Blog

Obstinate

Auch nach der US-Präsidentschaftswahl hält der Politikberater Michael Werz an einem ehernen Grundsatz fest und lehnt eine Tea Party to the left ab:

[Das] wäre das Letzte, was das Land und die Demokratische Partei im Moment gebrauchen können. In den USA wie in allen anderen westlichen Gesellschaften werden die Wahlen in der politischen Mitte gewonnen und nicht am politischen Rand.

Präsident Bannon wird sicher sehr beunruhigt sein, wenn sich Strategen wie Mr. Werz durchsetzen.

Overload

Für einen kurzen Moment glaubte ich, mit dem neuen HTML-Attribut preload eine Lösung für die darstellungsblockierende CSS-Datei gefunden zu haben – den markup-based async loader:

<link rel="preload" as="style" href="/css/mysites.css" onload="this.rel='stylesheet'">

Leider erzeugt die onload-Anweisung ein merkliches Flackern bei der Seitennavigation, weil die CSS-Anweisungen eben nachträglich umgesetzt werden. Oder, wie Yoav Weiss es ausdrückt:

yeah, it's something you should use only for non critical css

Setup 2017

Ungeachtet der verbreiteten paranoid fear vor dem langsamen Verfall der macOS-Plattform beginne ich 2017 mit einem neuen Mac, und anders als in der Vergangenheit gehe ich bei der Einrichtung etwas systematischer vor. Statt sämtliche Daten zu transferieren und mich anschließend um die Betriebsumgebung zu kümmern, installiere ich zunächst alle potentiell schwierigen Komponenten und überführe die empfindsamen Daten erst zum Schluss.

Prerequisites

Mit Hilfe des neu angelegten Admin-Accounts werden XCode einschließlich der Command Line Tools (xcode-select --install) und die GNU Core utilities installiert:

tar -xzvf coreutils-8.26.tar.xz cd coreutils-8.26 ./configure --prefix=/usr/local; make; sudo make install

Außerdem benötige ich natürlich einen aktuellen Texteditor mit Clipboard-Unterstützung und eine Escape-Taste:

tar -xzvf vim-8.0.tar.bz2 cd vim-8.0 ./configure --prefix=/usr/local --with-features=huge; make; sudo make install sudo ln -s /usr/local/vim /usr/local/vi echo 'set clipboard=unnammed' > ~/.vimrc

Außerdem sorge ich für einen gesprächigeren Systemstart (sudo nvram boot-args="-v"). Damit ist eine konstruktive Arbeitsatmosphäre geschaffen.

Webstack

Mein kürzlich modernisierter Webstack hat mich schon einige Nerven gekostet. Um einige Frustrationsquellen auszuschließen, installiere ich Python 3.6 und MySQL 5.7.17 über ein macOS-Installationspaket, nur für PostgreSQL gilt wie üblich:

tar -xzvf postgresql-9.6.1.tar.xz cd postgresql-9.6.1 ./configure --prefix=/usr/local; make; sudo make install

Die Vermeidung der MySQL-Idiosynkrasien (cmake!) führt natürlich zu einem unpassenden Speicherort, so dass:

echo 'export PATH=/usr/local/mysql/bin:$PATH' > ~/.bash_profile

Ohne diese Zeile funktioniert nämlich die Installation des Datenbankkonnektors

tar xfz MySQL-python-1.2.5.tar.gz cd MySQL-python-1.2.5 python setup.py build sudo python setup.py install

– nicht. Der andere Datenbankkonnektor muss für beide Python-Versionen (3.6 und 2.7) installiert werden, weil erst eines der drei Django-Projekte auf Python 3 umgestellt wurde:

tar -xzvf psycopg2-2.6.2.tar.gz cd psycopg2-2.6.2 python setup.py build # python3 setup.py build sudo python setup.py install # sudo python3 setup.py build

Dasselbe gilt für Django selbst:

tar -xzvf Django-1.10.5.tar.gz cd Django-1.10.5 sudo python setup.py install # sudo python3 setup.py install

nginx verlangt weiterhin eine frische PCRE-Bibliothek, bevor es sich kompilieren lässt:

tar -xzvf pcre-8.3.9.tar-gz tar -xzvf nginx-1.11.8.tar.gz cd nginx-1.11.8 ./configure --prefix=/usr/local --with-http_gzip_static_module --with-pcre=../pcre-8.39

uwsgi und cssmin lassen sich dagegen sehr komfortabel über das mit Python 3.6 gelieferte pip installieren:

pip3 install uwsgi pip3 install cssmin

Außerordentlich schwierig ist dagegen die Kompilation von mod_wsgi. Graham Dumpleton selbst ist äußerst frustriert und formuliert diese Frustration auch im PyPI-Eintrag für mod_wsgi:

