm III. am 30. Oktober 1816 auch noch die eigenmächtige Änderung des Namens unter Strafe stellte und jede Änderung am 15. April 1822 von seiner ausdrücklichen Genehmigung abhängig machte, waren alle Familiennamen von unantastbarer Festigkeit. Für konvertierte Juden gab es allerdings einen Ausweg: Eine Kabinettsordre vom 13. Mai 1822 ermächtigte den Innenminister „die von den Juden bey der Taufe anzunehmenden Familiennamen ohne Weiteres zu bestätigen“. Obwohl dadurch Schubkraft in Richtung religiöser Assimilation geschaffen worden war, war nur eine kleine Minderheit bereit, diesen Weg der Selbstaufgabe zu gehen. Wirkliche Mobilität blieb nur noch bei der Benennung Neugeborener, und systematische Reihenschritte von hebräischen zu deutschen Namen konnten als massive Usurpation betrachtet werden.