Gustav Meyrink

Teil 2

An St. Quirins Tag.

Ich weiß mir die Lauheit S. L. des Guwerneurs von Wales nicht mehr zu erklären. Warum geschieht nichts zum Schutze, meinethalben zum Ersatz, der Ravenheads?!

Ist es zu Ende mit der evangelischen Bewegung? Verrät der Lord-Protektor seine Getreuen?! –

Ich habe vielleicht eine Dummheit begangen. Es ist nie gut, mit dem Pöbel gemeinsame Sache zu machen. Reißt mans nicht durch, so klebt Dreck an den Strümpfen.

Dennoch: – überleg ichs genau, so darf ich mich nicht tadeln. Zu sicher sind meine Nachrichten aus dem Lager der Reformierten. Es gibt doch auch für sie kein Zurück!

Den Lord-Protektor – – – (hier ist das Blatt abgerissen) – – – zur Eroberung Grönlands. Welche andere Truppe, als desparates Schiffsvolk und ausgediente Landsknechte brächte ich so rasch auf, wenn diese gewagte Expedition nach Nordland notwendig geworden sein wird?!

Und ich gehorche meinem Stern! – Es hat keinen Zweck, sich unnütze Gedanken zu machen.

Donnerstag vor dem heiligen Osterfest.

Diese verdammte Angst! Es wird von Tag zu Tag schlimmer damit. Wahrhaftig, wenn ein Mensch ganz und gar frei sein könnte von Angst, auch von der verborgenen in ihm wohnenden, – ich glaube, er würde allmählich zum Wundertäter. Ich glaube, die Mächte der Finsternis selbst müßten ihm gehorchen. – – – Noch immer keine Nachricht von den Ravenheads. Noch immer keine Nachricht vom "Magister des Zaren": Keine Nachrichten aus London!!

Die letzten Zuschüsse an die Kriegskasse des Bartlett Green – oh, daß ich diesen Namen nie in meinem Leben gehört hätte! – haben meine Mittel über Gebühr erschöpft. Ich komme ohne Unterstützung aus London nicht vorwärts! –

Heute lese ich von dem frechsten Raubzug, den der Bartlett je gegen ein papistisches Nest getan. – Der Teufel mag ihn hieb- und stichfest gemacht haben, aber darum sind es doch seine Leute noch nicht! Ein sehr unvernünftiges Unternehmen! –

Wenn Bartlett siegreich bleibt, wird die schwindsüchtige Maria nie regieren. Elizabeth! Dann im Fluge hinauf!

Charfreitag.

Ist das Schwein hinter dem Spiegel wieder erwacht? Glotzt mich wieder der Besoffene an? Wovon bist du besoffen, Dreckseele!

Von Burgunderwein? –

Nein, gestehe, Jammerlappen, du bist besoffen von Angst!

Herrgott, Herrgott! Meine Ahnungen! Es geht mit den Ravenheads zu Ende. Man hat sie umstellt.

Der Guwerneur – ich speie ihm ins Gesicht, ich spucke ihm zwischen die Zähne, – Seiner Lordschaft!!! –

Mensch, besinne dich! Ich werde noch einmal die Ravenheads mit eigener Faust anführen. – Die Ravenheads, meine Kinder, Hoë! Hoë!

Furchtlos, old Johnny, furchtlos! –

Furchtlos!!

Ostersonntag 1549.

Heute abend saß ich über dem Studium von Mercators Karten, da ging die Tür meiner Kammer gleichsam von selber auf und herein trat ein mir Unbekannter. Er war ohne Abzeichen, ohne Waffen, ohne Beglaubigung. Er schritt auf mich zu und sagte:

"John Dee, es ist Zeit, von hier zu weichen. Es steht nicht gut mit dir. Deine Wege sind mit Feinden besetzt. Dein Ziel ist dir verrückt. Es ist nur noch eine Straße offen; die geht übers Meer." –

Ohne Gruß ging der Mann hinaus, und ich saß gelähmt.

Endlich sprang ich auf, – Gänge entlang. Treppen hinab: nichts zu spüren von meinem lautlosen Gast. – Ich frug den Kastellan am Tor: "Wen hast du zu so später Stunde bei mir eingelassen, Bursche?"

Der Kastellan antwortete:

"Niemand, Herr, daß ich wüßte!"

Da ging ich wortlos ins Haus zurück und sitze nun hier und denke, denke – – –

Montag nach dem heiligen Feste der Auferstehung unseres Herrn.

Ich kann mich nicht entschließen, zu fliehen. – Übers Meer? Das hieße: fort von England, fort von meinen Plänen, Hoffnungen. – – – daß ich es doch lieber ausspreche: fort von Elizabeth!

Die Warnung war gut. Ich höre, die Ravenheads hatten ein unglückliches Treffen. – Hat die Entweihung des Grabes Dunstans also doch Unglück gebracht! – – – werden die Katholischen sagen. Wird sie mir Unheil bringen!?

Wenn auch! Nur Mut! Wer will mir nachsagen, ich conspirierte mit Banditen? – Ich, Baronet John Dee of Gladhill?!

Ich gestehe, eine Keckheit, – eine Eselei, meinetwegen – wars. – Nur sich nicht fürchten, Johnny! Ich sitze auf meiner Burg und betreibe humaniora, bin ein achtbarer Edelmann und Gelehrter!

Ich werde meinen Zweifel nicht los. – Wie vielgestaltig ist doch das Rüstzeug des Engels "Furcht"!

Wäre es nicht besser, auf einige Zeit das Land zu verlassen? –

Verflucht, ich bin zu entblößt durch diese letzten Subsidien! Dennoch! Wenn ich Guilford anginge? – Er leiht mir.

Abgemacht! Morgen früh werde ich – – –

Um Gottes und aller Heiligen willen, was ist das – – – da draußen? – – – wer will – – – was bedeutet das Waffenklirren vor der Tür? Ist das nicht die Stimme des Hauptmanns Perkins, die da kommandieret, des Hauptmanns Perkins von der Polizei des blutigen Bischofs?

Ich beiße die Zähne zusammen: ich zwinge mich zum Niederschreiben bis zur letzten Minute. Sie schlagen mit Hämmern an meine Eichentür. Nur Ruhe, so leicht ist sie nicht zu zertrümmern, und ich will, ich will, ich muß zu Ende schreiben.

Hier folgt eine Notiz aus meines Vetters, John Rogers, Hand, des Inhalts, daß unser Ahnherr Dee von dem Hauptmann Perkins verhaftet worden war, wie aus dem folgenden angefügten Originalbriefe hervorgeht:

Originalbrief aus John Dees Nachlaß und Anzeige des Hauptmanns Perkins der bischöflichen Polizei an S. L. den Bischof Bonner in London.

Datum unleserlich.

"Euer Lordschaft zu melden, daß wir den gesuchten John Dee Esq. in seinem Hause Deestone gefaßt haben. Wir überraschten ihn beim offenen Tintenfaß den nassen Gänsekiel über geographischen Karten. Fanden aber nichts Geschriebenes. Genaueste Durchsuchung des Hauses wurde angeordnet.

Überführung nach London ist noch in der Nacht erfolgt.

Ich brachte den Häftling auf No 37 unter, weil dies die festeste und sicherste Zelle ist im Tower. – Glaube so Arrestanten am zuverlässigsten abgeschnitten von seinen zahlreichen, einflußreichen und schwer zu übersehenden Verbindungen. Gebe aber als Kerker nötigenfalls 73 statt 37 bekannt, da die Macht einiger Freunde des Arrestanten allzuweit reicht. Auch ist auf die Kerkermeister nicht durchgehend Verlaß, maßen solche habgierig und vieles Geld der Ketzerischen umläuft.

Die Verbindung des John Dee mit der schändlichen Bande der Ravenheads ist wohl so gut wie erwiesen und wird peinliche Befragung durch die Folter das Übrige schon an den Tag fördern.

Euer Lordschaft gehorsamer

Guy Perkins, m. p. Hauptmann."

