5.1 Marxistische Grundströmungen und Gruppenkämpfe
Was die Darstellung des marxistischen Intellektuellenbegriffs so kompliziert macht, ist neben den bereits genannten Faktoren die Zersplitterung der Linken. Anders als die Nationalsozialisten hatten die Kommunisten in Deutschland keine geradlinige Geschichte: Die Kämpfe zwischen den „rechten“ (reformistischen) und den „linken“ radikalen Kräften innerhalb des Marxismus begannen schon lange vor dem Ersten Weltkrieg. Parallel zum Dresdner Parteitag der SPD, auf dem das Wort „Intellektueller“ ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt wurde, fand in London der Parteitag der russischen Sozialdemokratie statt. Lenin versuchte dort durchzusetzen, dass nur aktive Unterstützer der Partei Mitglied werden könnten, nicht aber Sympathisanten. Er sah zwei große Lager: linke Revolutionäre als zielklare Vorhut der Arbeiterklasse und rechte Opportunisten. Die Auseinandersetzung, die mit einem Sieg Lenins und der Weichenstellung für eine zentralistisch geführte Kaderpartei endete, wurde u.a. mit der Invektive „Intellektuelle“ geführt, die Lenin gegen jene richtete, die sich dem Geist einer solchen Partei nicht völlig ausliefern wollten. Auch nach der Oktoberrevolution gaben Lenin und andere führende Köpfe in Moskau immer wieder Anstöße und Verstärkungen für eine Füllung des Begriffs „Intellektueller“.
Die Umwälzungen des Ersten Weltkriegs ließen in Deutschland statt der zwei großen Lager ein Dreiersystem von rechter SPD, „mittlerer“ KPD und linksmarxistischen Parteien entstehen. Der scheinbare Monolith der SPD zerbrach im Winter 1916/17 in eine die Regierung unterstützende SPD und eine oppositionelle USPD als linke Massenpartei. Nach dem Untergang des Kaiserreiches vereinigte sich letztere im Dezember 1920 mit der aus dem Spartakusbund entstandenen KPD. Wenige Monate nach dem Vereinigungsparteitag spaltete sich im April 1921 die „Kommunistische Arbeiter-Partei Deutschlands“ (KAPD) von der KPD ab. Neben dieser Gruppierung gab es zahlreiche andere Vereinigungen links von der KPD: die „Freie Arbeiter-Union Deutschlands (Syndikalisten)“ (FAUD [S]), die „Allgemeine Arbeiter-Union Deutschlands“ (AAUD), die „Union der Hand- und Kopfarbeiter Deutschlands (Räteorganisation) u.a. Sie lehnten im Gegensatz zur KPD die Teilnahme an Wahlen, die Mitgliedschaft in Gewerkschaften und die leninistische „Parteidisziplin“ ab. Fast jede dieser Gruppierungen zerfiel früher oder später wieder in unterschiedliche „Richtungen“, die die Linksmarxisten bald um ihre anfangs keineswegs schmale Massenbasis brachten. Die Splitterparteien lagen untereinander in Fehde, sie kämpften gegen den bürgerlichen Staat, gegen die SPD und besonders verbittert gegen die KPD. Schon 1920 griff Lenin in den Kampf ein und bezeichnete den Radikalismus der Ultralinken als „Kinderkrankheit“ im Kommunismus.
