2 Der Kampf um christliche Vornamen (1816 – 1841)

Nach dem Sieg über Napoleon zeigte sich, wie wenig die Aufklärung in breiteren Schichten der Bevölkerung verankert war. Es kostete die alten Mächte wenig Mühe, die Weichen so zu stellen, dass die reaktionären Kräfte wieder die Oberhand gewinnen konnten. Was die Juden anbelangt, gelang es den Progressiven unter Führung Hardenbergs und Humboldts nicht, in der deutschen Bundesakte vom 8. Juni 1815 das Prinzip der Gleichberechtigung für alle Staaten des Bundes festzuschreiben. Stattdessen wurde den Staaten freie Hand gelassen, und insbesondere Preußen war nicht verpflichtet, das Emanzipationsedikt von 1812 auf die neu hinzukommenden Landesteile auszudehnen. Im Altreich scheiterte zwar eine vom Innenminister im Mai 1816 vorgeschlagene komplette Revokation des Emanzipationsediktes. Allerdings nutzten die Konservativen den Artikel 9, der eine Regelung für den Zugang von Juden zu Staatsämtern ankündigte, um die beginnende Assimilation zu erschüttern. Schritt für Schritt wurden Juden von allen erdenklichen staatlichen Funktionen ausschloss: Feldmesser (1820), akademische Lehr- und Schulämter (1822), Abgeordneter in den Provinzialständen (1823), Scharfrichter (1827), Patrimonialgerichtsherr (1831), die Stelle eines Bürgermeisters oder Oberbürgermeisters (1831), Schiedsmann (1835), Magistratsstellen (1841). Schließlich wurde jüdischen Rittergutsbesitzern auch das Tragen von Uniformen verboten – für preußisches Empfinden eine Deklassierung bis in den Grund. Diese ordnungspolitischen Maßnahmen der Reaktion wurden von massiven antijüdischen Ausschreitungen der Bevölkerung begleitet, die sich gegen die vermeintlichen Urheber der Strukturprobleme der nachnapoleonischen Zeit richtete.

Zu dieser Zeit spielte Namenspolemik noch kaum eine Rolle, da das onomastische Identitätssymbol in ein breit gefächertes Ensemble offensichtlicher Unterschiede eingebettet war. Vor- und Familiennamen waren im weithin gehassten Syndrom „Jude“ wenig auffällige Selbstverständlichkeiten. Trotzdem waren sich wichtige Exponenten des Staates angesichts der gerade erst beginnenden Assimilation in Sachen Erkennbarkeit nicht mehr so sicher. Dies erklärt, weshalb im Zuge des reaktionären Roll-back auch spezifische Namenvorschriften für nötig gehalten wurden.

Den Anlass für eine erste königliche Initiative gab 1816 ein Gesuch des Juden Markus Lilie aus Gardelegen, der vom König die Erlaubnis erbat, seinen Sohn Friedrich Wilhelm nennen zu dürfen. Diese „Zumutung“ brachte Friedrich Wilhelm III. am 29. August 1816 zu einer Verfügung, in der er untersagte, dass jüdischen Kindern „blos christliche Taufnamen“ gegeben würden. Diese wenig praktikable Bestimmung lässt sich nur mit einer tiefen Affektion des Königs gegen einen jüdischen Namensvetter erklären. Hardenberg hielt die Ausführung dieser Bestimmung allerdings nicht für schwierig, sondern schlicht für „unzulässig“, weil sie einen Angriff auf die Emanzipation überhaupt darstellte. Dem Adressaten, Innenminister von Schuckmann, riet er deshalb zur Zurückhaltung. Nachdem dessen Nachforschungen ergaben, dass aus der jüdischen Namensgebung keine polizeilichen oder verwaltungstechnischen Unsicherheiten entstehen konnte, hielt auch er Namenvorschriften für unnötig, so dass der Befehl des Königs unberücksichtigt blieb. Hardenberg mochte gehofft haben, dass die Einlassung Friedrich Wilhelms III. mit seinem eigenen Namen zu tun hätte und der König sich beruhigen würde.

Stattdessen kam Friedrich Wilhelm III. neun Jahre später am 9. Juli 1825 anlässlich eines anderen Änderungsgesuches auf den heiklen Punkt zurück. Er monierte gegenüber dem Innenminister, „daß seit einiger Zeit die Juden Namen annehmen, durch welche Sie als Juden nicht mehr zu erkennen sind. Dies soll nach Möglichkeit verhindert werden, da Ich nicht gestatten will, daß Juden sich den Schein geben, als ob sie Christen wären“. Es ging dem König also um die Sicherstellung der Erkennbarkeit, also genau um das gegenteil dessen, was Humboldt als Zielpunkt der Emanzipation angegeben hatte. Auch dieses Mal unterließ der Minister die erforderlichen Maßnahmen. Drei Jahre später, 1828, griff der König deshalb erneut ein und bemerkte, „daß die Juden immer noch willkürlich ihre Namen, besonders den Vornamen ändern und christliche Taufnamen annehmen, die einem Juden nicht beigelegt sein können [...] und ich beauftrage Sie daher durch die Polizeibehörde streng darauf halten zu lassen, dass diese Unordnung fernerhin nicht stattfindet“. Offensichtlich sollten die Juden, 1812 halbherzig aus dem rechtlichen Ghetto entlassen, in einem neuen Ghetto der Namen wieder festgesetzt werden. Auch diese Ordre wurde nicht ordnungsgemäß veröffentlicht.