St. Patricks Loch

In die letzten Worte hinein, die ich soeben in John Dees Tagebuch gelesen habe, schrillt draußen die Flurglocke. Ich öffne. Ein halbwüchsiger Bote Lipotins übergibt mir einen Brief.

Ich liebe Störungen unter der Arbeit nicht und habe deshalb ein Nationalverbrechen begangen: ich vergaß im Unmut das Trinkgeld! Wie soll ich das wieder gutmachen? So selten mir Lipotins gelegentliche Mitteilungen durch Boten zukommen läßt: regelmäßig ist es wieder ein anderer, der sie mir bringt. Lipotin muß unter der streunenden Großstadtjugend zahllose dienstwillige Freunde haben.

Nun also das Billet. Lipotin schreibt mir:

"1. Mai. Am Tage des heiligen Socius.

Michael Arangelowitsch ist dankbar für den Arzt. Fühlt Erleichterung.

Apropos, ich vergaß: er bittet Sie, das silberne Kästchen mit tunlichster Genauigkeit in die Richtung des Ortsmeridians zu stellen. Und zwar derart, daß der über das Kästchen oben längs sich hinziehende ziselierte Ornamentstreifen, der das stilisierte chinesische Wellenmuster zeigt, mit dem Meridian parallel läuft.

Wozu das dienen soll, kann ich Ihnen wirklich nicht sagen, denn Michael Arangelowitsch bekam einen neuen Anfall von Bluthusten, als er mir diesen Auftrag an Sie gegeben hatte, und ich konnte ihn um Näheres nicht mehr befragen.

Offenbar hatte der alte Silberkasten das Bedürfnis, mit dem Meridian parallel zu stehen, und fühlt sich in dieser Lage am wohlsten, tun Sie ihm also möglichst den Gefallen! Das mag einigermaßen verrückt klingen, entschuldigen Sie, – wer aber, wie ich, sein Leben lang mit alten, greisenhaften Dingen Umgang gehabt hat, der kennt ein wenig ihre Gewohnheiten, und er bekommt ein Fingerspitzengefühl für die geheimen Anliegen und Hypochondrien solche altjüngferlicher Gegenstände. – Unsereiner nimmt darauf keine Rücksicht.

Sie meinen: so zartfühlend habe man sich weder im gegenwärtigen noch in unserm ehemaligen Rußland veranlagt gezeigt? – Ja, Menschen, die bekanntlich ohne jeden seelischen Wert sind, die mißhandelt man selbstverständlich. Aber alte schöne Dinge sind empfindsam.

Es ist Ihnen übrigens bekannt, daß das erwähnte chinesische Wellenband auf dem Tulakasten das alte, taoistische Symbol der Unendlichkeit, in gewissen Fällen sogar das der Ewigkeit bedeutet? – Das ist nur so ein Einfall von mir.

In Ergebenheit

Lipotin."

Ich warf Lipotins Brief in den Papierkorb. – –

Hm, das "Geschenk" des sterbenden Barons Stroganoff fängt an, mir fürchterlich zu werden. Ich bin gezwungen, meinen Kompaß hervorzukramen und umständlich den Meridianverlauf festzustellen: – natürlich steht mein Schreibtisch verquer. Dieses brave Möbel, so ehrwürdig es ist, hat sich noch niemals zu dem Anspruch aufgeschwungen, im Meridian stehen zu müssen, weil das zu seinem Wohlbefinden erforderlich sei!

Wie anmaßlich ist im geheimen doch alles, was aus dem guten Osten kommt! – – – – Ich habe das Tulakästchen also in den Meridian gerückt. – Und da gibt es noch Narren – ich zum Beispiel –, die behaupten, der Mensch sei Herr über seinen Willen! – Was aber ist die Folge meiner Gutmütigkeit? Alles auf dem Schreibtisch, dieser selbst, das ganze Zimmer mitsamt seiner ihm innewohnenden Ordnung, alles, alles kommt mir jetzt schief vor; der wertgeschätzte Meridian und nicht mehr ich scheint tonangebend geworden zu sein! – Oder der Tulakasten. Alles steht, liegt, hängt schief, schief, schief zu dem verdammten Produkt aus Asien! Ich schaue vom Schreibtisch aus zum Fenster hinaus, und was sehe ich? Die ganze Gegend draußen steht – "schief".

Das wird auf die Dauer so nicht weitergehen; Unordnung macht mich nervös. Entweder das Kästchen muß vom Schreibtisch verschwinden, oder – – um Gottes willen! – ich kann doch nicht meine ganze Wohnung umstellen im Verhältnis zu diesem Ding und seinem Meridian!!

Ich sitze, starre den silbernen Tulakobold an und seufze: Es ist – bei St. Patricks Loch! – nicht anders: das Kästchen ist "geordnet", es hat "Richtung"; und mein Schreibtisch, mein Zimmer, meine ganze Existenz liegt planlos drum herum, – hat keine sinnvolle Orientierung, und ich habe das bis heute nicht gewußt! – – Aber das ist ja Gedankenquälerei!

Um der wachsenden Zwangsvorstellung zu entfliehen, ich müsse noch in dieser Stunde vom Schreibtisch aus, wie ein Stratege, meine ganze Wohnung umzugruppieren und sie in eine neue Richtung bringen, greife ich hastig nach Rogers Papieren.

Und da fällt mir ein Notizzettel in die Hand, der seine steilen Schriftzüge trägt, und ich lese das Exzerpt; es ist überschrieben:

"St. Patricks Loch."

Was wuchert da in meiner Seele, daß ich vor wenigen Augenblicken noch eben mir diese heute gänzlich unbekannte Schwurformel zwischen den Lippen gehabt habe?! Sie legte sich mir auf die Zunge, und dabei hatte ich keine Ahnung, woher mir das kam! – – Halt! – In diesem Moment blitzt es wieder auf: das ist – das hat – ich blättere hastig in dem vor mir liegenden Manuskript zurück – da steht doch im Tagebuch John Dees: "John, ich beschwöre dich bei 'St. Patricks Loch', geh in dich! – Du mußt dich bessern, mußt wiedergeboren werden im Geist, wenn dir noch weiter an meiner Kameradschaft gelegen ist", ruft dort der Junker seinem Spiegelbild zu, – "bei St. Patricks Loch, geh in dich!"

Sonderbar. Mehr als sonderbar. Bin ich denn John Dees Spiegelbild? Oder gar mein eigenes, und starre ich mir entgegen aus der Verwahrlosung, Unsauberkeit und Nebeln des Rausches? – Ist denn schon Besoffenheit, wenn – wenn man seine Wohnung nicht – im – Meridian – – stehen hat?! – – Was sind das für Träume und Phantastereien am hellen Tage! Der Moderduft aus John Rogers Dokumentenbündel macht mir den Kopf benommen!

Also was ist es mit St. Patricks Loch? Ich greife in das Dokumentenbündel und halte – es überläuft mich kalt – als Erklärung in der Hand ein Notizblatt John Rogers, meines Vetters. Es besagt nach einer alten Legende:

"Der heilige Bischof Patrick bestieg, ehe er von Schottland nach Irland kehrte, daselbst einen Berg, um zu fasten und zu beten. Da sah er weit hinaus und bemerkte, daß das Land voll Schlangen und giftigem Gewürm war. Und er hob seinen Krummstab und bedrohte damit das Gezückt also, daß es geifernd und zischend entwich. Danach kamen Leute zu ihm herauf, seiner zu spotten. Da sprach er vor tauben Ohren und bat Gott um ein Zeichen, davon die Menschen erschreckt würden, und stieß mit seinem Stab auf den Felsen, der glich einem kreisrunden Loch und ließ Rauch und Feuer ausgehen. Und der Abgrund öffnete sich bis in das Herz der Erde und das Geschrei von Flüchen, die sind das Hosiannah der Verdammten, drang aus dem Loch hervor. Da entsetzten sich die, so das mitansahen, und erkannten, daß ihnen St. Patrick die Hölle aufgetan hatte.

