Die europäische Revolution 1848 – 1851

Mit dem Revolutionsjahr 1848, in dem alle großen europäischen Staaten (mit Ausnahme Russlands und Englands) von einer tiefgreifenden Umwälzung ergriffen wurden, begann das Zeitalter der Nationalstaaten. Obwohl die brüchige Ordnung Kongresseuropas schwer erschüttert wurde, brach kein Krieg zwischen den Großmächten aus. Zum einen entfachte das revolutionierte Frankreich keinen „Kreuzzug“ revolutionärer Prinzipien, sondern wurde durch eine innenpolitische konservative Wende rasch befriedet. Zum anderen nutzten die nicht betroffenen Flügelmächte das entstandene Machtvakuum nicht zur militärischen Durchsetzung ihrer machtpolitischen Interessen, sondern arbeiteten der Gefahr eines Nationenkrieges entgegen. Gemeinsam verhinderten sie insbesondere ein Ausgreifen der Revolution über die Grenzen des Deutschen Bundes und drängten die beiden deutschen Großmächte in der Phase des Ringens um die staatliche Neugestaltung Deutschlands in die europäisch sanktionierte Bundesverfassung von 1815 zurück. In einem Vorspiel zur großen europäischen Revolutionswelle brach 1847 der Schweizer Sonderbundskrieg zwischen liberalen und konservativ-katholischen Schweizer Kantonen aus. Die englische Billigung des Vorgangs und der rasche Sieg der liberalen Mehrheitskantone verhinderte ein Eingreifen der konservativen Großmächte, die einen politischen Dammbruch fürchteten. 1848 wurde eine neue Bundesverfassung nach amerikanischem Vorbild verabschiedet.

Den eigentlichen Auftakt des Revolutionsjahres bildete die Februarrevolution in Frankreich (22. – 24. Feb 1848). Wirtschaftskrisen in den Jahren 1846/47 hatten zu Forderungen nach Änderungen des politischen Systems geführt, die von Außenminister Pierre Guizot unterdrückt wurden (Verbot von Reformbanketten). Daraufhin brachen in Paris Unruhen aus. Studenten, Arbeiter und Nationalgarde erzwangen die Abdankung Louis Philippes und riefen die Republik aus. Die folgenden Wahlen im April brachten allerdings eine bürgerliche Mehrheit. Nach weiteren Unruhen wurde im November die Verfassung der Zweiten Republik verabschiedet, im Dezember wurde mit Louis Napoleon (ab Dezember 1852 Napoleon III.) ein Neffe Napoleons I. zum Prinz-Präsidenten gewählt.

In Italien begann im März 1848 der „Guerra Santa“ des Königs Karl Albert von Piemont-Sardinien gegen Österreich. Das Ziel einer nationalen Einigung Italiens wurde nicht erreicht, der österreichische Feldmarschall Radetzky besiegte das italienische Heer am 25. Juli 1848 bei Custozza. Ein Pakt mit Frankreich war nach der konservativen Wende in Paris nicht mehr möglich, auch England setzte der gegenrevolutionären Politik Österreichs keinen Widerstand entgegen. Im März 1849 wurde Karl Alberts Armee endgültig besiegt, nach dem Frieden von Mailand (August 1849) behielt Österreich Lombardo-Venetien und die Hegemonie über Italien. Größere Probleme hatte die Donaumonarchie seit September 1848 in Ungarn: Nach der Ermordung des königlichen Kommissars verfügte Kaiser Franz Joseph I. die Auflösung des ungarischen Reichstages und okroyierte eine Verfassung. Daraufhin erklärte der Reichstag die Habsburger für abgesetzt, die österreichische Armee wurde zurückgedrängt (April 1849). Erst durch die Waffenhilfe des Zaren Nikolaus I. wendete sich das Blatt: In einer Zangenbewegung wurde das ungarische Heer eingekreist und musste am 13. August 1849 bei Vilàgos kapitulieren.

Auf die Staaten des Deutschen Bundes griff die Revolution im März 1848 über (Märzrevolution). Ein erster Aufstand in Wien (13. März) führte zum Sturz Metternichs, er musste nach England fliehen. Die vom kaiserlichen Hof versprochene Verfassung wurde allgemein abgelehnt. Der preussische König machte unter dem Eindruck der Revolution liberale Zugeständnisse, nach Barrikadenkämpfen in Berlin (18. März) berief er einen liberalen Minister (Camphausen), versprach eine Nationalversammlung und ein „Aufgehen“ Preussens in Deutschland. Auf Initiative süddeutscher Landtagsabgeordneter wurde ab dem 31. März in Frankfurt die Einberufung einer Nationalversammlung vorbereitet (Vorparlament, bis 4. April). Der Frankfurter Bundestag stimmte zu und stellte seine Arbeit zugunsten der Nationalversammlung ein, die am 18. Mai 1848 in der Frankfurter Paulskirche eröffnet wurde. Das Parlament erklärte sich selbst zur „provisorischen Zentralgewalt“ und ernannte den volkstümlichen Erzherzog Johann ohne Abstimmung mit den Fürsten zum „Reichsverweser“.

