5.4.6 theoretisch – instinktlos
Wie für die Nationalsozialisten war der Intellektuelle auch für die Marxisten ein „theoretisch-instinktloser“ Typ. Gerade bei einer sich wissenschaftlich verstehenden Ideologie wie dem Marxismus ist der Vorwurf der Instinktlosigkeit oder eine Abneigung gegen Theorien zunächst unverständlich. Aber gerade hier lassen sich Parallelität und Unterschiede zu den nationalsozialistischen Konnotationen gut herausarbeiten. Trotzkis spezifisches Intellektuellentum wurde 1925 so angeprangert: „Weil Trotzkis Theorie abstrakt, wirklichkeitsfremd ist, fehlt bei ihm auch die Einheit von Theorie und Praxis.“ Man unterstellte den Intellektuellen Realitätsblindheit: Der plausible Zwiespalt zwischen Theorie und Durchführung wurde zum Zwiespalt zwischen Theorie und Realität. Nachdem diese Unterstellung etabliert war, musste man „Theorien“ und „theoretisch“ nur in Anführungszeichen setzen, um das Ziel, die „Intellektuellen“, zu markieren. Im Unterschied zu den Nationalsozialisten wandte man sich nämlich nicht gegen Theorie überhaupt, sondern nur gegen die falsche, wobei „richtig“ und „falsch“ oft eine Frage der politischen Machtkonstellation war. Für das „wertlose Theoretisieren“ der Intellektuellen hatte man einen eingespielten Ausdruck: „spintisieren“.
Da nun aber der Marxismus selbst auf einer Theorie beruhte, musste man die Theorieschwäche der Arbeiter auf irgendeine Weise ins Positive wenden. So hielt der Parteivorsitzende Brandler 1923 den Linken entgegen, der Arbeiter habe „bis zu einem gewissen Grade das Gefühl in den Fingerspitzen“, was möglich sei. Die Hilfskonstruktion, mit der der Widerspruch zwischen einer „wissenschaftlichen“ Ideologie und einer wissenschaftlich ungebildeten Arbeiterschaft ausglich, hieß „Klasseninstinkt“, häufig als „gesunder Instinkt“ bezeichnet. Das ist identisch mit der zentralen faschistischen Formel. Auch vom Linksmarxismus liefen Verbindungslinien zum Irrationalismus, auf den auch der Nationalsozialismus baute, und teilweise war es nur ein Schritt bis zu einem starren Anti-Intellektualismus: „Alles natürliche Geschehen in der Menschheitsentwicklung ist instinktiv, niemals intellektuell“ schrieb die die „Aktion“ 1919. Um ein völliges Abrutschen in den Irrationalismus zu vermeiden, wählte die „Kommunistische Arbeiter-Zeitung“ Formulierungen wie „der politische Instinkt der bewußtesten Gruppen der Arbeiterklasse“ – man wollte für sich „Bewusstsein“ reklamieren und setzte gleichzeitig auf „Instinkte“. Die Linken verknüpften den Vorwurf der Instinktlosigkeit häufig mit dem Kampf gegen die abgehobenen „Führer“. Die KPD, die anders als die Linksmarxisten offen einen Führungsanspruch als „zielklare Vorhut“ für sich reklamierte, stellte ebenfalls den „guten proletarischen Instinkt“ und die „gute Nase“ der Arbeiter gebührend heraus. Indem die Parteispitzen diesen Instinkt für sich selbst behaupteten, legitimierten sie ihren Führungsanspruch.