Vom Wiener System zur Wiener Ordnung 1818 – 1822

Auch nach dem Kongress von Aachen versuchte Metternich weiterhin, seine Ordnungspolitik im europäischen Maßstab durchzusetzen. Dazu war es notwendig, die österreichischen Vorstellungen zunächst gegenüber den Staaten des Deutschen Bundes durchzusetzen, denn der Verlust der Dominanz im Bund hätte auch die Großmachtstellung der Habsburger Monarchie empfindlich getroffen. Angesichts des Auflebens der nationalen Kräfte im Deutschen Bund (Wartburgfest der Deutschen Burschenschaft 1817) nutzte der Staatskanzler Österreichs Stellung als Präsidialmacht, um die Einzelstaaten auf seine Linie zu bringen, wobei er die Unterstützung Preussens erhielt. Die in Karlsbad auf einer Ministerialkonferenz des Deutschen Bundes am 20. September 1819 beschlossenen Repressionsgesetze gegen nationale und liberale Bewegungen (Karlsbader Beschlüsse) bildeten den Ausgangspunkt der antiliberalen Kooperation der beiden Vormächte im Deutschen Bund. Um seine Repressionspolitik im zweiten Schritt wie geplant zu europäisieren, forderte Metternich England und Russland auf, die Karlsbader Beschlüsse anzuerkennen. Dies bedeutete für Castlereagh ein Dilemma: Einerseits wollte er Metternichs Führungsrolle im Deutschen Bund stärken, um den russischen Einfluss auf Deutschland zu begrenzen, und billigte im Prinzip auch eine harte Repression. Andererseits konnte er nicht so unabhängig von der öffentlichen Meinung agieren wie die Politiker der autokratischen kontinentalen Staaten und musste zudem Rücksicht auf seine Kritiker im Parlament nehmen, die eine zu weitreichende Verknüpfung Englands mit Kontinentaleuropa fürchteten. Deshalb erklärte er die Karlsbader Beschlüsse zu einem Resultat des legitimen Bemühens, innenpolitisch für die Aufrechterhaltung der Ruhe zu sorgen, betonte aber gleichzeitig, eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Deutschlands sei England nicht möglich. Dies hatte zur Folge, dass Metternich seine anti-revolutionäre Politik innerhalb des Deutschen Bundes autonom verwirklichen konnte – aber auch musste. Obwohl die Bundesakte auch Bestandteil der Kongressakte war, wurde die Innenpolitik des Bundes von der europäischen Bühne entfernt und den beiden Großmächten Österreich und Preussen überantwortet. Dementsprechend gelang es Metternich auf den folgenden Ministerialkonferenzen zur Präzisierung der Bundesakte, alle Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes in der Wiener Schlussakte (15. Mai 1820) auf sein konservatives Ordnungsprinzip zu verpflichten und damit auch die konstitutionellen süddeutschen Mittelstaaten Bayern, Württemberg und Baden (das sog. „dritte Deutschland“) in den nicht-konstitutionellen Teil des Bundes und damit Europas einzugliedern, so dass die liberale Bewegung in diesen Staaten in einen unvermittelt scharfen Gegensatz zum Bundestag und den jeweils eigenen Regierungen geriet.