On some platforms, this latter method is actually the only option supported when using the operating system supplied Apache installation. For example, in MacOS X Sierra, Apple has completely broken the ability to install third party Apache modules using the apxs tool normally used for this task. History suggests that Apple will never fix the problem as they have broken things in the past in other ways and workarounds were required as they never fixed those problems either. This time there is no easy workaround as they no longer supply certain tools which are required to perform the installation.

Glücklicherweise macht die Python-basierte Installation –

tar -xzvf mod_wsgi-4.5.13.tar.gz cd mod_wsgi-4.5.13 sudo python setup.py install # no pip for Python 2.7

– keinerlei Schwierigkeiten. Lediglich httpd.conf muss an den exotischen Speicherort für Python-Pakete angepasst werden:

LoadModule wsgi_module /Library/Python/2.7/site-packages/mod_wsgi-4.5.13-py2.7-macosx-10.12-intel.egg/mod_wsgi/server/mod_wsgi-py27.so

Und schon stellt sich das belebende Gefühl von individuell praktizierter Pressefreiheit und die wohlige Illusion absoluter Kontrolle ein.

Mailstack

Der bewährte und mittlerweile recht komplexe Mailstack erweist sich als ziemlich pflegeleicht (obwohl er natürlich zur maximalen Verengung des personal focus einlädt). Sämtliche GnuPG-Komponenten lassen sich anstandslos installieren:

tar -xzvf libgpg-error-1.26.tar.bz2 cd libgpg-error-1.26 ./configure --prefix=/usr/local; make; sudo make install cd .. tar -xzvf libksba-1.3.5.tar.bz2 cd libksba-1.3.5 ./configure --prefix=/usr/local; make; sudo make install cd .. tar -xzvf libassuan-2.4.3.tar.bz2 cd libassuan-2.4.3 ./configure --prefix=/usr/local; make; sudo make install cd .. tar -xzvf libgcrypt-1.7.5.tar.bz2 cd libgcrypt-1.7.5 ./configure --prefix=/usr/local; make; sudo make install cd .. tar -xzvf pinentry-1.0.0.tar.bz2 cd pinentry-1.0.0 ./configure --prefix=/usr/local; make; sudo make install cd .. tar -xzvf npth-1.3.tar.bz2 cd npth-1.3 ./configure --prefix=/usr/local; make; sudo make install cd .. tar -xzvf gnupg-2.1.17.tar.bz2 cd gnupg-2.1.17 ./configure --prefix=/usr/local; make; sudo make install cd .. tar -xzvf gpgme-1.8.0.tar.bz2 cd gpgme-1.8.0 ./configure --prefix=/usr/local; make; sudo make install

Lediglich gpgme meldet einen Fehler, den ich aber geflissentlich (und folgenlos) ignoriere.

mutt erwartet eine Datenbankmanagementbibliothek für den Header-Cache und beschwert sich bitterlich über die indecent version von OpenSSL unter macOS Sierra (sowie über eine veraltete SASL-Implementierung), deshalb bekommt es die gdbm und ein hochaktuelles OpenSSL:

tar -xzvf gdbm-1.12.tar.gz cd gdbm-1.12 ./configure --prefix=/usr/local; make; sudo make install cd .. tar -xzvf openssl-1.1.0c.tar.gz cd openssl-1.1.0c ./configure --prefix=/usr/local; make; sudo make install cd .. tar -xzvf mutt-1.7.2.tar.gz cd mutt-1.7.2 ./configure --enable-imap --enable-smtp --with-curses --with-regex --enable-hcache --with-sasl=/usr --with-ssl=/usr/local --prefix=/usr/local --enable-gpgme; make; sudo make install

Nachträglich realisiere ich, dass mutt dank OfflineIMAP und msmtp nicht mehr mit der Außenwelt kommunizieren muss und sich daher auch nicht um Sicherheitslücken kümmern sollte (anders ausgedrückt: ./configure --with-curses --with-regex --enable-hcache --prefix=/usr/local --enable-gpgme dürfte künftig genügen).