Noch vor der Beratung einer Verfassung wurde die Versammlung mit dem Problem des Schleswig-Holstein-Konflikts (März – August 1848) konfrontiert. Die dänische Bevölkerungsgruppe in Nordschleswig betrieb seit März 1848 den Anschluss Schleswigs (das nicht wie Holstein Mitglied des Deutschen Bundes war) an Dänemark, daraufhin hatte Preussen Dänemark im Mai mit Billigung des Frankfurter Bundestages im Namen des Bundes den Krieg erklärt. Auf Druck Russlands, Englands und Frankreichs, die um das europäische Gleichgewicht besorgt waren, musste sich die siegreiche preussische Armee allerdings schon am 25. Mai 1848 hinter die Sprachgrenze zurückziehen. Am 9. Juni 1848 debattierte die Paulskirche über die Herzogtümer, sprach Preussen die Kompetenz zur militärischen und politischen Alleinentscheidung ab und erklärte sich selbst zur letzten Instanz in dieser Frage. Der Nachdruck, mit dem die nationale Bewegung in Frankfurt Schleswig-Holstein zur Sache der deutschen Nation machte, führte zur zunehmenden Distanzierung Englands (Außenminister Palmerston) von der deutschen Nationalversammlung. Außerdem drohte bei einem längeren Konflikt eine Intervention Russlands. Der scharfe russische Druck auf Preussen brachte Berlin dazu, am 26. August 1848 den von England vermittelten Waffenstillstand von Malmö ohne vorherige Abstimmung mit der Zentralgewalt in Frankfurt zu unterzeichnen. Eine endgültige Regelung wurde erst 1852 im Londoner Protokoll von den europäischen Mächten vereinbart: Der dänische König sollte in dreifacher Personalunion über Dänemark, Schleswig und Holstein herrschen, musste aber versprechen, Schleswig nicht in den dänischen Staat zu inkorporieren. Eine verfassungsmäßige Union mit Dänemark sollte nicht ohne vorherige Konsultation der Stände der Herzogtümer möglich sein. Der Abschluss eines bilateralen Vertrages zwischen Dänemark und Preussen 1848 in dieser „nationalen Frage“ machte die ohnmächtige Lage der Nationalversammlung deutlich: Das Deutschland, welches den Parlamentariern vorschwebte, wurde von den europäischen Mächten ignoriert, da die Idee des Reichs schon für sich genommen den Frieden in Europa bedrohte. Die „provisorische Zentralgewalt“ besaß nicht die Macht, um ihren Beschlüssen in Deutschland, geschweige denn in Europa Geltung zu verschaffen. Die Entscheidung der Versammlung, den Waffenstillstand nicht anzuerkennen (5. September), die kurz darauf revidiert wurde (15./16. September) machte das Ausmaß der Hilflosigkeit klar. Als Folge brach in Frankfurt der radikale Septemberaufstand aus, der die gemäßigten Liberalen abschreckte und die Abwehrkräfte der Reaktion mobilisierte.

Von Oktober 1848 bis März 1849 wurde die Verfassung des geplanten Deutschen Reiches beraten. Während das konstitutionelle Problem zugunsten einer Gewaltenteilung zwischen Reichstag und Erbkaisertum entschieden werden konnte, spaltete das nationale Problem die Versammlung: Die Vertreter der „großdeutschen“ Richtung votierten für einen Bundesstaat mit Gesamtösterreich unter der Habsburger Dynastie bzw. für eine Republik nur mit den deutschen Gebieten Österreichs. Die „Kleindeutschen“ dagegen propagierten einen Nationalstaat unter preussischer Führung ohne Österreich. Am 27. Oktober 1848 entschied sich die Nationalversammlung für die großdeutsche Lösung unter Einbeziehung nur Deutsch-Österreichs. Dies hätte eine Teilung der Habsburger Monarchie bedeutet und stieß natürlich auf kategorische Ablehnung des neuen österreichischen Ministerpräsidenten Felix Fürst zu Schwarzenberg. Der Parlamentspräsident Heinrich von Gagern entwickelte daraufhin einen Plan des „engeren und weiteren Bundes“ (Gagern-Plan, 18. Dezember 1848), wonach ein kleindeutsches Reich unter preussischer Führung entstehen sollte, welches durch anschließende vertragliche Regelung mit Österreich-Ungarn zu verknüpfen sei. Die Nationalversammlung würde sich demnach auf die Gestaltung des „engeren“ Deutschland beschränken. Dieser Plan hätte eine Herauslösung Österreichs aus seinen deutschen Bindungen bedeutet. Auch diese Lösung lehnte Schwarzenberg ab und forderte am 9. März 1849 die Aufnahme ganz Österreichs (Schwarzenberg-Plan), nachdem er am 4. März eine Verfassung oktroyiert hatte, die die staatsrechtliche Einheit der Gesamtmonarchie festschrieb. Daraufhin konnte sich im Parlament die kleindeutsche Richtung knapp durchsetzen, am 28. März 1849 wurde der preussische König Friedrich Wilhelm IV. zum deutschen Erbkaiser gewählt.

