4.1.8 Eine Skala: Von der „Intellektbestie“ zum „geistigen Deutschland“

Das Wort „Intellektueller“ steht natürlich in einem Feld ähnlicher Bezeichnungen. In den vorangehenden Kapiteln ließen sich die einschlägigen Wörter ohne Schwierigkeit trennen, und erst der rigorose Anti-Intellektualismus drängt „Intellektualist“, „Intelligenzler“, „Intellektueller“ und „Intelligenz“ in dieselbe (negative) Richtung. Andererseits fehlt innerhalb dieser negativen Sphäre nicht jede Differenzierung: Für die konservativen Revolutionäre stand „Intelligenz“ auf der positiven Seite, obwohl der Unterschied zum „Intellektuellen“ nicht so fundamental war, dass nicht von einer „jüdischen Intelligenz“ gesprochen wurde. Für die Vielfalt der Bezeichnungen negativer „Geistigkeit“ müsste sich eine gleitende Skala entwickeln lassen, die sich vom extrem negativen Pol bis zu einem positiven spannt. Das negative Extrem lautet „Intellektbestie“. Obwohl dieser Ausdruck mit Sicherheit ein agitatorischer Volltreffer war, wurde es relativ selten verwendet; denn es eignete sich eher für die Apostophierung einer Person, die man lächerlich machen wollte, als für den verbissenen Kampf gegen eine ganze Gruppe. Dagegen betont der Nachfolger auf der Skala, „Intellektuaille“, das Kollektive und macht eher verächtlich als lächerlich. Der dritte Punkt auf der Skala lautet „Intelligenzler“. Dieses ebenfalls eindeutig negativ konnotierte Wort mit ironisch-abschätziger Tendenz wird allerdings selten verwendet. Neben dem „Intelligenzler“ steht der „Intellektualist“, ohne jede ridikulisierende Tendenz. Das Wort „Intellektueller“ selbst markiert innerhalb der Skala eine Grenze. Es leitete zum einen die Begriffe ein, die sehr häufig gebraucht werden und konnte zum anderen – trotz seiner hinreichend ausgewiesenen negativen Prägung – auch annähernd neutrale Bedeutung erhalten. Solche Belege stehen im Zusammenhang mit dem Bemühen, den Nationalsozialismus nach der Machtübernahme als große Sammlungsbewegung erscheinen zu lassen und niemanden gleich vor den Kopf zu stoßen. Für die Nationalsozialisten blieb „Intellektueller“ gleichwohl ein negativ konnotiertes Wort, was für die „Konservative Revolution“ nur mit Einschränkungen gilt. Beim Organ der „seriösesten“ Rechtsgruppe finden sich deshalb auch einige positive, zumindest neutrale Verwendungen.

Das Wort „Intelligenz“ bedeutet einen weiteren Schritt zum positiven Pol, wobei es für die „Konservative Revolution“ schon eindeutig auf die positive Seite gehört. Für die Nationalsozialisten ist es das disponibelste, d.h. je nach Kontext zählt es hier- oder dorthin. Am negativen Pol wurde von der „sogenannten“ Intelligenz gesprochen, am positiven von der „nationalen“, „arteigenen“, „volkseigenen“, „völkischen“ oder „deutschen“. Der äußerste Punkt der positiven Skala wird jedoch auch mit „echter deutscher Intelligenz“ nicht erreicht. Dazu bedarf es Ersatzformeln wie „geistige Arbeiter“, „Männer des Geistes“, „Arbeiter des Geistes“. Am positiven Pol schließlich steht das „geistige Deutschland“. Als Gradmesser für den negativen Gehalt der einzelnen Bezeichnungen fungieren die Intensität der damit verbundenen Unwerturteile und die Sanktionen, mit denen die zu rechnen hatten, die auf dem Minusteil der Skala erschienen. Robert Havemann etwa wurde 1943 vom Volksgerichtshof als „dekadenter Intellektualist“ zum Tode verurteilt.