Während OfflineIMAP sich unauffällig verhält, wünscht msmtp aus unerfindlichen Gründen ein aktuelles pkg-config, das seinerseits mit einem zusätzlichen Flag konfiguriert werden muss:

tar -xzvf offlineimap-7.0.12.tar.gz cd offlineimap-7.0.12 make clean; make; sudo python setup.py install cd .. tar -xzvf pkg-config-0.29.1.tar.gz cd pkg-config-0.29.1 ./configure --prefix=/usr/local --with-internal-glib; make; sudo make install cd .. tar -xzvf msmtp-1.6.6.tar.xz cd msmtp-1.6.6 ./configure --prefix=/usr/local --with-ssl=openssl; make; sudo make install

Tim Grays Adressbuchkonnektor für mutt und dessen Helferlein melden ebenfalls keine Probleme:

tar -xzvf tgray-muttqt-0.1.0-5-gde3985f.tar.gz cd tgray-muttqt-0.1.0-5-gde3985f make; sudo make install cd .. unzip contacts-master.zip cd contacts-master make; sudo make install

Zwar warnt Apple bei jedem Aufruf von contacts energisch vor einer fehlerhaften Implementierung –

CoreData: warning: dynamic accessors failed to find @property implementation for 'uniqueId' for entity ABCDInfo while resolving selector 'uniqueId' on class 'ABCDInfo'. Did you remember to declare it @dynamic or @synthesized in the @implementation ?

– aber die Anbindung zwischen Adressbuch und mutt wird dadurch nicht beeinträchtigt (stattdessen funktioniert der Transfer des Adressbuchinhaltes mittels Archiv-Datei nicht, und erst ein Umweg über das VCard-Format hilft).

Applications

Die Installation der Mac-Anwendungen –

– ist fast so schnell gemacht wie der Download der Apps aus dem App Store (Reeder, PCalc, Deckset, Pixelmator, HTTP Client), und auch MacTex bietet keine Überraschungen (wenn man nach der Installation den rituellen Abstieg ins Terminal mit sudo texhash; updmap --enable MixedMap pad.map vornimmt). Microsoft Office 2016 verweigert dagegen seinen Dienst, was mit Sicherheit nicht an meinen Proxy-Einstellungen liegt. Seltsamerweise bietet der versteckte Updater (/Library/Application Support/Microsoft/MAU2.0/Microsoft AutoUpdate) nur ein Update für Word an, so dass ich die bereits aktualisierten Excel- und Powerpoint-Versionen manuell von der alten Festplatte (/Applications) kopieren muss.

Daten

Nun fehlen nur noch die Daten. Nach einem frischen Klon der alten Festplatte mit SuperDuper kopiere ich zunächst die relevanten Ordner (Documents, Music etc) und anschließend manuell die Konfigurationsdateien aus ~/ bzw. ~/Library.

Anschließend starte ich den Dropbox-Client und aktiviere die Vault-Synchronisation via Dropbox, und erkläre Launchbar und Typinator zu login items.

Ein kurzer Moment der Spannung – Mails lassen sich schreiben, signieren/verschlüsseln und versenden. Auch OfflineIMAP läuft, nachdem ich den entsprechenden LaunchAgent aktiviert habe (launchctl start net.janeden.offlineimap).

Anlässlich der Aktivierung der iCloud Photo Library weist Apple mich darauf hin, dass 200 GB iCloud-Speicherplatz niemals für die Ablage aller Bilder ausreichen (die Bibliothek umfasst allerdings nur ca. 150 GB), und erzwingt ein Upgrade auf 1 TB Speicherplatz. Der reichlich vorhandene Platz ändert nichts daran, dass die Photos-Anwendung weiterhin über irgendein Bild stolpert und den Upload kommentarlos einstellt. Immerhin erscheinen meine Termine nach dem Login bei Google in der Calendar-Anwendung.

