5.4.9 Unglaube – Verneinen

Wie schon beim Vorwurf des „Theoretisierens“ und der „Instinktlosigkeit“ scheint „Unglauben“ auf den ersten Blick kein passender Vorwurf in einer sich wissenschaftlich gebenden Ideologie zu sein. Das Wort wurde dementsprechend auch nicht direkt an „Intellektueller“ gekoppelt, um den offensichtlichen Widerspruch von pretendierter „Wiessenschaftlichkeit“ und faktischen Hilfskonstruktionen wie „Instinkten“ und „Glauben“ nicht noch zu betonen. Dennoch wurde immer wieder vom „kleinbürgerlichen Unglauben“ oder dem „Unglauben an die Revolution“ gesprochen. Da aber eine direkte Verbindung zu „Intellektueller“ nicht nachzuweisen ist, kommen wir zum nächsten Merkmal, das wieder einmal an die nationalsozialistische Sprache erinnert: der Intellektuelle als „Neinsager“. Wie im Faschismus, trat dieser Vorwurf besonders in den Entscheidungssituationen auf, in denen der Marxismus auf das Ja möglichst vieler angewiesen war: 1926 hielt man den Ultralinken in der KPD vor, das „ewige Nein- und nochmals Neinrufen“ habe „noch niemanden zu einem Revolutionär gemacht“.

4.4.10 Bündelungen: fremd / wildgewordener Kleinbürger

Zu allen bisher abgehandelten Merkmalen bildet der Arbeiter – in positiver Umkehrung – das Gegenstück. Es gibt nun besondere „Kennwörter“, die gleichsam Summe ziehen. Das eine macht eine charakterisierende Aussage über die Art, wie sich die beiden Antipoden gegenüberstehen: „fremd“. Das zweite zieht die Eigenschaften des Intellektuellen in einem Wortgefüge zusammen, so dass ein charakterisierendes Synonym entsteht: „wildgewordener Kleinbürger“. Der wichtigste Grund für die Klassenfremdheit war der vollkommen andere Bildungshorizont, und sämtliche anderen Punkte leisteten dazu ihren Beitrag. Wenn man nun die Kenn- und charakterisierenden Wörter massiv einsetzte, musste das Wort „Intellektueller“ nicht mehr auftauchen. Damit konnte es in unmittelbarer Nachbarschaft wieder als sozioanalytischer Begriff eingesetzt werden (vgl. „Rote Fahne“ im September 1926). Es liegt also ein Spezialfall jenes Typs vor, der zum Ziel hat, das Wort „Intellektueller“ zu retten, ohne auf die Schimpfe „Intellektueller“ zu verzichten.

Der Ausdruck „wildgewordener Kleinbürger“ hat eine andere Funktion als „fremd“. Er schafft ein Synonym, das die negativen Eigenschaften des Intellektuellen noch enthält, und das in den Mittelstandskampagnen wertvolle Dienste leistete. „Ultralinke“, ebenfalls quasi als Synonym gebraucht, ist dagegen in seiner Verwendungsmöglichkeit zu eingeschränkt. „Kleinbürgerlich“ hatte in dr marxistischen Terminologie einen eigenständigen Schimpfwortcharakter hatte, so dass die häufige Verbindung „kleinbürgerliche Intellektuelle“ als Doppelung des Schimpfs empfunden wurde. Nachdem die Verknüpfung etabliert war, genügte meist auch das bloße „Kleinbürger“ oder „Spießbürger“, um den Intellektuellen zu treffen. Jedenfalls hatte man mit dem „(wildgewordenen) Kleinbürger“ ein günstiges Ausweichwort. Auch im Entscheidungsjahr 1933 bezeichnete die „Rote Fahne“ die Nationalsozialisten als einen „Haufen wildgewordener Spießbürger“. Es sei daran erinnert, dass nach marxistischer Theorie der Faschismus vor allem den Intellektuellen zu danken war.