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Flockengeburtstag

125 Jahre nach der Erfindung der Cornflakes macht sich die Kellogg Company daran, das Rad der Geschichte zurückzudrehen: Die neue Konzernmarke W.K. Kellogg setzt ausgerechnet auf die Initialen des Zuckerfreundes Will Keith, um zuckerfreie, Bio- und Superfood-Produkte anzubieten, schließlich bezieht sich das Sortiment auf sein Erbe als ernährungsbewusster Cerealien Hersteller – eine weitere Gemeinheit gegen den prinzipientreuen John Harvey.

Tatsächlich enthalten die veganen, palmölfreien Müslis ohne zugesetzten Zucker, künstliche Aromen und Süßstoffe auf wundersame Weise 12% Zucker (anders ausgedrückt: 50% mehr als Kellogg's Cornflakes), denn: Das Knuspermüsli wird mit Fruchtpüree hergestellt und enthält somit den natürlich vorkommenden Zucker der Früchte. Das Fruchtpüree ist wichtig für die Konsistenz des Knuspermüslis. Zucker ist also nur ein bedauerlicher Nebeneffekt der konsistenzorientierten Rezeptur, und die fehlenden Nährwertangaben auf der Kellogg's-Website nur ein redaktionelles Versehen. Der Marketingspezialist W.K. dürfte zufrieden sein.

Untertitel

Kaum habe ich englische Untertitel in englischsprachigen Filmen als Ausdruck meiner sprachlichen Inkompetenz akzeptiert, wird mir von bekannten englischen Muttersprachlerinnen versichert, in modernen Serien komme häufig a bunch of mumble-mouths zum Einsatz und (schottische|texanische) Akzente seien ohne Untertitel ebenfalls eine Zumutung. Wie soll man unter diesen Umständen einen gesunden Minderwertigkeitskomplex aufrecht erhalten?

(Inc|C)onvenience

Anlässlich der versehentlichen Löschung einer kleinen Menge Audiomaterials erinnert Gary Bernhardt an eine alte Bauernweisheit:

Reminder that “the cloud” is neither a backup nor a suitable location for data that you care about. Your provider will delete all of your data when it’s no longer economical to host it, or when someone typos a shell command, whichever comes first!

Auch einem bekannten Medienunternehmen waren die Daten seines Gründers entweder zu teuer oder zu unwichtig, um sie sorgfältig aufzubewahren. Ich bin sicher, dass die verantwortliche Systemadministratorin sehr ernsthaft ermahnt wurde.

Zombie Germs from Outer Space

Mutierte Bakterien auf der ISS sind für die NASA kein Anlass, Filmrechte meistbietend zu verkaufen oder die Zombieapokalypse in Aussicht zu stellen. Stattdessen wird das Reinigungsmittelinventar um destilliertes Wasser ergänzt.

Eigenliebe

Narziss ist etwas erschöpft, aber durchaus lebendig:

Patrick Lange hat als erster Ironman die Acht-Stunden-Schallmauer auf Hawaii durchbrochen und mit seinem zweiten WM-Triumph nacheinander die deutsche Ära fortgesetzt. Der 32 Jahre alte Triathlet aus Nordhessen nutzte die optimalen Bedingungen am Samstag durch eine taktische Meisterleistung für eine erneute Demonstration seiner Lauf-Klasse. Es ist einfach Wahnsinn. Ich hätte das nie gedacht, sagte Lange im Ziel, wo er sich die letzte Kraft für etwas ganz Besonderes aufbewahrt hatte. Er machte seiner Freundin Jule auf Knien einen Heiratsantrag.

Es gibt sicher viel gravierendere, unangenehmere, gefährlichere Beispiele für toxische Männlichkeit, aber diese Selbstbesoffenheit ist schon bemerkenswert.

Secure Powerplay

Die Argumente für die Verschlüsselung des gesamten Internets lassen sich sehr leicht auseinandernehmen, aber ich bin schon vor längerer Zeit auf Googles Sirenengesänge hereingefallen.

Biblische Segnungen

Während die US-Behörden die Begrenzung des Fleischkonsums mit traditionellen Mitteln erreichen möchten, wählt die EU-Kommission den Weg der wohlwollenden Zulassung insektenbasierter Lebensmittel.

