6.2 Der „Intellektuelle“ als Negativ-Figur

Die früh gestorbenen Verteidiger der Republik, Max Weber und Ernst Troeltsch, fanden keine Zeit mehr zur Revision ihrer negativen Bestimmungen. Weber hatte im November 1918 gegen „Tagediebe und Kaffeehausintellektuellen“ geschrieben und den Intellektuellen später „eine ins Leere verlaufende ‚Romantik des intellektuell Interessanten’ ohne alles sachliche Verantwortungsgefühl“ vorgeworfen. Troeltsch kritisierte „das Mitläufertum der Intellektuellen und der literarischen Bohème mit den Radikalen“. Die Tendenz zum Schimpfwort gab es also auch hier. Wie verhielt sich nun Thomas Mann, der mit seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ eine zentrale Figur für die Geschichte des Schimpfworts war? Er hat trotz seiner deutlichen Wendung zur Demokratie von jeder Rehabilitierung Abstand genommen. Seine Verteidigung gegen den Vorwurf des Verrats, er bleibe bei seiner Gesinnung „deutscher Menschlichkeit“, verhinderte auch eine Revokation seiner früheren Thesen. Allerdings nahm er die Beschimpfung der „Intellektuellen“ als „Zivilisationsliteraten“ nicht nur nicht zurück, sondern brachte noch mehrfach Reservationen gegen den „Intellekt“ zum Ausdruck. So etwa in einem Brief an Graf Hermann Keyserling, dem er zur Gründung der „Schule der Weisheit“ gratulierte: „die unaufhaltsame Anarchisierung und Barbarisierung der Menschenwelt durch den revolutionären Intellekt“. Es genügte nicht, dass er die faschistischen Formeln vom „seelenlos-intellektuellen Westen“ lächerlich machte, da sein eigenes terminologisches Fundament nicht gesichert war. Auch Friedrich Meinecke verwendete das Wort selten und nur negativ, beim liberalen Willy Helpach, sogar bei Alfred Döblin und in der „Neuen Rundschau“, überall in der sogenannten bügerlich-humanistischen Mitte finden sich immer wieder negative Verwendungen.