Bereits Ende 1848 begann die Gegenrevolution, die durch die Angst des liberalen Bürgertums vor revolutionärem Radikalismus, die Obrigkeitstreue des Heeres und des Beamtentums und das Eingreifen des Auslands in Ungarn und Schleswig-Holstein unterstützt wurde: Kaisertreue Truppen erstürmten im Oktober Wien, im Dezember wurde in Preussen eine Verfassung oktroyiert, die den liberalen Entwurf im konservativen Sinn veränderte, und im Sommer 1849 wurde der ungarische Aufstand mit russischer Hilfe niedergeschlagen. Unter dem Eindruck der neugewonnenen Handlungsfreiheit lehnte der preussische König die Kaiserkrone am 28. April 1849 als „mit dem Ludergeruch der Revolution behaftet“ ab, obwohl die in Frankfurt verabschiedete Reichsverfassung bereits durch 29 deutsche Staaten anerkannt worden war. Allerdings hatte er auch keine andere Möglichkeit: Eine Annahme der Krone hätte unmittelbar zur Intervention der europäischen Mächte geführt, da die Vorstellungen der Paulskirche die Souveränität aller Staaten im Deutschen Bund bedrohten und damit den Kern der bisherigen Ordnung in Mitteleuropa angriffen. Preussische Truppen beendeten im Mai 1849 in Sachsen, Baden und in der Pfalz die Aufstände, mit denen die Reichsverfassung verteidigt werden sollte. Die Frankfurter Nationalversammlung wurde aufgelöst und nach Stuttgart verlegt, wo sie im Juni vom Militär gesprengt wurde. Sie war vor allem an der Überschätzung ihrer Möglichkeiten gescheitert und daran, dass ihre Pläne zur Staatsgründung die Souveränität aller Staaten im Deutschen Bund und damit die fragile Ordnung in Mitteleuropa bedrohten.

Obwohl die Gegenrevolution auf der ganzen Linie gesiegt hatte, ließ sich der nationale Impetus der Revolution nicht ungeschehen machen. Die beiden deutschen Großmächte versuchten deshalb, ihn für ihre eigenen Konzeptionen zu nutzen. Der bereits erwähnte Schwarzenberg-Plan vom März 1849 sah einen erweiterten „deutschen“ Bund vor, in dem die Rechte der Donaumonarchie als Präsidialmacht erweitert worden wären und mehr Fragen als bisher mit einfacher Mehrheit entschieden werden könnten. In einem solchen 70-Millionen-Reich hätte Österreich schon aufgrund seiner Bevölkerungszahl die Führung beanspruchen können. Darüber hinaus wären die zentrifugalen Kräfte der Habsburger Monarchie und ihre Verwundbarkeit durch auswärtige Mächte durch die Einbindung in Deutschland abgeschwächt worden. Die parallele Initiative zur Schaffung einer mitteleuropäischen Zollunion zeigte, wie dringend Österreich das Kräftepotential Deutschlands brauchte, um sich als europäische Großmacht behaupten zu können. Im Januar 1850 hatte der österreichische Handelsminister Bruck im Anschluss an den Schwarzenberg-Plan vorgeschlagen, einen durch hohe Schutzzölle abgeschirmten gemeinsamen Markt zu errichten. Da Österreich aber außerstande war, seinen potentiellen Partnern finanzielle Vorteile zu bieten, scheiterte die Initiative am Widerstand Preussens, das an niedrigen Zöllen und freiem Warenverkehr interessiert war.

