6.1.3 Ernst Robert Curtius und die „freischwebende Intelligenz
Die bereits erwähnte Schrift „Deutscher Geist in Gefahr“ von Ernst Robert Curtius nannte ein präzises Ziel und auch dessen Verfechter deutlich beim Namen: volles Leben müsse zurückgewinnen „der Geist und sein Träger, der Intellektuelle“. Curtius beschwört vor allem die Universalität des „Geistes“ und geht vor allem gegen die Propagandisten des Irrationalismus vor. Allerdings greift er beispielsweise den Anti-Intellektualismus der „Tat“ ausgerechnet mit dem Wort „Intellektualismus“ an und tadelt ihren Denk- und Schreibstil als typische Ausgeburt „einer durch fortgesetzte Analyse virtuos gewordenen Intellektualität“. Offenbar hiel man auch der Vertreter kulturbürgerlichen Geistes nichts von „Intellektualismus“. Gerade wegen seiner Benutzung als Schimpfwort wäre aber eine durchgängig positive Verwendung von „Intellektueller“ notwendig, um es als Hochwert-Wort zu etablieren: Will man die Gefahr für den deutschen Geist verringern, so darf man seinen Sachwalter nicht ins terminologische Zwielicht geraten lassen. Stattdessen wirft Curtius speziell den deutschen nationalistischen Intellektuellen vor, sich an der „Selbstvernichtung“ des Geistes zu beteiligen. Der radikale Feind und der „Träger des Geistes“ – beide tragen denselben Namen. Während bei Döblin die präzise definitorische Grundlage fehlt, bietet Curtius nicht einmal Ansätze zur Auflösung dieses terminologischen Dilemmas.
Es fällt auf, dass die Bestimmung als „Träger des Geistes“ die einzige positive Verwendung von „Intellektueller“ bei Curtius ist, und dass sie aus einer Auseinandersetzung mit Karl Mannheims „Ideologie und Utopie“ stammt. Mannheim stellt alles politische Erkennen unter Ideologieverdacht und hält den „Intellektuellen“ für den einzigen, der auf Grund seiner Bildung und seiner relativ großen Distanz zu den eigentlichen Klassen die Partikularität der Ideologien durchschauen kann. Er müsse dazu „freischwebend“ sein, was die gelockerte Bindung an Stände, Klasse, Institutionen und die Vogelperspektive auf alle partikularen Ideologien ausdrückt. Curtius sah in dieser Metapher eine Negierung des „universalen Geistes“. Sein Gegenzug lautete: „Das Freischweben ist ein transitorischer Zustand. [...] Wenn der Geist und sein Träger, der Intellektuelle, [...] volles, bestimmtes Leben zurückgewinnen will, wird er irgendwo festwachsen müssen.“ Der Intellektuelle als „Träger des Geistes“ ist hier der Vertreter der „ewigen Wahrheiten“ – entgegen jener These von der ideologischen Gebundenheit aller Erkenntnis. Wäre man auf begriffsgeschichtliche Analyse und nicht in erster Linie auf Sprachverwendung mit besonderer Blickrichtung „Konnotationen“ aus, so ließe sich jetzt zeigen, dass Mannheim und Curtius letztlich gar nicht so weit auseinanderliegen; beide ordnen den „Intellektuellen“ der „universellen Sphäre“ zu – nur dass diese das eine Mal eher metaphysisch und das andere Mal rein innerweltlich gesehen wird. Unter dem Aspekt der Sprachverwendung dagegen stellt sich Curtius durch die Gleichsetzung des „freien Schwebens“ mit „Entwurzelung“ in die Nähe der faschistischen Kennwörter. Der Bonner Romanist befand sich auch im Gegensatz zu Alfred Döblin, dessen Programm zur Einebnung der elitären Bildung er als „Bildungsabbau“ geißelte. Er selbst hielt daran fest: „Je mehr die Nation Masse wird, um so nötiger sind ihr Eliten“. Diese elitären Anschauungen mussten – selbst wenn Curtius den „Intellektuellen“ durchgehend positiv konnotiert hätte – eine Verbindung mit dem Sprachbewusstsein und Wortverständnis einer breiten Schicht verhindern.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass alle Versuche, in der demokratischen Mitte zu stabilen Gegenterminologien zu kommen, scheitern. Sie sind in sich widersprüchlich und ohne Duchschlagskraft, die verschiedenen Ansätze heben sich gegenseitig auf. Speziell Karl Mannheims positiv gemeintes Kennwort „freischwebend“ wurde in der politischen Kampfdebatte – noch schärfer als bei Curtius – rasch durch Ironisierung ins Gegenteil verkehrt. Das System Mannheims war zwar stimmig, aber in seiner Terminologie nicht verteidigungsfähig. Den übrigen genannten Autoren war gemeinsam, dass sie keinen durchgehend positiven Intellektuellenbegriff hatten, außerdem war Döblin zu unklar, Curtius zu elitär und Keyserling zu abgehoben. Bestätigt sich dieses Bild, wenn man die Masse der schon vorgestellten Quellen hinzunimmt?