Und St. Patrick sprach: wer darein gehe, dem sei keine andere Buße mehr not, und so etwas an ihm von gediegenem Golde wäre, das schmelze der Glutofen aus einem vom Morgen zum andern. Und gingen nochmals Viele hinein, kam aber selten Einer wieder. Denn das Feuer des Schicksals läutert oder verbrennt einen Jeden nach seiner Beschaffenheit.

Und das ist St. Patricks Loch, daran mag ein Jeglicher vernehmen, was an ihm ist, und ob er die Taufe des Teufels bestehen möge im ewigen Leben. – – – Unter dem Volk aber geht bis heutigen Tags das Geraune, das Loch sei immer noch offen, doch sehen könne es nur einer, der dazu gerichtet und geordnet ist und geboren am ersten Mai als Sohn einer Hexe oder Hure. Und wenn die schwarze Scheibe des Neumonds senkrecht über dem Loche stünde, dann stiegen zu ihr die Flüche der Verdammten aus dem Herzen der Erde empor wie ein inbrünstiges Gebet der Teuflischen aus der Verkehrtheit und fielen herab auf das Land wie ein Tropfen, und sobald sie die Scholle berührten, würden schwarze gespenstische Katzen daraus."


Meridian – sage ich mir vor – Wellenband! – Chinesisches Ewigkeitssymbol! – Unordnung in meinem Zimmer! – St. Patricks Loch! – Warnung meines Urahns, John Dee, an seinen Spiegelkameraden, falls er auf seine Freundschaft künftig noch Wert lege! – Und "es gingen Viele in St. Patricks Loch, kam aber selten Einer wieder"! – Schwarze gespenstische Katzen! –: das alles geht drüber und drunter in meinen aufgescheuchten Gedanken und erzeugt einen sinnlosen Wirbel von Vorstellungen und Gefühlen in meinem Kopf. Dennoch: es blinzelt daraus ein spitzer, schmerzender Sinn hervor, wie Sonnenstrahl hinter jagendem Gewölk. Versuche ich aber, diesen Sinn zur Formel zu verdichten, so fühle ich Lähmung und muß es aufgeben. – – –

Also ja, ja, ja, in Gottes Namen, morgen werde ich mein Zimmer "in den Meridian rücken", wenn es schon so sein soll, damit ich endlich Ruhe bekomme.

Eine nette Räumerei wird das geben! – Verdammter Tulakasten!

Wieder krame ich in dem Nachlaß: Vor mir liegt ein dünnes Buch, in giftgrünes Safianleder gebunden. Der Einband ist frühestens aus dem späten siebzehnten Jahrhundert. Die Schrift, die er einschließt, muß Handschrift des John Dee selbst sein; die Charaktere und der Duktus stimmen überein mit dem Tagebuch. Das Bändchen ist von Brandspuren verunstaltet, zum Teil ist die Handschrift dadurch völlig zerstört.

Auf dem leeren Blatt des Vorsatzpapiers finde ich eine winzige geschriebene Bemerkung. Aber von fremder Hand!! Sie lautet übersetzt:

"Zu verbrennen, wenn die schwarze Isaïs aus dem abnehmenden Mond hervorspäht. Beim Heil deiner Seele! – dann verbrenne!"

Es muß diese Warnung einmal einen späteren unbekannten (!) Besitzer des Buches sehr nahe angegangen sein, fühle ich. – Es muß ihn vielleicht die "schwarze Isaïs" aus dem abnehmenden Mond hervor angeschaut haben, darum wohl warf er das Büchlein ins Feuer, um es loszuwerden. Das würde die Brandspuren erklären. – – Wer, wer wohl mag es daraus wieder hervorgezogen haben, ehe es gänzlich verkohlte? Wer war der, dem es zuvor in den Fingern brannte?

Kein Zeichen, keine Nachschrift meldet davon.

Die Warnung selbst stammt sicherlich nicht von John Dees Hand. Ein Erbe also muß die Warnung als das Ergebnis eigener, böser Erfahrung niedergeschrieben haben.

Was von dem grünen Saffianband leserlich erhalten ist, das folgt hier als Rogers Notiz:

Diarium John Dees, datiert von 1553, – als 3 bis 4 Jahre später als das "Tagebuch".

Der silberne Schuh des Bartlett Green

Dieses ist aufgezeichnet nach ungezählten Tagen des Leidens von mir, dem Magister John Dee, – der ich vordem ein eitler Geck und recht vorwitziger Pfuscher war, – zu meinem eigenen Spiegel und Gedächtnis; und es soll bestimmt sein zu einer ersprießlichen Warnung für alle, die nach mir kommen werden aus meinem Blute. Sie sollen die verheißene Krone tragen; das weiß ich heute mit viel größerer Gewißheit als damals. Aber die Krone wird sie in den Staub drücken, wie ich in den Staub gedrückt worden bin, – wenn sie, in Leichtsinn und Übermut versunken, dem Feind nicht sehen, der stündlich umherschleicht und sucht, wie er uns verschlinge.

Je höher die Kron, je tiefer der Hölle Hohn.

Folgendes ist mit Gottes Zulassung am Tag nach dem heiligen Osterfest, das war in den letzten Tagen Aprils 1549, mit mir geschehen:

Am Abend jenes Tages, als meine Sorge und Ungewißheit über mein Schicksal aufs höchste gestiegen war, drangen Hauptmann Perkins und Bewaffnete des Blutigen Bischofs – wie man mit Recht jenes Scheusal in Menschengestalt genannt hat, welches als Bischof Bonner in London wütete – bei mir ein und verhängten Haft über mich im Namen des Königs: im Namen Edwards, des schwindsüchtigen Kindes! Mein bitteres Lachen erboste die Häscher nur noch mehr, und mit Not entging ich der Mißhandlung.

Es war mir gelungen, die Blätter, die ich soeben noch mit meinen Bedenken gefüllt hatte, vor dem polternden Eintritt der Knechte beiseite zu räumen und an dem sicheren Ort in der Mauer zu verbergen, wo zum Glück um diese Stunde alles an Verdächtigem schon geborgen lag, das mir etwa zum Verräter hätte werden können. Zum Glück hatte ich schon lang vorher die Elfenbeinkugeln des Mascee zum Fenster hinausgeworfen, was mir hernach ein nicht geringer Trost war, denn ich hörte noch in der Nacht aus einer plumpen Frage des bischöflichen Hauptmannes Perkins, daß nach solchen Kugeln zu fahnden sein besonderes Anliegen sei. Es muß also mit Mascees "curiösen Wunderdingen aus Asia" eine besondere Bewandnis haben; und ist die Lehre daraus zu nehmen, dem Magister des Zarens auch nicht in alle Wege zu trauen.

Es war eine schwüle Nacht und ein scharfer Ritt bei sehr rauher Eskorte, der uns am frühen Morgen bis Warwick brachte. Doch ist es unnötig, die Tagesreisen in vergitterten Stuben und Türmen zu beschreiben, bis wir endlich bei sinkender Nacht vor dem ersten Mai in London anlangten und ich von Hauptmann Perkins in eine halbunterirdische Zelle eingebracht wurde. Ich konnte ja aus allen diesen und anderen Maßnahmen, die gegen mich getroffen waren, erkennen, daß man sehr um geheimen Transport bemüht und in beständiger Besorgnis war, es möchte ein gewaltsamer Versuch meiner Befreiung – ich konnte mir damals kaum denken, von welcher Seite her – unternommen werden.

Der Hauptmann in eigener Person also stieß mich in das Verließ; und als die rasselnden Riegel von draußen wieder vorgelegt waren, fand ich mich zunächst, bei ziemlicher Betäubung der Sinne, in stiller Stille und Dunkelheit und mein tappender Schritt glitschte aus in feuchtem Moder.

Nie hätte ich mir vorstellen können, daß wenige Minuten schon in einem Kerker ein Gefühl so gänzlicher Verlassenheit in einem Menschenherzen hervorrufen. Was ich nie im Leben gehört: das Brausen des Blutes im Ohr, – es umfing mich jetzt wie das Rauschen der Brandung eines Meeres der Einsamkeit.