Auch wenn mir jedes missionarische Geschick fehlt: Vegane Bratlinge sind noch etwas klimafreundlicher als Mehlwurmburger und erfordern weniger kulinarische Flexibilität. Wenn man keinen Reis dazu verzehrt.

Breaking News 2

Die tagesschau-Redaktion erweitert die Kategorie der berichtenswerten Informationen kontinuierlich, mittlerweile auch ohne den verschämten Verweis auf amerikanische Wissenschaftlerinnen:

Im Wahljahr 2017 haben CDU und FDP mit Abstand die meisten Großspenden erhalten.

Irrelevant

Die oberflächlichen Testroutinen für meine Website haben Konsequenzen: Der gestrenge Firefox Quantum weist mich darauf hin, dass er die Ausstellerin meines Zertifikates nicht kennt und https://eden.one daher nur widerwillig anzeigt.

Wie sich herausstellt, ignorieren Safari und Chrome das fehlende intermediate certificate, während Firefox nur eine lückenlose Zertifikatskette akzeptiert. Das Problem lässt sich zwar relativ rasch beheben (cat eden_personal.cer eden_intermediate.cer > eden.cer), aber dass sich Firefox-Nutzerinnen offenbar seit Monaten nicht für die liebevoll gepflegte Website interessieren, schmerzt etwas.

Kontaktlos

Das kontaktlose Bezahlen versetzt das Techniktagebuch in Aufruhr, ob mit Kreditkarte oder mit Girocard – wenn es denn funktioniert.

Manche Redaktionsmitglieder sind trotz der schönen neuen Welt sehr sprachkonservativ und sprechen von längst ausgestorbenen EC-Karten, obwohl Kathrin Passig mehrfach ausführlich den Unterschied zwischen EC- und Girocard erläutert hat. Andererseits bewirbt Frau Passig beharrlich einen modernen, aber wenig überzeugenden Finanzdienstleister und ist vielleicht wirklich nicht die beste Adresse für belastbare Informationen aus der Finanzbranche.

Disposable

Auch Menschen ohne VWL-Studium können die Effekte der Industrie 4.0 sehr präzise in Worte fassen:

I work at a disposable razor factory. We used to have seven hundred workers. There were lines of people down conveyor belts. Now there’s only four hundred left, and most of those are just temporary. Machines do everything now. Anything that required hands, at least. We used to look at the razors through microscopes– trying to find imperfections. Now the computer just takes a picture. Even the forklifts drive themselves. Soon there will be nobody left. People are just too expensive. You can’t stop it. I tried my own little protest for a while. I told myself that I wasn’t going to buy any of the cheap stuff from Wal-Mart. But that didn’t last long. I couldn’t afford anything else.

Die populäre Flucht in Xenophobie und Abschottung und selbst der bewährte Sexismus werden die robotischen Kolleginnen kaum aufhalten.

Aggressive Negotiator

Scott Adams verbreitet seine wohlwollende Perspektive auf Herrn Trump und dessen Lebensmaxime (The more aggressive the better.) auch in Form von Dilbert-Cartoons.

Methanreis

Vegane Ernährung ist trotz anekdotischer Evidenz nicht nur kein Königsweg gegen Aggressionen, sondern auch weniger klimaschonend als gedacht:

Die Anreicherung des Treibhausgases Methan hat sich mehr als verdoppelt, vor allem durch den Reisanbau und die Haltung von Kühen oder Schafen.

Ich muss wohl doch auf Dinkel-Risotto umsteigen.

Künstlicher Sexismus

Intelligenz kann gar nicht so künstlich sein, dass sie nicht dem routinierten Sexismus des frühen 21. Jahrhunderts ausgesetzt ist:

Ava ist schon ein durchtriebenes Miststück. Als sie erkennt, dass sie von ihrem Schöpfer Nathan gefangen gehalten wird, nutzt sie eiskalt die Gefühle eines naiven jungen Programmierers namens Caleb aus, um Nathan aus dem Weg zu räumen und auszubrechen.

Wo kämen wir auch hin, wenn Artikel 3 der Menschenrechtscharta die gezielte Manipulation von Männern rechtfertigen würde?