Um diese ernüchternde Erfahrung auszugleichen, konzentriere ich mich auf die Inbetriebnahme des Webstacks. Zunächst wird /etc/hosts um die Namen der lokalen Websites ergänzt, anschließend initialisiere ich PostgreSQL und befülle die Datenbanken:

# PostgreSQL sudo mkdir /usr/local/data/postgres sudo chown _postgres:wheel /usr/local/data/postgres sudo -u _postgres /usr/local/bin/initdb -D /usr/local/data/postgres sudo -u _postgres /usr/local/bin/postgres -D /usr/local/data/postgres/ # _postgres needs a password psql -U _postgres postgres postgres=# ALTER USER _postgres WITH PASSWORD '...'; ALTER ROLE postgres=# CREATE USER myuser WITH PASSWORD '...'; CREATE ROLE postgres=# CREATE DATABASE db1; CREATE DATABASE postgres=# CREATE DATABASE db2; CREATE DATABASE postgres=# CREATE DATABASE db3; CREATE DATABASE postgres=# GRANT ALL ON DATABASE db1 TO myuser; GRANT postgres=# GRANT ALL ON DATABASE db2 TO myuser; GRANT postgres=# GRANT ALL ON DATABASE db3 TO myuser; GRANT postgres=# \q psql db1 < ~/Sites/site1/dbdump/db1.sql psql db2 < ~/Sites/site1/dbdump/db2.sql psql db3 < ~/Sites/site1/dbdump/db3.sql # MySQL mysql -u root -p # .my.cnf should be copie to ~/ AFTER this step GRANT ALL ON db2.* TO myuser@localhost IDENTIFIED BY 'new_password'; exit mysql -u myuser -p CREATE DATABASE db4; exit mysql -u myuser db4 -p < ~/Sites/site4/dbdump/db4.sql

Über das vergessene Root-Passwort des MySQL-Servers und seine Rücksetzung (--skip-grant-tables!) breite ich den Mantel des Schweigens.

Im zweiten Schritt werden httpd.conf, nginx.conf und uwsgi.ini an den passenden Stellen des Dateisystems platziert. Wie üblich moniert nginx den fehlenden Ordner /Library/Caches/nginx, aber das Hauptproblem stellen die nicht modernisierten Django-Projekte dar: Die Fehlermeldung Target WSGI script '/var/ww/wsgi.py' cannot be loaded as Python module., gefolgt von ImportError: No module named doc deutet nicht etwa auf fehlende Leserechte oder die verbreiteten Pfaddefizite (→ python-path) hin, sondern auf eine veraltete Syntax in urls.py (und vermutlich vielen anderen Dateien). Zur Überarbeitung der beiden Projekte fühle ich mich heute nicht berufen und unterstelle deshalb, dass im Prinzip alles funktioniert.

Feierlich aktiviere ich die LaunchDaemons (PostgreSQL, nginx, uwsgi) bzw. LaunchAgents (staticiste, autobackup, phildb, cottagesdb), befülle ~/Backup mit meinen Zertifikaten (certs) und der Konfiguration meines virtuellen Servers in Montabaur (conf_server) sowie mit Symlinks auf alle wichtigen Daten, aktiviere FileVault und die Firewall, richte die Drucker ein, entzappele den Finder (defaults write com.apple.finder DisableAllAnimations -bool True; killall Finder) und nenne es einen Tag.

Abgesagter Kulturkampf

Da sich Bündnis 90/Die Grünen in nächster Zeit wahrscheinlich nicht mehr öffentlichkeitswirksam um eine Reduktion des Fleischkonsums bemühen werden, reagiert stattdessen das Umweltbundesamt auf den sprachlichen Fleischlobbyismus des Bundeslandwirtschaftsministeriums mit der Forderung nach einer höheren Besteuerung von Tierprodukten. Die Bundesumweltministerin ist allerdings nicht geneigt, auf diese heiße Herdplatte zu fassen, so dass der beliebte Lagerwahlkampf in diesem Jahr voraussichtlich zwischen CDU und CSU geführt werden wird.

Cybernuisance

Der vermeintlich gezielte Angriff auf ein US-Energieunternehmen scheint einen anderen Hintergrund zu haben als zunächst vermutet:

Die Zeitung hatte zuvor von dem Vorfall und auch von dem Verdacht berichtet, dass die russische Regierung dahinter stehen könnte. Dem Bericht zufolge stellte sich nun heraus, dass ein Mitarbeiter des Burlington Electric Departments vergangenen Freitag nur seine Yahoo-Mails aufgerufen hatte.

Diese Ermittlungsergebnisse werden das Burlington Electric Department kaum beruhigen.