Auf einmal schreckte mich das Hallen einer festen und spöttischen Stimme auf, die aus der unsichtbaren Wand mir gegenüber zu kommen schien wie ein Gruß aus der schrecklichen Finsternis:

"Gesegneten Eingang, Magister Dee! Willkommen im dunklen Reiche der unteren Götter! – Schön bist du, Junker Gladhill, über die Schwelle gestolpert!"

Und dieser breit höhnenden Anrede folgte ein peitschendes Gelächter und zugleich murrte von draußen ein fernes Donnern herein, das sofort mit heftigem betäubendem Gewitterschlag krachend und dröhnend das unheimliche Lachen verschlang.

Gleich darauf zerriß ein Blitz jäh die Finsternis des Kerkers, aber was ich im Schwefelschein des Wetterfeuers nur einen Augenblick lang sah, durchzuckte mich wie ein eiskalte Nadel vom Scheitel des Kopfes bis tief hinab in die Wirbelsäule –: ich war nicht allein im Gefängnis; an der Quaderwand, gegenüber der Eisentür, durch die ich hereingestoßen worden, hing, angeheftet mit schweren Kettenringen, Arme und Beine weit gespreizt, in der Stellung des breiten Kreuzes des Heiligen Patrick ein Mensch! – –

Hing er wirklich dort? – Einen Pulsschlag lang – beim Schein des Blitzes – hatte ich ihn gesehen. Und schon hatte ihn die Finsternis wieder verschlungen. War es nicht nur Einbildung gewesen? Zwischen Lid und Augapfel eingebrannt sah ich das furchtbare Bild vor mir, als sei es niemals außer meiner wirklich gewesen – als sei es vielmehr ein inneres Bild in meinem Hirn, hervorgetreten im Reich meiner Seele und niemals körperliche Wirklichkeit gewesen. – Ein lebender Mensch, auf die gräßliche Folter des Kreuzes gespannt, wie könnte der jemals ruhig und spöttisch reden und höhnisch lachen?

Wieder Aufzucken von Blitzen; sie folgten so rasch aufeinander, daß zitternde Wellen fahlen Lichtes das Gewölbe erhellten. – Wahrhaftig, bei Gott, da hing ein Mann, es war kein Zweifel mehr: ein Hühne an Gestalt, das Gesicht fast verdeckt von rötlichen Haarsträhnen, – ein breiter, fast lippenloser Mund über roten wirren Bart halboffen, als wolle er gleich wieder loslachen. Kein Ausdruck der Pein in den Mienen trotz der Marterstellung der in den Eisenringen eingezwängten Hände und Füße. Ich brachte nur stammelnd die Worte hervor: "Wer bist du, Mensch, dort, an der Mauer?" – ein berstender Donnerschlag schnitt mir die Rede ab. "Hättest mich schon im Dunkeln erkennen sollen, Junker!" kam es heiter spottend zurück. – "Man sagt, wer Geld ausgeliehen hat, der erkennt seinen Schuldner schon am Geruch!" Kalter Schreck durchfuhr mich. "Soll das heißen, du seist – – –?"

"Jawohl, der Bartlett Green bin ich, Rabe der Rabenhäupter, der Beschützer der Ungläubigen in Brederock, der Sieger über St. Dunstans Großmaul und gegenwärtig Gastwirt hier zum kalten Eisen und zum heißen Holz für so späte verirrte Wanderer, wie du einer bist, großmächtiger Gönner der Reformation an Haupt und Gliedern!"

Ein wildes Gelächter, darunter die ganze Gestalt des Gekreuzigten erbebte, ohne jedoch, wie es wunderbarerweise schien, den geringsten Schmerz zu empfinden durch die Erschütterung, beendigte die grausige Rede.

"Dann bin ich verloren," lallte ich vor mich hin und brach auf dem schmalen schimmligen Holzschemel zusammen, den ich erblickte.

Mit aller Macht setzte nun das Gewitter ein. Selbst wenn ich gewollt hätte, in diesem Toben des Himmels wäre jede Rede und Gegenrede untergegangen, aber mir war nicht mehr nach Reden zumute. Ich sah meinen unvermeidbaren Tod vor Augen, denn offenbar war bekannt, daß ich der Drahtzieher der Ravenheads war. Nur zu genau wußte ich vom Hörensagen die Anstalten des blutigen Bischofs, die er "zur Vorbreitung und bußfertigen Bereitschaft seiner Opfer, das Paradies von ferne zu sehen", für nötig hielt.

Eine wahnsinnige Angst krallte mir die Kehle zu. Es war nicht Angst vor einem raschen ritterlichen Tod, – es war die unsägliche sinnzerstörende Furcht vor dem gräßlichen Herantasten des Henkers, – vor der ungewiß und unsichtbar sich mit Blutdunst heranwindenden Folter! Die Angst vor dem Schmerz, der dem Tode vorangeht, ist's, die die Wesen ins Fangnetz des irdischen Lebens zwingt: gäbs diesen Schmerz nicht, es gäbe auch keine Furcht mehr auf Erden.

Das Gewitter tobte, ich hörte es nicht. Bisweilen schlug ein Ruf, ein polterndes Lachen, von der Mauer herab, die so nahe mir gegenüber schwarz aufragte, an mein Ohr; auch darauf achtete ich nicht. Angst und wahnsinnige Entwürfe zu meiner nicht mehr zu denkenden Rettung füllten mich ganz aus.

Gebetet habe ich nicht eine Sekunde.

Als das Gewitter, ich weiß nicht mehr, ob in Stunden erst, nachließ, da wurden meine Gedanken ruhiger, besonnener, listiger. Als nächste Gewißheit stand vor mir die Tatsache, daß ich in des Bartletts Gewalt war, falls er nicht schon gestanden und mich verraten hatte. Von seinem Reden oder Schweigen allein hing das Nächste meines Schicksals ab.

Ich war soeben zu dem Entschluß vorgedrungen, mit Ruhe und Vorsicht die Möglichkeit zu ertasten, den Bartlett meiner Zustimmung des Schweigens geneigt zu machen, zumal er ja nichts zu gewinnen und nichts mehr zu verlieren hatte, – da schreckte ich auf von einem so unerhörten und entsetzlichen Vorgang, daß mir Pläne, Hoffnungen und Klugheiten in einem einzigen Aufruhr des Schreckens übereinanderfielen.

Der riesige Körper des Bartlett Green hatte sich aus eigenem Antrieb zwischen den Eisenfesseln seiner Gelenke langsam in schwingende Bewegung versetzt, wie einer, der tanzen will. Diese Schwingungen wurden immer stärker und geschmeidiger, so daß es in der ersten und aufregenden Dämmerung des Maimorgens nicht anders war, als mache sich der gekreuzigte Straßenräuber das behagliche Vergnügen des Schaukelns in einer weit ausschwingenden Hängematte zwischen Frühlingsbirken; nur daß dabei seine Sehnen und Knochen knirschten und knackten wie unter hundert grausigen Folterstricken.

Und da begann der Bartlett Green mit anfänglich beinahe wohlklingender Stimme zu – singen, wobei ihm der Gesang freilich bald in das Gellen eines schottischen Pibrochs und in ein, vor derber Lust überkippenden Gröhlens umschlug:

"Hoë ho! Was gehen die Lüfte so lau nach der Mauer im Mai! Hoë ho! Miau, meine Kätzin! Mein Kater, miau! Stimmt an euren Lai! Hoë ho! Auf dem Anger das Veilchen blüht Nach der Mauer im Mai! Hoë ho! Da habt ihr im Vorjahr den Ranzen verbrüht unter Katzengeschrei! Hoë ho! Hoë ho! Der Starmatz flötet vom Ast nach der Mauser im Mai! Hoë ho! Wir singen und schwingen vom obersten Mast Ho, Mutter Isaï! Hoë ho!"

