4.1.7 Die „Neinsager“ oder die Entstehung eines Kennworts

Neben diesen „dauerhaften“ Eigenschaften des „Intellektuellen“ gibt es auch ein Kennwort, das sich erst in einer bestimmten historischen Situation entwickelte. Von diesem hebt sich die korrespondierende Eigenschaft ab, die nicht erst zu einem bestimmten Zeitpunkt hervortrat: der verderbliche Hang des „Intellektuellen“ zur (zersetzenden) „Kritik“. Lange Zeit gab es kein zentrales Wort für diesen Charakterzug. Seine dominante Position dankte das Kennwort „Neinsager“ der politischen Krise 1938/39, in der die nationalsozialistische Führung auf Kritik besonders empfindlich reagierte. Tatsächlich konzentrierten sich Hitlers und Goebbels’ Anti-Intellektuellen-Reden auf diese Jahre und später auf die Jahre der Kriegsentscheidung in Rußland. Das Schimpfwort wurde deshalb durch ein Kennwort ergänzt, das die Sinnlosigkeit und Unmöglichkeit jeder Auseinandersetzung festschrieb: Die „intellektuellen Nörgler“ sagen „überhaupt und immer Nein, und zwar aus Grundsatz“, sind „ewige“, „berufsmäßige“, „gewerbsmäßige Neinsager“. Der Intellektuelle wurde damit als Typ definiert, dessen Wesen nichts anderes hergibt als Negation. Die Verbindung des „Intellektuellen“ mit „Neinsager“ wurde durch die obstinate Wiederholung gefestigt, womit sich jeder Zwang zur Detaildiskussion erübrigte. Vor der gezielten Überflutung Deutschlands mit dem Kennwort zwischen dem Herbst 1938 und dem Frühjahr 1939 findet es sich nur in einem einzigen Fall. Erst die Krise, in der das große Ja gefordert wurde, schuf ein Relief, das das Nein als radikales Gegenstück un den Vordergrund trieb.