1833 zeigte sich, dass der Herrscher und seine Kabinettsräte die markierende Kraft von Namen systematisch einzusetzen gesonnen waren: Im Großherzogtum Posen, das erst 1815 an Preußen gegangen war, galt das Emanzipationsedikt von 1812 nicht. Eine Kabinettsordre vom 22. Dezember 1833 bestimmte nun, dass alle Juden in Posen einen bestimmten Familiennamen anzunehmen hätten. Dabei sollten die Behörden darauf achten, „daß die Familiennamen von den bisherigen jüdischen Namen nicht abwichen, zugleich auch dahin zu sehen, daß dieses in Ansehung der Vornamen beobachtet werde, welche die jüdischen Eltern den Kindern beilegen“. Man ging davon aus, mit der Kategorie „bisherige jüdische Namen“ ein Namensghetto für die kaum assimilierten Juden des Ostens schaffen zu können und der Neigung, deutsche Namen beizulegen, im Keim zu begegnen. Allerdings hatten 1833 auch in den großen Städten des Ostens moderne Namen schon Fuß gefasst. Auf Grund dieser Fehleinschätzung wurde deshalb kein geschlossenes Ghetto geschaffen, aber dennoch die Dominanz bestimmter Namen gesichert. Letztere stellte dann eine bestimmte Erkennungskapazität bereit.

Nachdem die Anordnungen des Königs bezüglich der Vornamen im Altreich dreimal missachtet worden waren, drängte er am 19. Juni 1836 auf Befolgung. Zum einen sei die Umschreibung „mosaischer Glaubensgenosse“ unpassend, man solle diese Bürger schlicht als „Juden“ bezeichnen. Zum anderen solle den polizeilichen Behörden das Verbot christlicher Vornamen für Juden erneut eingeschärft werden. Der erste Teil der Ordre stand im direkten Widerspruch zu der Bestimmung im Emanzipationsedikt, die Juden seien künftig „gleich jedem anderen Staatsbürger“ mit ihrem Namen zu benennen, und sorgte nach ihrer Veröffentlichung am 6. Juli 1836 für engagierte Reklamationen der jüdischen Untertanen. Der Kaufmann Joel Wolff Meyer machte seine Majestät darauf aufmerksam, dass viele christliche Mitbürger die königlichen Worte als Geringschätzung und Verachtung gegen jüdische Religionsgenossen auffassen könnten. Daraufhin sah sich der König veranlasst, dem Beschwerdeführer die königliche Anerkennung ungeachtet jeder Religionszugehörigkeit zu versichern. Einen derart manifesten Ausdruck wollte er seinem antijüdischen Ressentiment offenbar nicht geben. Damit blieb alles beim Alten: Die öffentliche Bezeichnung „Jude“ war nur dort erlaubt, wo es ausdrücklich auf die Religionsverhältnisse ankam, ansonsten wurden Behörden gemaßregelt, die das Wort „Jude“ vor den Namen setzten.

Der zweite Teil der Ordre erledigte sich nicht so rasch, denn mit dem Schwinden der äußerlichen Spezifika im Zuge der Assimilation war – beim Ausbleiben vollkommener Akzeptanz – ein Bedarf für andere Distinktive entstanden. So drängte etwa die Berliner Kaufmannschaft schon 1823 auf ein Verfahren zur zuverlässigen „Ausmittelung“ von Juden, die mit dem unterschiedlichen Wechselrecht begründet wurde. Da die ursprüngliche, vor 1812 übliche Vorwegqualifikation durch einen Begriff nicht mehr genutzt werden konnte – dies hatte auch der Protest gegen die Kabinettsordre gezeigt – und die 1812 frei gewählten Familiennamen keine „Sicherheit“ boten, sollte nun also nach dem königlichen Willen die verdeckt funktionierende Vorwegqualifikation durch Vornamen eingeführt werden.

Allerdings führte das Verbot christlicher Vornamen schon bald zu Problemen. Angesichts des Begehrs des Berliner Kaufmanns Joseph Alexander Samuel, seinen Sohn „Julius“ zu nennen, wandte sich der zuständige Polizeipräsident an den Innenminister: Was genau unter christlichen Vornamen zu verstehen sei? Der im vorliegenden Fall gewünschte Name „Julius“ sei schließlich ein heidnischer, römischer Name, der schon vor Christi Geburt üblich gewesen sei. Der Innenminister wandte sich wiederum an den Minister für geistliche Angelegenheiten. Dieser präparierte den eigentlichen Sinn der königlichen Erlasse heraus, indem er den Namen „Julius“ wegen seiner „nur unter Christen obwaltenden Gebräuchlichkeit“ für unzulässig erklärte. Das war es, was der König wünschte: Die Vornamen der Juden sollten in offensichtlichen Zwangskontrast zu gebräuchlichen Vornamen gesetzt werden. Nach dem entsprechenden Bescheid wandte sich der Kaufmann Samuel an die Berliner jüdische Gemeinde, die den Unwillen des Vaters auf Argumente brachte und auf einen Juden namens „Julius“ aus dem Jahre 800 verweisen konnte.