Es ist nicht zu beschreiben, mit welch schüttelndem Entsetzen ich dem wilden Gesang des Obersten der Ravenheads zuhörte, denn ich meinte nicht anders, als er sei plötzlich in seiner Folter wahnsinnig geworden. Noch heute gerinnt mir, wo ich dies niederschreibe, beim Gedanken daran das Blut. – – –

Dann rasselten mit einemmal die Riegel an der eisengefütterten Kerkertür und ein Aufseher kam herein mit zwei Gehülfen. Die schraubten den Gekreuzigten von der Mauer los und ließen ihn wie eine vermähte Krott zur Erde plumpsen. "Die sechs Stunden sind wieder einmal um, Meister Bartlett", höhnte der Kerkermeister roh. "Schätze, den längsten Genuß von der Mauerschaukel werdet Ihr bald gehabt haben. Vielleicht noch einmal dürft Ihr schwingen, wenn Ihr mit des Teufels Hülfe dabei schon einen Genuß empfindet, dann aber werdet Ihr, wie Elias, im feurigen Wagen Eure Himmelfahrt antreten. Schätze, sie wird in einem großen Bogen zu St. Patricks Loch hinabgehen auf Nimmerwiederkehr!"

Bartlett Green kroch mit befriedigtem Grunzen auf seinen ausgedrehten Gliedmaßen zu einer Schütte von Stroh und entgegnete kräftig:

"Wahrlich, ich sage dir, David, du liebliches Himmelsaas von einem Kerkermeister, das du bist: Heute noch würdest du mit mir im Paradies sein, wenn es mir gefiele, jetzt schon dahin abzureisen! Aber, mach dir keine Hoffnung, es wird dir dort anders vorkommen, als du dir in deiner armen Papistenseele denkst! Oder soll ich dir in der Eile noch die Nottaufe verabreichen, mein Söhnchen?!"

Ich sah, wie die rohen Knechte sich vor Furcht bekreuzigten. Der Kerkermeister wich mit abergläubischer Scheu zurück, machte mit der Hand das Abwehrzeichen der Irländer gegen den bösen Blick und schrie:

"Tu dein verfluchtes Birkenauge von mir ab, du Erstgeburt der Hölle! St. David von Wales, mein guter Schutzpatron, den sie mir aufgebrummt haben, als ich noch in die Windeln machte, kennt mich. Er wird deinen bösen Segen kalt in den Erdboden ableiten!"

Damit stolperte er, mitsamt seinen Knechten und gefolgt vom dröhnenden Gelächter des Bartlett Green, aus der Zelle. Frisches Wasser und einen Laib Brot ließ er zurück.

Eine Zeitlang blieb es still.

In dem zunehmenden Tagesgrauen sah ich das Gesicht meines Mitgefangenen deutlicher. Sein rechtes Auge schimmerte weißlich mit milchig-opalenem Schein im Morgenlicht. Es war, als habe es einen selbständigen, starren Blick von abgrundiger Bosheit. Es war der Blick eines Toten, der im Sterben Grauenhaftes gesehen hat. Das weiße Auge war blind.

Hier beginnt eine Reihe brandgeschädigter Blätter. Der Text ist zunehmend gestört. Dennoch ist der Zusammenhang klar.

"Wasser? Malvasier ist es!" gröhlte Bartlett, hob auf geknickten Gelenken den schweren Wasserkrug und soff, daß ich für meinen geringen Anteil bange ward, denn mich dürstete sehr, – "es ist meinen umnebelten Sinnen nicht anders, als ein Zechgelage – – – huk –; ich habe auch niemals Schmerz – huk; – und Furcht?! Schmerz und Furcht sind Zwillinge! – Will dir da gleich etwas anvertrauen, Magister Dee, das hat dir auf allen hohen Schulen noch keiner zu wissen gemacht – – – huk – – – ich werde nur umso freier sein, wenn mein Körper abgestreift ist – – – huk – – – und ich bin gegen das, was sie Tod nennen, gefeit, ehe nicht mein dreiunddreißigstes Jahr vollendet ist. Am ersten Mai, wenn die Hexen Katzenweihe haben, ist meine Zeit um. – O daß mich meine Mama noch einen Monat länger bei sich behalten hätte, ich hätte darum auch nicht ärger gestunken und hätte jetzt noch eine Frist, dem blutigen Bischof, dem Stümper, seine Anfängergelüste heimzuzahlen! Du wirst ja an dem Bischof

– – – (Brandfleck im Dokument)

– – –

– – – worauf Bartlett Green mich unterm Halse antippte, – mein Wams war von den Soldaten aufgerissen worden und meine Brust stand nackt offen – – – er berührte mein Schlüsselbein und sagte: "das ist das mystische Knöchlein, das ich meine. Man nennt es den Rabenfortsatz. Darin ist das geheime Salz des Lebens. Es verwest nicht in der Erden. Darum die Jüden etwas gefaselt haben von der Auferstehung am jüngsten Gericht – – – es aber anders zu verstehen ist; – – – wir von denen, die das Geheimnis des Neumondes kennen – – – huk – – – sind ja längst auferstanden. Und woran ich das gesehen habe, Magister? Du scheinst mir noch nicht weit fortgeschritten in der Kunst, trotz deinem vielen Latein und Allermannswissen! Will's dir sagen, Magister: weil das Knöchlein leuchtet in einem Licht, das die andern nicht sehen können – – –" (Brandfleck)

– – – Wie leicht zu begreifen, kroch bei dieser Rede des Straßenräubers ein kaltes Grauen in mir auf, so daß ich kaum die tonlose Stimme zu beherrschen vermochte, mit der ich frug: "So trage ich also ein Zeichen, das mir in meinem ganzen Leben nicht selbst offenbar geworden?" – Worauf der Bartlett mit großem Ernst entgegnete: "Ja, Herr, du bist gezeichnet. Und gezeichnet bist du mit dem Zeichen der Hohen Lebendigen, Unsichtbaren, in deren Kette keiner eintritt, weil sie noch keiner verlassen hat, der ihr geboren war; ein Anderer aber kann den Eingang nicht finden vor dem Ende der Tage des Blutes, – – – sei also nur getrost, Bruder Dee, ob du auch vielleicht vom andern Stein bist und im Gegenkreis wirkst, ich werde dich niemals verraten an das Geschmeiß, das unter uns steht. Dem Pack, das nur das Außen sieht und lauwarm bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit, sind wir Beide seit Anbeginn überhoben!"

– – – (Brandfleck im Manuskript)

– – – auch gestehe ich, daß mir bei diesen Worten des Bartlett ein inneres Aufatmen nicht erspart blieb, wennschon ich insgeheim anfing, mich wegen meiner Angst zu schämen vor diesem ungeschlachten Gesellen, der so leichten Mutes noch mehr auf sich nahm und vielleicht furchtbarster Marter gewärtig sein mußte um seines versprochenen Schweigens und meiner Rettung willen.

"– – – bin eines Pfaffen Sohn," fuhr Bartlett Green fort. "Meine Mama war vom Stande – Fräulein Lendenzart, so nannte man sie, – was aber nur ein Übername ist, wie sich denken läßt. Von wannen sie kam und wohin sie gegangen, ist mir dermalen noch verborgen. Sie muß aber ein achtbares Stück Weib gewesen sein und war ihr Rufname Maria, ehebevor sie durch meines Vaters Verdienst vor die Hunde ging."