Die KPD selbst fuhr nach der gescheiterten „Revolution“ einen Rechtskurs, um eine breite „Einheitsfront“ zu Stande zu bringen, musste sich aber auf dem Leipziger Parteitag 1923 gegen linke Attacken zur Wehr setzen. Der anfängliche Erfolg und die Regierungsbeteiligung in Sachsen endeten im Desaster, als die KPD im Oktober 1923 den offenen Aufstand wagte. Auf dem folgenden Frankfurter Parteitag 1924 übernahmen deshalb die Linken Ruth Fischer und Arkadij Maslow die Parteiführung. Ihr scharfer Linkskurs führte zu Wahlniederlagen, politischer Isolierung und Mitgliederschwund. Weil Fischer/Maslow sich auf dem Parteitag 1925 noch im Sattel halten konnten, griff die um ihren Einfluss in Deutschland besorgte Komintern ein. Das Exekutivkomitee der Komintern (EKKI) schrieb einen „Offenen Brief“, der am 1. September 1925 in der „Roten Fahne“ veröffentlicht wurde, und forderte die KPD auf, mehr rechte Arbeiterelemente in die Parteiführung aufzunehmen. Das Ergebnis der breit angelegten Kampagne des Komintern-Vorsitzenden Sinowjew für einen „Neuen Kurs“ war 1925/26 der Sieg Ernst Thälmanns, ein Rechtsruck und der Ausschluss der linken Fraktionen. Auf dem 12. Parteitag 1929 in Berlin wurden dann auch die „Rechten“ und die „Versöhnler“ ausgeschaltet, und die KPD geriet ganz in die Hand der Komintern, d.h. Stalins.
Zentrales Kampfmittel der Auseinandersetzungen war die Verbalinjurie „Intellektueller“. Die Linksmarxisten wandten sie allgemein gegen die KPD, innerhalb der KPD wurde sie dagegen meist gegen die Ultralinken gerichtet. Die als „Intellektuelle“ beschimpften (rechten) KPD-Protagonisten mussten sich deshalb zur Wehr setzen, ohne sich selbst die Waffe im innerparteilichen Kampf aus der Hand zu schlagen. Ein weiteres Problem der Untersuchung ist, dass die Ultralinken in der KPD kaum für eine weitere Verbreitung des Wortes sorgten, wenn sie die Oberhand hatten. Es traten also „Lücken“ in der Wortverwendung ein, die sich erst schlossen, wenn das Wort als Kampfmittel in einer gewandelten Konstellation gleichsam wiederentdeckt wurde. Die Rechten plädierten zeitweise für einen Verwendungsstopp, um potentielle Unterstützer in der Bevölkerung nicht zu verprellen (s.u.). Die Suche nach einer Kontinuität innerhalb der Diskontinuität scheint deshalb wenig aussichtsreich. Dennoch lässt sich zeigen, dass trotz großer Lücken immer wieder dieselben negativen Wesensbestimmungen das Wort auffüllen und dass diese negativen Merkmale bis zum bitteren Ende der KPD 1933 nachweisbar bleiben. Danach wurde der „Intellektuelle“ als Hauptgegner der Nationalsozialisten automatisch zum Verbündeten der Marxisten. Das marxistische Wortverständnis endete deshalb mit einem fast ausschließlich wohlwollend-neutralen Intellektuellenbegriff. Wichtig für die Darstellung ist im Gegensatz zum Kapitel über den faschistischen Ausdruck „Intellektueller“ ist angesichts der Entwicklung im marxistischen Lager eine Mischung aus historischer und systematischer Darstellung notwendig.
Als Quellen wählt Bering zum einen besonders radikale Strömungen wie die KAPD und ihr Organ, die „Kommunistische Arbeiter-Zeitung“. Daneben spielt die an die AAU (E) angelehnte Zeitschrift „Die Aktion“ eine wichtige sprachsteuernde Rolle. Als extremste, wenn auch nicht wirkungsmächtige Zeitschrift wird „Die Epoche“, das „Kampforgan des Kommunistischen Rätebundes“ berücksichtigt. Für die KPD untersucht er das theoretische Parteiorgan „Die Internationale“ und das Massenblatt „Die Rote Fahne“ sowie die Tageszeitungen „Die Sozialistische Republik“ und „Der Westfälische Kämpfer“. Innerhalb der folgenden Ausführungen kommen zuerst die peripheren Linksmarxisten und dann die geschichtsmächtigen moskauorientierten Kommunisten zur Wort.