Unanimiert

Es ist immer etwas peinlich, wenn ehrbare Menschen fortgeschrittenen Alters plötzlich flippige Tanzschritte präsentieren. Betriebssysteme kann man an solchen Albernheiten hindern:

defaults write com.apple.finder DisableAllAnimations -bool True; killall Finder

Bundeslandwirtschaftsvormund

Bundeslandwirtschaftsminister Friedrich Schmidt hat dankenswerterweise und mit Unterstützung der Unionsfraktion die Grenzen der Verbrauchermündigkeit definiert: Während die Untiefen der Lebensmittelkennzeichnungsverordnung von erwachsenen Menschen problemlos und ohne unzulässige Vereinfachungen wie die Lebensmittelampel gemeistert werden, führt die Verwendung traditioneller Bezeichnungen wie Schnitzel für fleischlose Produkte zu massiver Verwirrung und mutmaßlich auch zu Gesundheitsschäden, wenn die carnivore deutsche Bevölkerung unvorbereitet pflanzenbasierte Nahrung zu sich nimmt.

Ungenauigkeitspresse

Der Furor über die Lügenpresse würde vielleicht nachsichtigem Spott weichen, wenn die patriotischen Europäer auch das Feuilleton der deutschen Qualitätspresse zur Kenntnis nähmen, in dem die hochgelahrten Herrschaften offensichtlich weder zwischen plattformspezifischen Emoji-Markern und dem Unicode-Inventar noch zwischen populären sozialen Netzwerken und einer populären Smartphone-Plattform unterscheiden können:

Das wären zumindest die verbalen Übersetzungen für die Minibilder der Emoji-Funktion, die zum Beispiel beim Marktführer unter den sozialen Netzwerken, Facebook, unter jedem Beitrag sechs Comicsymbole für jene sechs Gefühlslagen anbietet, von denen die Ingenieure in Menlo Park glaubten, dass sie die menschliche Psyche auf einen globalen Nenner bringen.

Bei anderen Systemen wie Apple oder Twitter mag die Palette größer sein.

Der papierne Weg

Professor Frei interpretiert in der Süddeutschen Zeitung Open Access als Angriff auf die große Form wissenschaftlicher Publikationen (gemeint sind geisteswissenschaftliche Monographien), hält digitale Veröffentlichungen für nicht zukunftssicher, hadert mit der Lesbarkeit von Texten am Bildschirm bzw. der Ökobilanz von Arbeitsplatzdruckern und bezieht die konsequente Profitmaximierung der Wissenschaftsverlage ausschließlich auf ihre digitalen Angebote. Unerwähnt lässt er überraschenderweise die wunderbare Haptik säurefreien Papiers, den anheimelnden Geruch frisch gedruckter Bücher und die langjährigen Verdienste der Buchbinder- und Buchdruckerzunft um die abendländische Kultur, aus der ein Bestandsschutz für sämtliche Arbeitsplätze mindestens bis 2300 folgen sollte.

N26 vs. SSK

Seit der beeindruckend futuristischen Kontoeröffnung hat sich mein Number26-Konto als herbe Enttäuschung erwiesen: Während Online-Zahlungen manchmal autorisiert werden, lässt mich die Number26-Kreditkarte in Nordamerika völlig im Stich, der telefonische Support empfiehlt eine nicht funktionierende Lösung des Problems, eine detaillierte Schilderung der frustrierenden Erfahrung wird per E-Mail mit einer unpassenden Floskel beantwortet (Bist du nicht gänzlich mit unserem Produkt zufrieden? Wir sind ein noch junges Unternehmen und würden uns sehr über dein Feedback freuen, um N26 in Zukunft noch besser zu gestalten.), und der Erwerb einer Banklizenz erzwingt eine manuelle Änderung der Kontodaten bei allen Zahlungspartnern. Immerhin bringt meine MasterCard keine Kassen zum Absturz, was offenbar nicht unüblich ist.

Nachdem sich auch die N26-API als wenig vertrauenswürdig erwiesen hat, kehre ich reumütig in die behäbige und kostspielige Obut traditioneller Finanzdienstleister zurück.

Amtshilfe

Anlässlich eines Terroranschlags in der Bundeshauptstadt fordert der bayerische Ministerpräsident nicht nur einen Kurswechsel in der Zuwanderungspolitik, sondern greift auch direkt in die laufenden Ermittlungen ein:

Mittlerweile äußerten die Ermittler Zweifel daran, dass der festgenommene Pakistaner tatsächlich der Fahrer des Lkw war. Seehofer kündigte an, das bayerische Landeskabinett werde darüber auf einer Sondersitzung beraten.

Ich kann mir vorstellen, dass die Berliner Landespolizei heilfroh ist, die Verantwortung für Ermittlungsergebnisse an die Regierung des Freistaates Bayern delegieren zu können.

