5.2 Der soziologisch-schichtenanalystische Begriff
Die Wirrnis, die sich bei der Untersuchung des marxistischen Wortverständnisses ergibt, lässt sich nicht allein mit dem Verweis auf die historischen Lücken erklären. Die Gesamtlösung basiert vielmehr auf der These, dass es im marxistischen Sprach- und Denkraum zwei unterschiedliche Wortfüllungen zu „Intellektueller“ gab; die eine rein soziologisch-klassenanalytischer Prägung, die andere ein bis in die Bedeutungsnuancen standardisiertes Schimpfwort.
Die marxistischen Parteien haben immer wieder die Wissenschaftlichkeit ihrer Auffassung vom gesellschaftlichen Prozess betont, und aus dieser politischen Basis ergab sich die Anforderung, ein in sich schlüssiges System der Gesellschaft auszuarbeiten, als wissenschaftliche Wahrheit auszugeben und ihre Anhänger darauf zu verpflichten. Genau umgekehrt wie beim Nationalsozialismus galt es also, präzise Definitionen für politische Ziele, gesellschaftliche Gruppen usw. auszuformulieren. Aus dieser Notwendigkeit entstand der sozialogisch-klassenanalytische Intellektuellenbegriff. Bei Marx wurde der Gruppe der „Intellektuellen“ oder der „Intelligenz“ (auch wenn dieses Wort nicht fällt) ein Platz zwischen den großen Klassen der Bourgeoisie und des Proletariats zugewiesen. Verwirrung entstand dadurch, dass es für den Bereich zwischen den Polen – das „Mittelfeld“ – keinen umfassenden Begriff gibt und dass das Wort „Klasse“ nicht einheitlich verwendet wird („rekrutiert sich das Proletariat aus allen Klassen“). Auch Karl Kautsky, der das marxistische Bewusstsein nachhaltig geprägt hat, nannte die Intelligenz eine „besondere Klasse“. Die eigentlich systemwidrige Bezeichnung hängt auch damit zusammen, dass die frühen marxistischen Lehrer noch das vorkapitalistische, durch Stände geprägte Gesellschaftssystem kannte und die Reduktion auf zwei alles überragende Blöcke sehr neu war. Aber die Unsicherheit im Wortgebrauch blieb auch, als das Neue im 20. Jahrhundert kommunistische Alltagsweisheit war und obwohl Lenin mit seiner zentralen Streitschrift zum Londoner Parteikongress 1903 Klarheit geschaffen hatte, indem er die „Intellektuellen als eine besondere Schicht der modernen kapitalistischen Gesellschaft“ bezeichnete. In den grundlegenden marxistischen Lehrbüchern der Weimarer Republik wurden die „Intellektuellen“ zwar zu den „Zwischenschichten“ gezählt, aber auch hier tauchten wieder Ausdrücke wie „Mittelklassen“ und „Übergangsklassen“ auf. Letzere Bezeichnung drückte die marxistische Überzeugung aus, dass die Mittelschichten sich nach und nach zersetzen und beiden Klassen zufallen. Trotz der terminologischen Unklarheiten findet sich durchgängig die Anschauung, dass die Intellektuellen ein „Zwischenstück“ zwischen den epoche-charakterisierenden Polen sind. Viel wichtiger als die theoretische Frage „Klasse oder Schicht?“ war allerdings die Frage, wer mit dem Ausdruck „Intellektuelle“ gemeint war.