– – – (Brandfleck im Manuskript)

Worauf der Bartlett, auf seine seltsam fühllose Weise lachte und nach einer Pause fortfuhr: "mein Vater war der zelotischste, erbarmungsloseste und dabei feigste Pfaffe, der mir in meinem Leben vorgekommen. Er hätte mich, sagte er, aus Barmherzigkeit angenommen, damit ich für die Sünden meines mir unbekannten Vaters Buße täte, denn er ahnte nicht, daß ich insgeheim wußte, daß er es ja selbsten war. Und er hat mich zu seinem Ministranten und Weihwedelbuben aufgezogen. – – –

– – – Hernach befahl er mir, Buße zu tun und zwang mich, im Hemd bei grimmiger Kälte Nacht für Nacht in der Kirche stundenlang auf den steinernen Altarstufen zu beten ohne Unterlaß, auf daß meinem "Vater" die Sünden vergeben würden. Und brach ich zusammen vor Schwäche und betäubender Schlafsucht, dann griff er zur Geißel und schlug mich bis aufs Blut. – – – Ein schrecklicher Haß stieg damals in meinem Herzen auf gegen Den, der da gekreuzigt vor mir hing überm Altar; und alsbald, ohne daß es mir klar ward, wie das sein und von selbst geschehen konnte: auch gegen die Litanei, die ich beten mußte, so daß sie sich in meinem Hirn umdrehte und von rückwärts nach vorwärts aus meinem Munde kam, – ich also die Gebete verkehrt sprach, was mir zugleich eine heiße ungekannte Befriedigung in die Seele goß. – Lange merkte mein Vater es nicht, denn ich murmelte leise vor mich hin, dann aber kams ihm eines Nachts klar zum Erkennen, und da schrie er laut auf vor Wut und Entsetzen, verfluchte den Namen meiner Mama, bekreuzigte sich und lief um eine Axt, mich zu erschlagen. – – – Ich kam ihm aber zuvor und spaltete ihm den Schädel bis zum Kiefer, wobei ihm ein Auge herausfiel auf die Steinfliesen und mich anstarrte von unten auf. Und da wußte ich, daß meine verkehrten Gebete hinabgedrungen waren zum Mittelpunkt der Mutter Erde, statt aufzusteigen, wie die Jüden sagen, daß es die Winselgebete derer Frommen tun. – – –

Hab dir vergessen zu sagen, lieber Bruder John Dee, daß vorher in einer Nacht mein eigen rechtes Auge erblindet war von einem schrecklichen Licht, das ich urplötzlich vor mir gesehen, – mag auch wohl sein, daß es von einem Geißelhieb meines Vaters getroffen worden – ich weiß es nicht. – So war da, als ich ihm den Kopf zerschmettert hatte, das Gesetz zur Wahrheit geworden: Auge um Auge, Zahn um Zahn. – Ja, Freund, hab mir mein Birkauge, das dem Pack solchen Schrecken einjagt, gar wohl verdient mit Gebet!" – – – (Brandfleck)

"– – – damals eben vierzehn Jahre gewesen bin, als ich meinem Herrn Vater mit einem gedoppelten Haupt in seinem Blute vor dem Altar liegen ließ und über manche Straße nach Schottland entfloh, woselbst ich zu einem Metzger in die Lehre ging, denn ich dachte, es könnte mir nicht schwer fallen, denen Rindern und Kälbern eins vors Hirn zu hauen mit einem Beil, wo ich doch den Pfaffen, meinen Vater, so fehlerlos in die Tonsur getroffen –, aber es sollte nicht sein, denn so oft ich die Axt erhob, stand das nächste Bild in der Kirche vor meinem Auge und berührte es mich, als sollte ich diese schöne Erinnerung nicht durch Mord an einem Tiere entweihen. Ich zog darum fort und trieb mich lange in den schottischen Gebirgsdörfern und Meilern herum, wo ich auf einem gestohlenen Dudelsack den Bewohnern allerley gellende Pibrochs vorpfiff, dabei es ihnen kalt über die Haut lief, sie ahnten nicht warum. Ich aber wußte gar wohl, warum, denn die Melodeien gingen nach dem Text der Litanei, die ich einst vor dem Altar habe beten müssen und die jetzt bei solchen Gelegenheiten noch immer verkehrt, von rückwärts nach vorwärts, heimlich in meinem Herzen wiederklang. – – – Aber auch, wenn ich nächtens allein über die Moorhaide zog, blies ich auf der Bockspfeife; – insonderheit, so oft der Vollmond schien, überkam mich die Lust dazu und war mir dabei, als liefen die Töne mir durch den Rücken hinab wie Gebete der Verkehrtheit bis hinunter in die wandernden Füße und von da in den Schoß der Erde. – Und einmal um Mitternacht – es war gerade der erste Mai und das Druidenfest, und der volle Mond war im Abnehmen begriffen – da hielt mich aus dem schwarzen Boden heraus eine unsichtbare Hand am Fuße fest, daß ich keinen Schritt mehr weiter konnte; und ich stand wie angefesselt; und ich auch sofort aufhörte zu pfeifen. Kam da ein eiskaltes Blasen, wie mich bedünkte, aus einem runden Loch in der Erden dicht vor mir und hauchte mich an, daß ich erstarrte vom Scheitel bis zur Zehe, und da ich es auch fühlte im Genick, so drehte ich mich um und sah hinter mir stehen Einen, der war wie ein Hirte, denn er hatte einen langen Stab in der Hand, oben gegabelt wie ein großes Ypsilon. Hinter ihm eine Heerde schwarzer Schafe. Ich hatte aber vorher weder die Heerde gesehen, noch auch ihn, und so dachte ich, ich müßte wohl mit geschlossenen Augen an ihm und halb im Schlaf vorbeigewandert sein, denn er war keineswegs eine Erscheinung, wie man wohl meinen möchte, sondern leibhaftig wie auch seine Schafe, was ich merkte an dem Geruch der nassen Wolle ihrer Felle. – – – (Brandfleck) – – – Er deutete auf mein Birkauge und sagte: "weil du berufen bist." – – – (Brandfleck)

Ein schreckliches magisches Geheimnis muß wohl hier geschildert worden sein, denn von dritter Hand, mit roter Tinte steht über das verkohlte Blatt des Diariums geschrieben:

"Der Du Dein Herz nicht festzuhalten vermagst, lies nicht weiter! Der Du der Stärke Deiner Seele mißtraust, wähle: Hier Verzicht und Ruhe – dort Neugier und Verderben!"

Gänzlich verdorbene Blätter in dem grünen Saffianbändchen folgen. Wie aus kleinen Bruchstücken zu entnehmen ist, hat der Hirte dem Bartlett Mysterien enthüllt, die mit dem Kult der dunklen Göttin des Altertums und den magischen Einflüssen des Mondes zusammenhängen dürfen und mit jedem Ritus entsetzlicher Art, der heute noch in Schottland unter dem Namen "Taighearm" im Munde des Volkes lebt. Ferner geht aus den Stellen hervor, daß Bartlett Green bis zu seiner Einkerkerung im Tower vollkommen keusch gelebt hat, was um so merkwürdiger anmutet, als geschlechtliche Unberührtheit bei einem Straßenräuber wohl nicht häufig vorzukommen pflegt. Ob diese gewollt oder aus angeborener Abneigung gegen das Weib entstanden war, geht aus den geringen Textspuren nicht hervor. Von da an sind die Brandzerstörungen allmählich wieder geringfügiger und man kann folgendes klar lesen:

– – – Was mir der Hirte von dem Geschenk erzählte, das mir die schwarze Isaïs dereinst geben würde, verstand ich nur die Hälfte – war ich ja damalen selber nur ein 'Halber' –, denn wie mochte es zugehen, daß aus dem Unsichtbaren ein leibhaftiger Gegenstand herauskäme! – Als ich ihn fragte, woran ich erkennen könnte, daß die Zeit dazu gekommen wäre, sagte er: "du wirst den Hahn krähen hören." – Das wollte mir nicht aus dem Sinn; krähen doch jeden Morgen in den Dörfern die Gockel. Auch konnte ich nicht fassen, was es Bedeutsames sey, auf Erden Furcht und Schmerz nicht mehr zu kennen, maßen mir es ein geringes schien, denn ich glaubte, selber schon ein genug furchtloser Geselle zu sein. Aber als die Jahre des Reifwerdens um waren, hörte ich den Hahnenschrei, den er gemeint hatte, das ist: in mir selbst – – – habe bis dahin nicht gewußt, daß alles erst im Blute des Menschen geschehen muß, ehe es außen zur Wirklichkeit gerinnen kann. Ich bin auch sodann des Geschenkes der Isaïs – des 'silbernen Schuhes' teilhaftig geworden; ich hatte in der langen Wartezeit bis dahin gar seltsame Gesichte und Vorgänge am Leibe, als da sind: Berührungen nasser unsichtbarer Finger, Geschmack der Bitternis auf der Zunge, Brennen auf dem Scheitel, als senge ein heiß Eisen mir eine Tonsur in das Haupthaar, Stechen und Bohren in den Flächen der Hände und Füße und ein heimliches Miauen in den Ohren. – Schriftzeichen, so ich nicht lesen konnte, da ähnlich anzusehen gewesen wie die derer Jüden, tauchten von innen heraus auf meine Haut wie ein Ausschlag, vergingen aber alsbald wieder, wenn die Sonne darauf schien. Bisweilen mich auch ein heißes Sehnen überkam nach etwas Fraulichem, das aber in mir selbsten war und mir umso verwunderlicher schien, als ich von je ein tiefes Grausen gehabt vor denen Weibern und ihren Sauereyen, so sie mit den Männern allenthalben zu tun pflegen. – – –

Dann, nachdem ich den Hahnenschrei in meinem Rückgrat hatte hören aufsteigen und, wie mir vorausgesagt worden, als eine Taufen ein kalter Regen auf mich herniedergegangen, so doch keinerlei Wolken über mir zu sehen gewesen, ging ich in der Druidennacht des ersten Maien auf die Moorhaide der kreuz und quer, und stand, ohne zu suchen, alsbald vor dem Loch in der Erde. – – – (Brandfleck) – – – ich hatte hinter mir drein den Karren mit denen fünfzig schwarzen Katzen hergezogen, wie mir der Hirte angeraten. Ich mache ein Feuer an und, nachdem ich die Verfluchung des Vollmondes absolviert, wobei das Gefühl eines unbeschreiblichen Entsetzens in meinen Adern zu kreisen anhub, daß mir der Geifer vors Maul getreten, nahm ich die erste Katze heraus, spießte sie auf und begann den 'Taighearm', indem ich sie langsam drehend über den Flammen röstete. Etwan eine halbe Stunde gellte mir ihr fürchterlich Geschrei in den Ohren, wollt mir aber wie viele Monate scheinen, dermaßen sich die Zeit für mich ins Unerträgliche zu dehnen anfing. Wie erst, so sagte ich mir, würde ich das Entsetzliche fünfzigmal so lange aushalten können, wußte ich doch, ich durfte nicht innehalten bis zur letzten Katze und mußte scharf aufpassen, daß das Geschrei nicht abrisse. – Alsbald stimmten die im Käfig mit ein und wurde ein Chor daraus, daß ich fühlte, wie die Geister des Wahnsinns, die schlafend liegen in jedes Menschen Hirn, in mir aufwachten und Fetzen meiner Seele an sich rissen. Sie blieben jedoch nicht in mir, sondern wehten wie Hauch aus meinem Munde in die kalte Nachtluft hinein und stiegen empor zum Mond, einen schillernden Hof um ihn zu bilden. – Der Hirte hat mir gesagt, es sei der Sinn des 'Taighearm' der, daß alle Wurzelheimlichkeit der Furcht und des Schmerzes, die in mir stäke, übergehen müßte durch die Marter der Procedur auf die der Göttin geweihten Tiere, die schwarzen Katzen, und solcher verborgener Wurzeln der Furcht und des Schmerzes gäbe es fünfzig. – So, wie umgekehrt, der Nazarener alles Leid der Creatur auf sich habe nehmen wollen, jedoch der Tiere vergessen habe. – Und wenn Furcht und Schmerz aus meinem Blute durch den 'Taighearm' ausgezogen wären in die Außenwelt – die Welt des Mondes –, aus der sie stammen, dann läge auch mein wahres unsterbliches Wesen bloß, und für immer besiegt sei der Tod mit seinem Gefolge: als da sind das große Vergessen, wer ich einst gewesen, und Verlust jeglichen Bewußtseins. "Wohl soll auch", hat er gesagt – "später dein Leib von Flammen verzehrt werden wie der der Katzen, denn dem Gesetz der Erde muß Genüge geschehen, aber was kann dir viel daran liegen!" – – – Zwei Nächte und einen Tag hat der 'Taighearm' gedauert und ich habe dabei verlernt, zu fühlen, was Zeit ist, und ringsum ist das Haidekraut, so weit mein Blick reichte, schwarz gedorrt ob dem furchtbaren Jammer. Aber schon im Lauf der ersten Nacht begannen meine innern Sinne offenbar zu werden; es fing damit an, daß ich aus dem gräßlichen Chor der Angst derer Katzen im Käfig jede einzelne Stimme genau unterscheiden konnte. Die Saiten meiner Seele gaben's zurück als ein Echo, bis dann eine Saite nach der andern zerriß. Da ward mein Ohr aufgetan für die Sphärenmusik des Abgrundes; seitdem weiß ich, was 'Hören' ist, – – – brauchst dir die Löffel nicht aufzuhalten, Bruder Dee; ich schweig ja schon von den Katzen. Sie habens gut jetzt, spielen vielleicht im Himmel 'Mäusefangen' mit den Seelen der Pfaffen.

Ja, und der Vollmond stand hoch oben und das Feuer war erloschen. Mir zitterten die Beine, daß ich schwankte wie eine Binse. Mochte es wohl etliche Zeit so gewesen sein, als taumelte die Erde, denn ich sah den Mond flattern am Himmel hin und her, bis er in Dunkelheit ertrank. – Da erkannte ich, daß ich blind geworden auch auf meinem andern Auge, maßen keine fernen Wälder und Berge mehr waren, nur schweigende Finsternis. Weiß nicht mehr, wie es geschehen, sah ich plötzlich mit dem Birkauge, das doch tot gewesen, eine seltsame Welt, darinnen blaue fremde Vögel mit bärtigen Menschengesichtern in der Luft kreisten, Sterne mit langen Spinnenbeinen über den Himmel liefen, steinerne Bäume wanderten, Fische mit Händen einander stumme Zeichen gaben, und vieles andere absonderliche war da, das mich unbekannt anrührte und mir dennoch vertraut schien, als hätte ich von Anbeginn alles Erinnerns dort gestanden und es nur vergessen gehabt. War auch ein ander Fühlen des "Vorher" und "Nachher" in mir, als sei alle Zeit seitwärts abgeglitten. – – – (Brandfleck) – – – in weiter Ferne aus der Erden ein schwarzer Rauch emporstieg, flach wie ein Brett, und wurde immer breiter, bis er als tiefdunkel Dreieck mit der Spitze nach abwärts am Himmel stand, barst, und ein glutroter Spalt klaffte von oben bis unten, darinnen eine ungeheure Spindel sich drehte mit rasender Schnelle – – – (Brandfleck) – – – ich zuletzt die schreckliche schwarze Mutter Isaïs sah mit ihren tausend Händen Menschenfleisch weben am Spinnrocken – – – aus dem Spalt Blut herab sickerte – – – etzliche Tropfen, abspritzend von der Erden, mich trafen, so daß mein Leib gesprenkelt ward, wie eines von der roten Pest Befallenen, was wohl die geheimnisvolle Bluttaufe gewesen ist – – – (Brandfleck) – – – worauf der Namensruf der Großen Mutter wahrscheinlich ihr Töchterlein, das bis dahin schlummernd in mir gelegen als ein Samenkorn, auferweckt hat, womit ich durchgedrungen bin bis zum Ewigen Leben und immerdar verbunden mit ihr zu zwiefachem Sein. – – Ich habe auch bis damals nie die Brunst der Menschen gekannt, bin aber seitdem auf ewig dagegen gefeit, denn wie könnte von dem Fluch Einer ergriffen werden, der sein eigen weiblich Teil gefunden hat und in sich trägt! – Dann, als ich wieder sehend geworden mit dem menschlichen Auge, mir eine Hand aus der Tiefe des Loches in der Moorhaide ein Ding entgegenhielt, das glitzerte wie mattes Silber; – – – ich konnte es nicht lange ergreifen mit den irdischen Fingern, aber das Isaïstöchterlein in mir reckte danach den glatten Kätzinnenarm aus und reichte mir den Schuh hin: "Den Silbernen Schuh", der alle Angst nimmt von dem, der ihn trägt. – – – hernach mich einer Gauklertruppe anschloß als Seiltänzer und Tierbändiger. – – – Jaguare, Pardel und Panther in wildem Schreck fauchend in die Ecken flohen, wenn ich sie ansah mit dem Birkauge. – – – (Brandfleck) – – – auch Seiltanzen konnte ich und hatte es doch niemalen gelernt, denn, seit durch den Silbernen Schuh alle Furcht von mir genommen, ein Fallen und Schwindelgefühl unmöglich worden war und die "Braut" in mir zog die Schwere meines Körpers in sich hinein. – Ich seh dir an, Bruder Dee, du frägst dich jetzt: "warum hat ers nicht weiter gebracht, der Bartlett Green, trotz alldem, als nur zum Gaukler und Straßenräuber?" – Will dir antworten darauf: "ich werde erst eine freie Kraft sein nach der Feuertaufe und wenn sie an mir den 'Taighearm' gemacht haben werden. Dann aber werde ich sein der Oberste der unsichtbaren Ravenheads und will denen Papisten von drüben her einen Pibroch blasen, daß ihnen die Luser gellen sollen durch Jahrhunderte; und mögen sie auch getrost schießen mit dem Pummerlein – Pum, sie sollen euch nicht treffen. – – – Zweifelst wohl, Magisterlein, daß ich den Silbernen Schuh anhabe? – Schau her, Kleingläubiger!" – und der Bartlett stemmte die Fußspitze seines Krempstiefels gegen die linke Ferse, um ihn abzustreifen, da – hielt er plötzlich inne, zog die Nüstern breit wie ein Raubtier, fletschte die scharfen Zähne und schnupperte in die Luft. Dann kams spöttisch aus seinem Mund: "riechst du's, Bruder Dee? Der Panther kommt!" – Ich hielt den Atem an und es schien mir, als spürte auch ich Panthergeruch in der Luft. Gleich darauf hörte ich einen Schritt: draußen vor der Tür der Kerkerzelle. –

