1.5 Die wirtschaftliche Entwicklung in der DDR
Wegen des Krieges und der Vertreibungen aus den ehemaligen Ostgebieten lebten im Oktober 1946 3,9 Millionen Menschen mehr auf dem Gebiet der SBZ als 1939. Arbeitskräfte waren also reichlich vorhanden, es fehlten Bodenschätze, Schwerindustrie und vor allem Transportmittel, denn die nun sowjetisch verwalteten Länder hatten nur im Verbund mit den anderen Reichsteilen vor dem Krieg ein Viertel aller Waren produziert. Hinzu kamen die hohen Reparationen: Unter anderem wurden 80% der Eisenindustrie und jeweils 35 der Papier- und Zementindustrie demontiert und in die Sowjetunion gebracht. Durch die Bodenreform wurden 35% der landwirtschaftlichen Nutzfläche, die größeren Grundbesitzern gehört hatte, enteignet und ab 1952 in landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) umgewandelt. Bis zum Frühjahr 1948 wurden auch 10.000 Unternehmen enteignet und in volkseigene Betriebe (VEB) überführt. Der Produktionsanteil der VEB von 59% im Jahr 1949 wurde durch weitere Enteignungen (wegen Steuervergehen) und durch die Übergabe von sowjetischen AG an die deutsche Verwaltung auf 76% 1950 und 81% 1959 gesteigert. Im Juli 1950 wurde die Anpassung an das sowjetische Wirtschaftssystem mit dem 1. Fünfjahresplan der SED verdeutlicht, die DDR trat auch dem osteuropäischen Wirtschaftsverbund unter Führung der UdSSR bei. Das Ziel des Plans war die Verdoppelung der Produktion im Vergleich zum Jahr 1936 und der Aufbau bisher nicht vorhandener Branchen. Alle Betriebe standen unter der Kontrolle der Fachministerien, sie selbst konnten nur technische Details der Produktion regeln und Vorschläge für die Plan(über)erfüllung einreichen, die dann durch Rahmenkollektivverträge mit dem zuständigen Ministerium abgesegnet wurden. Löhne und finanzielle Ausstattung der Betriebe wurden ohne Mitspracherecht der Beschäftigten ebenfalls staatlich festgelegt. Trotz dieser eindeutigen Maßnahmen wurde der Aufbau des Sozialismus erst 1952 nach dem Abschluß der Westverträge durch die Bundesrepublik proklamiert.
Die Ziele des 1. Fünfjahresplans – Steigerung der industriellen Produktion um 23%, der landwirtschaftlichen um 25% – waren utopisch. Ende 1952 betrug der Produktionsindex gegenüber dem Jahr 1936 (100 Punkte) erst 108 Punkte, in der Bundesrepublik dagegen schon 143 Punkte. Aber auch diese Steigerung stellte schon eine gewaltige Leistung dar, die die Bevölkerung ohne Hilfe von außen und trotz des Abflusses der Reparationsgüter bewältigt hatte. Die Konsumgüter blieben weiter rationiert, die Qualität der erhältlichen Waren war schlecht und die Preise hoch: 1955 kostete in den Läden der staatlichen Handelsorganisation (HO) 1 Kg Butter 24 Ostmark, 1 Kg Zucker 12 Ostmark. Dem stand ein durchschnittlicher Monatslohn von 345 Mark gegenüber. Zu den Ursachen des Rückstandes der DDR gegenüber der Bundesrepublik äußert sich Hermann Weber, der selbst in der SBZ aufgewachsen war, aber früh in den Westen übersiedelte. Seiner Ansicht nach kam zur schlechteren Ausgangslage des agrarisch geprägten Ostens eine falsche Planung. Die DDR-Führung versuchte trotz fehlender Rohstoffe, nach sowjetischem Vorbild eine Schwerindustrie aufzubauen und vernachlässigte dabei eingeführte Branchen wie Chemie, Feinmechanik und Optik. Statt eines eigenen Weges wollte man den wirtschaflichen Erfolg des Westens mit den politischen Vorgaben der UdSSR erreichen und übernahm dabei das unflexible und hierarchische sowjetische System, was eine Anpassung an die Rückständigkeit des Stalinismus darstellte und Innovationen verhinderte. Auch die 1,7 Millionen in den Westen geflüchteten Arbeitskräfte fehlten der Wirtschaft. 1958 wurde das unrealistische Ziel verkündet, die Bundesrepublik bei der Produktion bis 1961 zu überholen, obwohl der Westen zu diesem Zeitpunkt 30% mehr produzierte. Angesichts dauerhafter Erfolglosigkeit wurde der 2. Fünfjahresplan 1959 abgebrochen und durch einen Siebenjahresplan ersetzt. Nun wurden auch 500.000 kleinere Bauern zur Kollektivierung gezwungen, im Handwerk sank die Quote der privaten Betriebe von 93% auf 65%, der Handel war bereits zu 90% in staatlicher Hand. Im Juni 1959 gestand die Führung Versorgungsprobleme ein, schob die Verantwortung dafür aber auf die LPG. Diese Ignoranz verschärfte die Krise in Versorgung und Industrie, allein im März 1961 flohen 30.000 DDR-Bürger in den Westen. Statt seine Wirtschaftspolitik zu überdenken, sperrte das SED-Regime in dern Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 den Zugang nach West-Berlin und begann mit dem Mauerbau. Diese Maßnahme führte ab 1963 zusammen mit einer etwas flexibleren Wirtschaftspolitik zu einer Entspannung der wirtschaflichen Situation. Aber obwohl es mittlerweile genauso viele Fernseher gab wie im Westen waren die Lebenshaltungskosten weiterhin höher und die Löhne niedriger.