Auch hier herrschte Unsicherheit: Das „Politische Grundwissen des jungen Kommunisten“ nannte den Intellektuellen einen Menschen, „der auf geistigem Gebiet arbeitet, dessen Beruf in wissenschaftlicher, künstlerischer oder schriftstellerischer Tätigkeit besteht“. Clara Zetkin setzte dagegen „Intellektuelle“ und „Intelligenz“ gleich, d.h. sie bezeichnete damit alle, die mit dem Kopf und nicht mit den Händen ihr Brot verdienen. Dazu zählten gewöhnlich „Privatangestellte und Privatbeamte, Angestellte und Beamte im Staatsdienst, im öffentlichen Dienst und freie Berustätige“. Der KP-Funktionär Paul Fröhlicher zählte dagegen 1925 in der SPD „30 000 Intellektuelle, d.h. Juristen, Ärzte, Gelehrte, Studenten, Schriftsteller, Künstler, Ingenieure usw.“. Hier wird also nur ein Teil der von Zetkin aufgeführten Personengruppe „Intellektuelle“ genannt, nämlich die „Freiberuflichen“. Dafür spricht auch, dass sich häufig Formulierungen finden wie „Beamte und Intellektuelle“ und „große Schichten des Mittelstandes, der Intellektuellen, der Kleingewerbetreibenden, Beamten, Kleinbauern und Arbeiter“. Im „ABC des Kommunismus“ dagegen wurden als Intellektuelle „Professoren, gut bezahlte Advokaten und Schriftsteller, Fabrik- und Werkdirektoren“ aufgeführt, an anderer Stelle auch „Techniker, Ingenieure, Offiziere usw.“. Fabrik- und Werkdirektoren sind nun keine Freiberufler, und sie sind nicht wissenschaftlich, künstlerisch oder schriftstellerisch tätig. Und Offiziere wird man nicht einmal als Kopfarbeiter bezeichnen. „Intellektueller“ erschien sogar parallel auf einer Stufe mit Oberbegriffen wie „Kleinbürger“, „Mittelschicht“ (etwa bei Kautsky) und „Mittelstand“. Umgekehrt wurde er auch gemeinsam mit seinen Unterbegriffen verwandt: „Künstler und Intellektuelle“, „jedem sympathisierenden Professor, Studenten, Intellektuellen“. Dem Wort „Intellektueller“ waren demnach die scharfen Grenzen völlig genommen, ohne präzise Referenz schwebte es gleichsam in einem durch die beiden großen Pole abgesteckten Raum und konnte sich deshalb nicht gegen eine Pejorisierung behaupten.
Das Problem der „Übergangsklassen“ führte zu einer ersten negativen Bedeutungsassoziation. Ursprünglich (bei Marx und Kautsky) war es eine ausgemachte Sache, dass die „Mittelstände“ (also auch die Intellektuellen) ins Proletariat fallen. Tatsächlich wurde diese Erwartung während der Weimarer Republik enttäuscht, so dass man Diagnosen für die „Stabilisierungsphase“ des Kapitalismus entwickelte, nach denen die Übergangsklassen „im Kampf zwischen den beiden großen Klassen hin und her“ schwanken. Diese spezifische Labilität wurde besonders häufig der Intelligenz zugesprochen, der unverlässlichen und wankelmütigen „Mittelschicht der Mittelschicht“. Obwohl weiterhin der Anschluss der Intellektuellen ans Proletariat erwartet und erhofft wurde, behauptete man andererseits, die Intellektuellen seien eine „zuverlässige Schutzgarde des Kapitals“ oder ein „Kommis der Bourgeoisie“. Die Widersprüchlichkeit dieser Thesen führte zur Unterscheidung zwischen dem subjektiven Bewusstsein und der objektiven Lage der Intellektuellen: Das eine binde ihn an die Bourgeoisie, das andere verbinde ihn mit den ausgebeuteten Schichten. Daraus ergab sich für die KPD die Forderung, der verblendeten Intelligenz die Augen zu öffnen, um nicht auf die automatische Zersetzung der Mittelschichten warten zu müssen. Die aus dieser Festlegung resultierende Taktik hieß Einheitsfront und wurde während der „Mittelstandskampagnen“ von 1923 und 1925 gegen den Widerstand der Ultralinken durchgesetzt.
Abschließend ist festzuhalten, dass sich das Wort „Intellektueller“ einer präzisen Definition entzieht. Gerade die spezifische Unfestigkeit macht es leicht, das Wort mit aggressiver Kraft und mit extremen Emotionen aufzuladen.