Einen Augenblick später knallten die schweren eisernen Riegel.

Hier brechen die Aufzeichnungen in dem grünen Saffianbändchen meines Urahns, John Dee ab, und ich überlasse mich grübelnden Gedanken.

Panthergeruch! –

Ich habe einmal irgendwo gelesen, daß an alten Dingen ein Fluch, ein Bann, ein Zauber haften könne, der den befällt, der sich solches Zeug ins Haus schleppt und sich damit abgibt. Wer weiß, wie man das anstellt, wenn man einem streunenden Pudel pfeift, der einem beim Abendspaziergang über übern Weg läuft! Man nimmt ihn aus Mitleid in seine warme Stube, und auf einmal schaut der Teufel aus dem schwarzen Fell hervor.

Geht es mir – dem Urenkel John Dees – wie einst dem Doktor Faust? Habe ich mit der modrigen Erbschaft meines Vetters John Roger einen Dunstkreis alter Weihungen betreten? Hab ich Mächte gelockt, Kräfte beschworen, die unnennbar in diesem Reliquienplunder hausen wie verpuppte Maden ihm Holz?

Ich unterbreche die Niederschrift meiner Auszüge aus John Dees grünem Tagebuch, um festzustellen, was soeben geschehen ist. Ich gestehe, daß ich es fast widerstrebend tue. Eine seltsame Neugier, ein Drang, in der Lektüre der Gefängnisaufzeichnungen meines Ahnherrn fortzufahren, hat sich meiner bemächtigt. Ich bin gespannt, wie nur irgendein aufgeregter Romanleser, den Fortgang der Ereignisse in dem Ketzergefängnis des blutigen Bischofs Bonner zu erfahren und zu wissen, was Bartlett Green mit seinem merkwürdigen Ausruf gemeint hat: "Es riecht hier nach Panther!" ...

Dennoch – daß ich es nur unverhohlen ausspreche –: ich kann seit Tagen das Gefühl nicht loswerden, in allem, was diese Angelegenheit der Rogerschen Hinterlassenschaft angeht, unter einem Befehl zu stehen. Ich spüre bis in die Fingerspitzen den einmal ausgesprochenen Entschluß, beim Niederschreiben dieser sonderbaren Lebensgeschichte eines meiner englischen Vorfahren nicht nach Gutdünken und nicht nach meiner Wahl zu verfahren, sondern zu gehorchen, wie der "Janus", oder meinetwegen der "Baphomet", mir im Traum befohlen hat: Ich lese und schreibe, wie – "er – führt". Ich mag gar nicht fragen, ob zu dieser Führung auch das gehört, was vorhin geschehen ist.

Indem ich die Feder wieder ansetze, wird mir sonderbar zumute. Es ist seit dem Augenblick, wo ich Bartlett Greens Unterredung mit John Dee aus den halbverbrannten Tagebuchnotizen wiederherzustellen mich bemühte, kaum mehr als eine halbe Stunde vergangen. Dennoch weiß ich schon jetzt nicht mehr genau zu sagen, ob ich mich an gewisse Sinneswahrnehmungen in dieser kurzen Spanne Zeit eigentlich richtig und genau erinnere, oder ob ich sie nur wie Halluzinationen, wie flüchtig und unwirklich über mein halbwaches Bewußtsein hinweggeglittene Erlebnisschatten bewerten soll? Hierher gehört vor allem: Es roch auch in meinem Zimmer auf einmal intensiv nach "Panther"; richtiger: ich hatte die unbestimmte Geruchssensation von Raubtieren, – erlebte in mir das Bild von den Käfigen in einer Zirkustierschau, wo hinter endlos gereihten Gitterstäben die großen Katzen ruhelos auf und nieder schreiten.

Ich schrak auf. Hörte ein hastiges Anklopfen an der geschlossenen Tür meines Arbeitszimmers.

Mein keineswegs freundlicher Hereinruf – ich erwähnte schon, wie sehr ich unzeitige Störungen bei der Arbeit hasse – wurde überholt von dem Aufspringen der Türe. Ich sah das ängstliche, erschrockene Gesicht meiner alten, sonst so gut von mir geschulten Haushälterin, das mich gleichsam stumm um Entschuldigung bat; aber zugleich, dicht an ihr vorbei: das ungestüme, federnde Hereinschnellen einer hohen, sehr schlanken Dame in dunkelblitzendem Kleid.

Wie komme ich dazu, das Eintreten der Dame, das freilich den Eindruck einer gewissen herrischen Unbekümmertheit, einer befehlsgewohnten Sicherheit machte, mit so übertriebenen Worten zu kennzeichnen? – Sie kommen mir nun selber reichlich romantisch vor, wie sie da auf dem Papier stehen. Aber sie geben trotzdem ziemlich genau den Eindruck wieder, den ich im ersten Augenblick von der mir völlig fremden Frau empfing. Eine Dame der großen Welt, wie sofort außer Zweifel stand. Es war, als dränge ihr schönes bleiches Haupt auf seinem Halse wie suchend vorwärts. Sie schritt, oder schwebte gleichsam, mit erhobener Stirn geradezu an mir vorbei und machte erst an der Ecke meines Schreibtisches halt. Ihre Hand tastete, wie Blinde zu tun pflegen, die gelernt haben, mit den Fingerspitzen zu sehen, auf dem Rand der Schreibtischplatte hin, als suchte sie nach einem Halt. Endlich lag sie still, und der ganze Körper der Fremden schien sich nun beruhigt auf die kräftig geschlossene Hand zu stützen.

Dicht daneben stand das Tulakästchen.