Osterweiterung

Die deutsche Redakteurin der deutschen Ausgabe von Charlie Hebdo befleißigt sich einer deutschen Beschreibung des französischen Magazins:

Das war nie eine Zeitung, die dazu gedacht war, sie aufzuschlagen und sich auf die Schenkel zu klopfen. Nein, den Humor würde ich eher als schwarzen Humor bezeichnen. Nämlich so, dass einem das Lachen mitunter im Halse stecken bleibt.

Mit dieser geistreichen und originellen Satiredefinition sollte sie – falls die französisch geführte Osterweiterung scheitert – problemlos beim ostdeutschen Eulenspiegel (Unbestechlich, aber käuflich) einsteigen können.

Wertverlust

Ich hänge nicht an IP, aber wenn meine teuren Domains bei einer Umstellung auf Named Data Networking wertlos werden, erwäge ich eine Klage gegen die ICANN.

Unwiderstehlich 2

Der Passwortverwaltung LastPass ist es gelungen, ihre sensible Dienstleistung noch vertrauenerweckender zu gestalten, indem sie sich am Geschäftsmodell von Technologieunternehmen mit einwandfreiem Ruf orientiert.

αὐτόλόγος

Ältere weiße Männer sind nicht in jedem Fall digitalisierungsferne Rassisten, sondern manchmal auch liberale Blogger. Als solche nehmen sie das unhintergehbare Privileg aller älteren Menschen in Anspruch und lamentieren über die Vergänglichkeit (kommerzieller Plattformen) und die Ignoranz junger Leute (gegenüber den Vorzügen selbständigen Publizierens).

Weil sich aber Manufactum-Prosa – anders als handgefertigte Wurzelholzbriefbeschwerer – ziemlich schnell abnutzt, wird von den 56k-Veteranen mittlerweile sehr grundsätzlich mit Zucht, Ordnung, Anstand, Sitte und Religion Selbstbestimmung und Freiheit für uneingeschränkten Waffenbesitz individuell gehostete Blogs argumentiert.

Gemütlich

Die Programmdirektorin des Hessischen Rundfunks geht davon aus, dass die mangelnde Flexibilität des linearen Fernsehens als Wettbewerbsnachteil durch die erhöhte Belastung bei der Suche nach Streaming-Angeboten ausgeglichen wird, so wie ja auch das Blättern im gedruckten Telefonbuch viel gemütlicher ist als eine anstrengende Google-Suche.

Edeka Pay

Apple Pay hat in Deutschland nicht den Hauch einer Chance, falls der Einzelhandelskonzern Edeka sein technologisch und organisatorisch überlegenes Verfahren zur Zahlung per Edeka-App an andere Einzelhändler lizenzieren sollte.

Tea Party

Auch und gerade in einer sehr schwierigen Situation verliert die britische Regierung nicht ihren Sinn für Humor:

British jam, tea and biscuits will be at the heart of Britain's Brexit trade negotiations, the Government has said, as it unveiled plans to sell food to other countries to boost the economy.

Purgeable

Apples Wertschätzung für den datenschutzrechtlichen Grundsatz der Vertraulichkeit steht in einem interessanten Kontrast zum lockeren Umgang mit Integrität und Verfügbarkeit von Nutzerdaten. iTunes hat zum Beispiel einen Weg gefunden, einzelne Musikdateien aus meiner lokalen Bibliothek verschwinden zu lassen, unabhängig von den Untiefen von iCloud Music Library und iTunes Match. Aus Mangel an praktikablen Alternativen habe ich mich trotzdem auf die iCloud Photo Library in Verbindung mit der Option Download Originals to Mac eingelassen, auch wenn die Photos-Applikation auf dem Mac zuverlässig beim Schließen meiner lokalen Bibliothek einfriert.

Die Vorstellung aber, Apple mit der Kombination von iCloud Drive und Optimize Mac Storage die Kontrolle über meine gesamte Festplatte einzuräumen, lässt mich ein wenig frösteln. Wenn ich meine Daten für purgeable hielte, könnte ich schließlich auch Evernote nutzen.

Schrumpfkurs

Zu den Vorzügen großer, international operierender Konzerne gehört neben einer flexiblen Steuergestaltung auch die Möglichkeit, notfalls jahrelang auf eine bei Investorinnen beliebte generische Kriseninterventionsmethode setzen zu können, ohne dass man sich im Vorstand inhaltlich mit den Perspektiven der jeweiligen Branche auseinandersetzen müsste.