5.5 Ideologische Polysemie?

Ideologische Polysemie im Vollsinne liegt erst dann vor, wenn verschiedene ideologische Blöcke nicht nur verschiedener Wertungen der einen Person haben, sondern mittels des einen Wortes sich auch auf verschiedene Personen beziehen. Nach dem Kapitel über die linken Kräfte ist klar, dass dieser Fall vorliegt: Die Marxisten schrieben dem Intellektuellen nicht nur andere Merkmale zu als die Nationalsozialisten, sondern dachten diese negative Kennzeichnung nur noch den Nichtmarxisten und scheinmarxistischen „Führern“ zu. „Die Epoche“ schrieb, der Titel passe „bekanntlich nur für proletarische Klassenbetrüger, die in der politischen Gewandung sozialreformistischer Berufsführer bewußt das Proletariat zur Sicherung ihrer Existenz benutzen“ – und nicht etwa für gebildete kommunistische Führer wie Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.

Mit dem negativen Intellektuellenbegriff verknüpft war andererseits auch die Forderung nach Umerziehung, nach Auslöschung jener Eigenschaften, die gerade das eigentlich Wesen der Intellektuellen ausmachen: Der Intellektuelle „muß auf seine Individualität, auf seinen Bildungsdünkel verzichten, er muß eine Unmenge falscher Theorien, falscher Vorstellungen aufgeben“. Aus diesem Ansatz ergaben sich zwei deutlich unterschiedene Typen: Intellektuelle mit und Intellektuelle ohne Intellektuellentum. Es lassen sich energische Anstrengungen und deutliche Erfolge bei dem Bemühen feststellen, „Intellektueller“ für den ersten, suspekten Typ zu reservieren. Auf dem 10. Parteitag, den zahlreiche studierte und akademisch geehrte Delegierte besuchten, fand sich dementsprechend nur ein einziger „Intellektueller“ – jeder hielt sich an die von der Partei intendierte (negative) Begriffsauslegung. Natürlich gab es dadurch, dass man für die beiden Typen nur ein Wort hatte, Verwirrung, und häufig wurde in Streitigkeiten zwischen den Wortfüllungen gewechselt.

Neben den beiden Wortfüllungen der politischen Kampfsprache gab es das klassenanalytische Begriffssystem, dessen Intellektuellenbegriff ein sozioanalytischer war. Die meisten neutralen (nie energisch positiven) Verwendungen von „Intellektueller“ gehörten diesem System an. Allerdings war die Terminologie innerhalb dieses Systems so unfest, dass gleitende Übergänge zwischen „Terminus“ und „Schimpfwort“ möglich waren. Genau genommen wurde das „Schimpfwort“ überhaupt erst durch die unklare Terminologie möglich (vgl. Abschnitt 4.2). Am besten zeigt die Unfestigkeit des Begriffs folgender Kommentar aus dem „Vorwärts“ vom 22. September 1925: „Ein Bonze, ein Intellektueller, ist für das Ekki immer der, der anderer Meinung als die Moskauer ist.“