In Preussen griff der im April 1849 eingesetzte außenpolitische Berater des Königs, Joseph Maria von Radowitz, den Gagern-Plan wieder auf. Der Radowitz-Plan sah eine „Preussische Union“ als engeren Bund vor, die sich mit Österreich durch gleichberechtigte Verträge verbinden sollte. Allerdings standen diesem Projekt vor allem die süddeutschen Mittelstaaten ablehnend gegenüber. Auch das schließlich zustande gekommene „Dreikönigsbündnis“ Preussens mit Hannover und Sachsen vom 26. Mai 1849 zerbrach nach wenigen Monaten, weil Radowitz rigoros die Führung beanspruchte, statt Kooperation zu bieten. England befürwortete zwar einen politisch und wirtschaftlich liberalen Staat unter preussischer Führung, war aber gegen einen kriegerischen Konflikt mit Österreich. Russland lehnte den Plan als Fortsetzung der Politik der Paulskirche kategorisch ab und beharrte auf der Geltung der Verträge von 1814/15. Österreich pflichtete Russland bei und betonte dabei geschickt die Tatsache, dass der Schwarzenberg-Plan (zumindest territorial) mit den Verträgen vereinbar schien. Frankreich schließlich wünschte keine Veränderung in Mitteleuropa, solange sie keine Territorialgewinne für den eigenen Staat brachte. Die preussische Unionspolitik stieß also innerhalb und außerhalb Deutschlands auf Widerstand.

Nun kam es im November 1850 zu einem Konflikt zwischen Preussen und Österreich über die Frage, welche der beiden Mächte gegen innere Unruhen in Kurhessen einschreiten dürfe. Unter Vermittlung des Zaren Nikolaus I. einigten sie sich in der Punktuation von Olmütz (29. November 1850) zugunsten Österreichs und fanden zu einem Kompromiss in der deutschen Frage: Gemeinsam mit allen anderen deutschen Staaten sollte über eine Reform des Deutschen Bundes und die staatliche Neuorganisation Mitteleuropas verhandelt werden. Bei den folgenden Dresdner Konferenzen (Januar – Mai 1851) versuchte Österreich, die Idee des 70-Millionen-Reiches durchzusetzen, scheiterte aber wie Radowitz an der Opposition der deutschen Staaten und vor allem am massiven Widerstand der europäischen Großmächte, da der Schwarzenberg-Plan aus dem passiven Ordnungsfaktor in Mitteleuropa ein Instrument österreichischer Machtpolitik gemacht hätte. Die Verlagerung der Schlüsselposition von den Flügelmächten in die Mitte Europas hätte aber das Mächtegleichgewicht bedroht. Verbunden mit massiven Drohungen verwiesen die Mächte auf den Charakter des Deutschen Bundes als Konstruktion des europäischen Rechts und erzwangen so die Rückkehr zu den Rechtsgrundlagen der vorrevolutionären Zeit. Die Wiederherstellung des Deutschen Bundes nach ergebnislosen Verhandlungen in Dresden hinterließ den Eindruck, die „deutsche Frage“ sei unlösbar. Stattdessen wurde der deutsche Dualismus deutlicher als in der vorrevolutionären Zeit, und Preussen und Österreich beschränkten sich in Deutschland auf die Stärkung der eigenen Machtstellung. Dabei gelang Preussen mit der Verschmelzung des Deutschen Zollvereins mit dem hannoverschen Steuerverein (7. September 1851) ein erneuter wirtschaftspolitischer Erfolg. Die preussische Wirtschaft erhielt dadurch einen Zugang zur Nordsee. 1853 wurde außerdem der Zollverein um zwölf Jahre verlängert. Da die österreichische Wirtschaft den niedrigen Zöllen nicht gewachsen war, blieb der Kaiserstaat auch diesmal ausgeschlossen. Die Vergrößerung des Zollvereins verstärkte Preussens Verankerung in Deutschland und festigte die wirtschaftliche Dominanz, auf denen später die Machtpolitik Otto von Bismarcks aufbaute.

Bismarck, seit 1847 konservativer preussischer Landtagsabgeordneter, spielte bereits in den 50er Jahren eine entscheidende Rolle in der preussischen Deutschlandpolitik, nachdem er im Frühjahr 1851 zum Gesandten beim Frankfurter Bundestag ernannt worden war. Dort bemühte er sich, die Anerkennung der gleichberechtigten Stellung Preussens durch die Präsidialmacht Österreich zu erreichen und praktizierte zunächst konsequente Obstruktionspolitik. Da aber die wichtigen Mittelstaaten sich meist an Österreich orientierten, empfahl er, auf europäischer Ebene Verbündete zu suchen. Die informelle Drohung mit einer preussisch-französischen Allianz betrachtete Bismarck als besonders geeignetes Druckmittel. Tatsächlich wollte er sich um eine Mittelstellung zwischen Österreich und Frankreich („Politik des Angelpunkts“) bemühen, um die beiden Mächte gegeneinander ausspielen zu können.