Der Konflikt zwischen der sozialkonservativen Prinzipienpolitik der drei Ostmächte und der englischen Haltung brach schließlich angesichts der nationalen Erhebungen in Spanien, Portugal und im Königreich Neapel aus. Metternich und der Zar befürworteten eine Intervention in den betreffenden Ländern In England dagegen wehrten sich Kabinett und Parlament gegen ein Interventionsverständnis, das mehr umfasst als ein Einschreiten bei zwischenstaatlichen Konflikten. Unter dem Druck seiner Kritiker (darunter sein Nachfolger Canning) verfasste Castlereagh ein State Paper (5. Mai 1820), in dem er ein allgemeines Interventionsrecht als Prinzip der anti-revolutionären Politik der Großmächte klar ablehnte, die Möglichkeit eigener Intervention im Einzelfall aber nicht ausschloss. England präsentierte damit ein Kontrastprogramm zu Metternichs Vorstellungen und leitete faktisch die Abkehr von der Allianz der Großmächte ein, auch wenn Castlereagh sich bis zu seinem Tod 1822 noch um Zusammenarbeit bemühte. Hierin zeigte sich die Unvereinbarkeit der Einbindung in das europäische Vertragssystem und völliger außenpolitischer Handlungsfreiheit, die in den folgenden Jahren zum Rückzug Englands aus den politischen Bindungen führen sollte. Die prinzipienpolitische Kooperation aller Großmächte im europäischen Rahmen war damit gescheitert, und Metternichs Idee, die Abwehr der Kräfte der Bewegung zur gemeinsamen Sache Europas zu machen, erwies sich als Illusion.

Mit der englischen Ablehnung konfrontiert, proklamierten Russland, Österreich und Preussen auf dem Kongress von Troppau (23. Oktober – 8. Dezember 1820) um so nachdrücklicher eine umfassende anti-revolutionäre Interventionspolitik. Das Konferenzprotokoll sah vor, revolutionär veränderte Staaten notfalls mit Gewalt „in den Schoß der großen Allianz“ zurückzuführen. Die Vertreter Englands und Frankreichs verweigerten ihre Unterschrift. In Troppau begann die Blockbildung in das anti-revolutionäre Gesinnungsbündnis der drei Ostmonarchen und die betonte Gemeinsamkeit der konstitutionellen Westmächte, die sich auf den Kongressen in Laibach (1821) und Verona (1822) fortsetzte. Dieser Prozess wurde aber immer wieder durch machtpolitische Interessen der einzelnen Staaten überlagert: Trotz seiner Ablehnung des Interventionsprogramms ließ sich z.B. Frankreich von den Ostmächten zur Intervention in Spanien ermächtigen, um den französischen Einfluss auf Spanien zu stärken. Überhaupt trug Frankreichs „Schaukelpolitik“ zur Durchlässigkeit der Blöcke stark bei.

Aber auch der griechische Freiheitskampf seit 1821 machte die Grenzen der Blockbildung deutlich: Aus machtpolitischen Erwägungen und religiöser Verbundenheit (christliche Orthodoxie) begünstigte Russland gemeinsam mit England und Frankreich den Aufstand der Griechen gegen die osmanische Herrschaft (ohne das Legitimitätsprinzip formell aufzugeben), während Österreich die Bewegung streng legitimistisch verurteilte. Mit dem auf preussische Vermittlung zustande gekommenen Frieden von Adrianopel (14. Sep 1829) endete der russisch-türkische Krieg (seit 1828). Russland erhielt neben den Schutzrechten über das souveräne Griechenland auch die Kontrolle über die Donaumündungen. Metternichs Prinzipienpolitik, die sich stark auf das System der Konferenzen stützte, war bereits durch die offene Abkehr Englands vom Allianzsystem unter Castlereaghs Nachfolger Canning (seit 1822) stark eingeschränkt worden, durch die Machtpolitik des Zaren verlor sie weiteren Spielraum. Mit dem Ende des Wiener Systems in den Jahren 1820-22 begann die Ära der Wiener Ordnung, in der Gespräche nur noch dann einberufen wurden, wenn akute Krisen auch Kriegsgefahr einschlossen, wenn also eine pragmatische Einigung erforderlich war und prinzipienpolitische Differenzen im Hintergrund gehalten werden konnten. Im Gegensatz zur Systemzeit war diese Phase geprägt von einem weiteren Spielraum für einzelstaatliche Interessenpolitik, die nur da begrenzt wurde, wo sie die vertraglich geregelte Gleichgewichtsordnung berührte.