Slacker

Herr Bauckhage hat seine Darstellung der bemerkenswerten Fortschritte künstlicher Intelligenz nicht nur in der Stadtbibliothek Köln, sondern auch vor angehenden Lehrer_innen gehalten – mit dem beruhigenden Zusatz, sie müssten sich im Gegensatz zu fast allen anderen Berufsgruppen erst in einigen Jahrzehnten um ihre Zukunft sorgen. Statt einen verbissenen Kampf um die eigene Relevanz zu führen, könnten wir die exponentiell wachsende Produktivität autonomer Systeme aber auch zur Konzentration auf unsere eigentliche Kernkompetenz nutzen.

Watch This

In Köln bildet sich – wie in San Francisco – eine Schlange am Tag der Veröffentlichung der Apple Watch Series 3, und dank eines QR-Codes für bereits bezahlte Bestellungen darf ich mich in die (sehr kurze) VIP-Schlange einreihen.

Mittlerweile inszeniert das wertvollste Unternehmen der Welt sogar eine sympathische Unbeholfenheit, ob in der inkonsistenten Anrede der Kundinnen –

Wir haben gute Neuigkeiten für Sie.
Ihre Artikel stehen am Sep 22 zur Abholung bereit.

Bring deinen Ausweis mit
Du benötigst einen gültigen amtlichen Lichtbildausweis.
Besuche den Apple Store
Beachten Sie die Öffnungszeiten, um einen für Sie günstigen Zeitpunkt für die Abholung Ihrer Bestellung einzuplanen. Bringen Sie diese E-Mail mit, um die Abholung zu beschleunigen.
Gib Bescheid, wenn du da bist
Jeder Mitarbeiter am Empfang des Stores kann Ihnen helfen. Er/Sie scannt dann den Barcode Ihrer Bestellung, holt Ihre Artikel und richtet sie ein.

– beim gemeinsamen Motivationsgesang der Belegschaft kurz vor Ladenöffnung (Viva Colonia) oder durch die mechanischen Smalltalk/Upsell-Versuche des Verkäufers während der Produktübergabe.

Das Gerät selbst funktioniert wie erwartet, und die wachsende Verbreitung von Apple Pay außerhalb Deutschlands grämt mich nur wenig.

End of the Pinball

Ein warnender Tweet macht mich darauf aufmerksam, dass ich ab heute auf Tristan (31.398.450 Punkte) und Crystal Caliburn (850.748.180 Punkte in 42m58s, 5 Holy Grails) verzichten muss, mit geringer Aussicht auf Wiederbelebung. Pro Pinball Timeshock! ist wegen seiner hohen Geschwindigkeit und der realistischen Ballphysik eher etwas für frustrationstolerante Spieler.

Update: Nur wenige Stunden nach der Veröffentlichung von iOS 11 veröffentlicht Little Wing 64-bit-Versionen seiner beiden Flipper-Apps und rügt meinen Kleinmut milde durch den automatisierten Eintrag absurder Highscores (Platz 7: 31.069.217.893.646.388 bzw. Platz 2: -4.213.258.773.009.006.592).

America Third

Neben ehrlicher Empathie kennen Menschen leider auch das mit schlechtem Gewissen einhergehende Gefühl der Dankbarkeit, wennn sie von den Nöten ihrer Mitmenschen lesen und hören, z.B. von der volatilen Stromversorgung in Ländern der dritten Welt.

Reich des Bösen

Statt sich weiterhin an der Abschaffung einer solidarischen Krankenversicherung abzuarbeiten oder die nicht sonderlich straffen Zügel der Wall Street weiter zu lockern, könnten sich die republikanischen Mehrheitsfraktionen im Kongress auch mit einem besonders zwielichtigen Bereich der Unterhaltungsbranche befassen:

Im Vergleich zum Turbo-Kapitalismus im europäischen Fußball wirken die Salary Caps im US-Profisport fast sozialistisch, zumindest stark reguliert.

Überkompensation

Nach jahrelanger Lobbyarbeit von Kryptographinnen räumt Bill Burr die mangelnde Entropie von kurzen, aber kaum memorierbaren Passwörtern ein. Leider kassiert er bei dieser Gelegenheit auch die traditionelle Empfehlung, Passwörter regelmäßig zu ändern – als ob wir nicht alle viel Vergnügen mit dem wöchentlichen Wechsel von knallte bestimmten drama fliederzweig mansor anschließt auf handelsreisen weggejagt mondenschein lustbarkeit wegen verschleierte hätten.