5.4.2 Führer (Bonzen)
1924 leitete Oskar Kanehl in der „Aktion“ einen Aufsatz über „Das Intellektuellen-Problem in der Arbeiterbewegung“ so ein: „Das Problem der Intellektuellen ist für die Arbeiterklasse gleichbedeutend mit dem Führerproblem“. Gerade bei den Linksmarxisten mit ihrer ausgeprägten Führer-Phobie stieß diese Gleichsetzung von „Intellektuellen“ und „Führern“ auf offene Ohren, zumal die AAUD in ihren Richtlinien 1921 die Intellektuellen definiert hatte als diejenigen, „die ihre überlegene Bildung dazu benutzen, das Proletariat zum Tummelplatz und Spielball ihrer eigenen Gedanken und Interessen zu machen“. Die beginnende Ineinssetzung setzte sich aber nicht vollends durch, weil die „Aktion“ besonnenere Intellektuellenartikel publizierte – um den übrigen Linksmarxisten zu beweisen, dass man das Führer- und damit das Intellektuellenproblem überwunden hatte. Allerdings warfen sich die linksmarxistischen Gruppen weiter gegenseitig Führertum durch „Intellektuelle“ vor.
Innerhalb der KPD wurde dieser Vorwurf im Herbst 1925 verwendet gegen die „kleine ultralinke Führergruppe“, die als Intellektuelle par excellence verschrieen wurde. Die Auseinandersetzung mit der linke Parteiführung nannte Sinowjew auch resümierend eine „Führerkrise“. Beschimpfungen von „Führern“ lassen sich aber auch zu anderen Zeiten finden: 1920 wetterte Sinowjew gegen den rechten Teil der USPD, man müsse „diese ehrwürdigen ‚Führer“ der Intelligenz in Halle gesehen haben“, „diese verräterischen Führer“. „Intellektueller“ war zweifellos mit „Führer“ als Kennwort gekoppelt, auch wenn die KPD als Kaderpartei zum „Führer“ natürlich ein differenziertes Verhältnis hatte.